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einen Menschen, der mit ungläublicher Geschwindigkeit lief. "Halt!" rief der Lord. Der Mensch stand. – "Warum läufst du so?" – "Zu meinem Vergnügen." – "Wohin?" – "So weit es festes Land gibt. Ich habe mir angewöhnt, alle Jahr einmal quer durch die halbe Welt zu laufen; ich setze in Spanien an und höre in Japan auf. Ich bin gut zu fuss, wie Sie daraus abnehmen können, und liebe die Bewegung; also tu ich aus blosser Liebhaberei jährlich so einen kleinen Spaziergang. Wo treffen wir uns?" – Der Lord nennte ihm den Ort, den ihm Hexe Tausendschön eingab und wo er in drei oder vier Tagen sein wollte. – "Gut!" antwortete der gewaltige Laufer, "so tu ich indessen einen kleinen gang zum Kaiser von China und bin zur bestimmten Zeit wieder da. Gott befohlen." – Dort flog mein Laufer hin, dass er dem Lord in einer Sekunde schon wie eine Mücke aussah, so weit war er.

Den Tag darauf, als er an einem Gebirge hin fuhr, sah er eine Menge starke Eichbäume den Berg herabgehn. "Bin ich denn im land der Wunder?" rief er und liess halten. Er hatte wohl Ursache, sich zu wundern, denn er sah den Menschen nicht, der die Eichbäume trug. "Nun begreif ich wohl, wie zwölf so starke Eichen sich bewegen können", sagte er, als er den Kopf des Mannes erblickte, auf dessen Schultern sie lagen. "Guter Freund! He da! Du trägst ja einen ganzen Wald. Du willst dir wohl ein recht warmes Stübchen machen, dass du so vieles Holz zusammenschleppst?" – "Ach nein, lieber Herr", antwortete der starke Mann, "ich tue das nur zum Vergnügen. Ich vertreibe mir die Zeit damit, dass ich Zahnstocher mache; das ist nun einmal meine Liebhaberei, und um nicht zu oft zu gehen, hol ich mir immer ein Dutzend Bäume auf einmal, damit ich das Kernholz zu meinen Zahnstochern aussuchen kann." – "Willst du mit mir?" fragte Kakerlak auf seiner Beschützerin Eingeben. – "Das tu ich wohl; ich bin ohnehin müssig. Ich will mein Holzbündelchen hier abwerfen; es wird mir's wohl niemand wegtragen, bis ich wiederkomme." – Er setzte sich hinter die Kutsche.

"God damn me!" rief der Lord am folgenden Tage des Morgens früh zwischen neun und zehn Uhr. "Postknecht, halt! Welch neues Wunder ist das? Hierzulande geht ja alles wider die gesetz der natur." – Auf einem Berge stand eine grosse Windmühle, deren Flügel sich jetzt rechts und den Augenblick darauf links bewegten. "Das ist kein Wind aus dieser Welt, der einen so wunderlichen gang hat", sprach er voll Erstaunen und sah sich nach Leuten um, die er fragen könnte, woher die Windmüller hierzulande ihren Wind bekämen; indem er seine Augen überall herumwandte, wurde er bei dem fuss des Bergs einen Mann gewahr, der an einem Weidenbaume lehnte und sich ein Nasenloch um das andre zuhielt. Er fuhr vollends zu ihm hin und fragte ihn, woher es käme, dass sich hierzulande die Windmühlen so sonderbar drehten. "Ha, ha", antwortete der Mann, "das mach ich." – "Du? Wieso?" – "Sieht Er? Da halt ich mir das linke Nasenloch zu und blase mit dem rechten, und die Windflügel gehen so herum; drauf halte ich das rechte Nasenloch zu und blase mit dem linken, und die Flügel drehn sich anders um. Es ist sehr leicht, wer es kann." – "Aber warum das?" – "Zu meinem Vergnügen; der liebe Gott hat mir gute Tage gegeben, und so ist das mein Zeitvertreib." – "Komm mit mir." – "Von Herzen gern; ich habe ohnehin Langeweile zu haus." – Er setzte sich neben den starken Mann, und Kakerlak freute sich schon, das schönste Raritätenkabinett in England zu besitzen, wenn er als Lord Antick dahin käme und drei so sonderbare Leute mitbrächte, als ihm diese drei Tage begegnet waren.

Er kam an den bestimmten Ort und fand den starken Fussgänger, der schon seit einigen Stunden aus China wieder zurück war und ungeduldig auf ihn wartete. Kakerlak war zwar kein Liebhaber von steinernen Schönheiten, aber weil ihm seine Beschützerin dies Vergnügen bestimmt hatte, so lenkte sie seinen blick vor allen auf die Königin Ypsilon, als er bei der Antike anlangte. Ein Rest von alter Liebe erwachte in ihm, ohne dass er selbst es wusste, und die Hexe Tausendschön nützte diese aufwallende Empfindung so geschickt, dass er ein ausserordentliches Verlangen nach dieser antiken Gruppe bekam; er konnte nicht bleiben, wenn er sie nicht mit nach England nehmen durfte; gleichwohl lief er grosse Gefahr, vom volk in Stücken zerrissen zu werden, wenn er sie anrührte. Er ging mit seinen drei Wundermenschen zu Rate, wie er sie des Nachts heimlich fortbringen sollte. "Nichts leichter als das!" riefen sie alle.

"Ich laufe gegen Abend ans Meer und bestelle ein Schiff", sprach der gewaltige Laufer. "Es wird drei oder vier Tagreisen weit sein; das ist mir ein Spaziergang."

"Und in der Dämmerung nehm ich die steinernen Männer und Weiber auf die Schulter und trage