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sie zum Schiffe", sagte der starke Mann. "Es ist zwar ein wenig weit, aber ich geh einen guten Schritt, dass ich gegen Mitternacht wieder da bin, und dann hol ich den Herrn mit seiner Kutsche und seinen Leuten nach."

"Herrlich!" rief Kakerlak voll Freuden. "Aber wenn sie uns nachsetzten und unser Schiff einholten?" – "dafür bin ich gut", antwortete der Windmacher. "Lasst sie nur kommen; das Nachsetzen soll ihnen schon vergehn."

Wie es abgeredet war, so geschah es. Der Laufer lief und bestellte das Schiff; der starke Mann nahm die Königin Ypsilon und den Prinzen Alfabeta auf die Schultern, den versteinerten Lord Antick auf den Kopf, Prinzessin Friss-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro unter die arme und holte bei guter Zeit den Herrn Kakerlak nebst Kutsch und Leuten nach. Alles ging gut, wenn nicht ein schadenfroher Geist ein altes andächtiges Mütterchen an diesen Ort führte, wo sie bei den vermeinten Heiligenbildern die bösen Träume wegbeten wollte, wovon sie alle Nächte geplagt wurde. Sie kam eben an, als der starke Mann die Gruppe auflud, und verriet den Diebstahl; es wurde Lärm im ganzen land, und der Bassa gab sogleich Befehl, dem Diebe zu wasser und zu land nachzusetzen. Es liefen Schiffe aus dem Hafen und verfolgten mit allen möglichen Kräften das Kakerlakische; aber ihr guten Schiffe, wie ging's euch? Da stand mein Windmacher am Ufer und blies mit dem rechten Nasenloche des Lords Schiff in die See hinaus und mit dem linken die türkische Flotte in den Hafen zurück. Da beide weit genug auseinander waren, ging er wieder zu seiner Windmühle; der starke Mann war schon auf dem Wege zu seinem Zahnstocherholze und der gewaltige Laufer eine gute Strecke über die türkische Grenze hinaus.

Kakerlaks Liebe zu den Altertümern wuchs unterwegs mit jeder Minute; das Wachstum ging nicht mit rechten Dingen zu; Hexe Tausendschön war schuld daran. Sie hatte ihn schon unterrichtet, was für eine Rolle er spielen sollte, als sie ihm Lord Anticks Kleider anzog, und er fuhr daher bei seiner Ankunft in London gerade vor die wohnung dieses Herrn. Mylady machte sehr grosse Augen, da sie einen ganz andern Mann bekam, als sie vor einiger Zeit aus ihren Armen reisen liess; denn ihr wirklicher Herr Gemahl hatte viel Ähnliches mit einem Kürbis, und der falsche glich eher einer welken Rübe, so wenig konnte er sich noch immer von dem langen Aufentalt in der Schneewolke erholen. Ebensosehr waren die beiden Altertumsforscher erstaunt, als sie eine Gruppe, die bei ihrer Anwesenheit in Asien aus vier Figuren bestand, jetzt mit einer vermehrt fanden; alles schrie über Wunder.

Welch Entzücken, als Kakerlak in die Galerie trat, wovon er nun Herr war. Mit ernstem Lächeln stand Der Liebe mächt'ge Königin Vor allen oben an und war Beherrscherin Im Saal wie in der Welt. Sie deckt mit keuscher Hand (Da ihr der lose Künstler kein Gewand Um Hüft' und Beine warf), was keine Venus gern Vor einer Galerie voll Männeraugen zeigt. Der sittsam edle blick hält die Verwegnen fern Und sagt, was jede spricht, sosehr sie schweigt: "Ich schreck euch ab, damit ihr in mich dringt; Ich widersteh, damit ihr mich bezwingt; Ich decke zu, damit ihr suchen sollt. Bewundrung wird mir sehr, doch Liebe mehr

behagen;

Erratet das, ihr Herren, wenn ihr wollt; Ich schäme mich, es euch zu sagen." An ihrer Seite steht mit lockenreichem Haupt In Jünglingsschönheit der Apoll, An welchen Winckelmann10, von Fanatismus voll, Wie an den einz'gegen Gott der Künstler glaubt. Der Gladiator hebt mit wilder Siegesmiene Den nervenstarken Arm und horcht erwartungsvoll, Dass von dem Marmorsitz der blut'gegen Todesbühne Des volkes Befehl ertönt, die dargebotne Brust Des hingestreckten Gegners zu durchbohren. So weibisch zart, als wär er nicht zum Mann geboren, Schlägt hier, ein Gegenstand der wunderbarsten Lust, Ein lächelnder Kinäd die Augen nieder, Beschämt durch den Kontrast der Fechterglieder, In männlicher Gestalt nur halb ein Mann zu sein. Kakerlak wendet sich verachtend von ihm und erblickt Den edlen Priester, den, zum Lohn Für patriot'schen Rat, zwei giftgefüllte Schlangen Auf einer Göttin Ruf mit grauser Wut umfangenDen leidenden Laokoon. Wie krümmt sich der zurückgeworfne Nacken, Der langgestreckten Zunge zu entfliehn! Wie stöhnt mit wild verzerrtem auge und Backen Aus aufgerissnem Mund der Schmerz, der ihn In der durchgrabnen Brust ergreift, indem sein Blut Die Ungeheuer ihm mit durst'ger Wut Aus den geschwollnen Adern ziehen! Allentalben im ganzen saal nichts als Schönheit, männliche und weibliche! Jeder Reiz unverhüllt! Alle Götter und Göttinnen des Olymps, alle Reste der griechischen und römischen Kunst! Ein wahrer Tempel der Schönheit! Wer ist glücklicher als Kakerlak, dem dieser Tempel gehört?

Er ging in die Gemäldegalerie; wie entzückte ihn ihr Anblick!, denn Ihm fiel beim Eintritt ins gesicht Der Keuschheit Monument, die rührende geschichte, Wie ein verwegner Mann in Strauch und Busch sich

steckt,

Dianens Reize zu belauschen11, Wenn sie, nebst einem Chor von Nymphen,

unbedeckt,

Mit sorgenlosem Scherz sich in dem Bade neckt, Und wie der Herr durch unbedachtsam Rauschen Sich in der Trunkenheit der Neubegier verrät. Wie hier mit keuschem Grimm der Wälder Göttin

fleht!

Sie bringt sogleich mit einer Hand ihr Bestes Vor dem profanen auge in Sicherheit. Da