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zu fallen; plötzlich schlug Schabernack die Königin ins Gesicht, dass sie sich im Augenblicke mit ausgestreckten Händen zu Stein verhärtete, und schon holte die erbitterte Hexe aus, um dem armen Kakerlak ein gleiches Schicksal zuzubereiten, aber Tausendschön war geschwinder als sie; der Schlag war noch einen Strohhalm breit von seinem Backen, so fuhr sie wie ein Wind mit ihm zu den Wolken hinauf.

Hexe Schabernack schrie und stampfte vor Ärger, knirschte mit den Zähnen, raufte sich die Haare aus und wusste nicht, an wem sie sich zuerst rächen sollte; wie ein ungezognes Mädchen, das seinen Zorn an leblosen Dingen auslässt, wenn nichts Lebendiges bei der Hand ist, raffte sie hände voll Schnee auf und schleuderte sie tobend nach allen vier Winden hin. Als sie ihre Galle ein wenig ausgerast hatte, setzte sie den beiden Entflohenen nach, die ihren Zorn erregten; aber wie weit waren die schon! Sie verdoppelte ihren Schritt, und nach langem Herumschweifen in den Lüften sah sie die Gegenstände ihres Hasses auf einem Baume ausruhn. Wie der Habicht, wenn er eine Taube erblickt, schoss sie herab; Hexe Tausendschön war nicht so einfältig, dass sie die Ankunft ruhig abwartete; nein, wie die Zornige herabfuhr, fuhr sie mit ihrem Kakerlak hinauf in eine Schneewolke, und jene, die sich nicht gleich aufhalten konnte, rennte in den hohlen Baum hinein, wo ihre entflohene Schwester gesessen hatte.

"O so versinke, verwünschter Baum", rief sie voll Zorn, "versinke mit mir bis zum Mittelpunkte der Erde, dass ich nimmermehr die Verhasste wieder erblicke, die mir alle meine Anschläge vereitelt!" – Eine Hexe wünscht nichts, das nicht gleich geschieht. Der Baum versank mit ihr, und sie bereute ihren übereilten tollen Wunsch nicht wenig, als sie im Mittelpunkte der Erde steckte, so eine ungeheure Last Steine, Kot, Kies, Leimen und Sand auf sich liegen hatte und bis über die Ohren mit ihrem Baume im wasser schwamm.

Hexe Tausendschön wusste zwar den Aufentalt ihrer Schwester nicht und hielt sich daher ganz inkognito in der Schneewolke auf, bis der Frühling kam, wo es keine Schneewolken vor Hitze am Himmel mehr aushalten konnten. Da auf diese Weise auch auf der Erde der Schnee wegschmolz, so kam die versteinerte Königin Ypsilon mit ihrer übrigen versteinerten Gesellschaft an einem Orte zum Vorschein, wo vorher keine steinerne Figuren standen. Der Ruf dieser sonderbaren Erscheinung breitete sich aus; die Einwohner, die Türken waren, taten Wallfahrten hin, weil sie sehr richtig schlossen, dass vier steinerne Figuren, die niemand an diesen Ort getragen hätte, entweder vom Himmel oder aus der Erde gekommen sein müssten und in beiden Fällen Wunderwerke wären, die wohl einen gang verdienten. Zwei englische Altertumsforscher, die sich eben in der dortigen Gegend aufhielten, um griechische Schuhsohlen zu graben, liefen gleich, so geschwind als möglich, um vier Figuren zu sehen, die aus den zeiten des Lysimachus waren, wie sie schon gewiss wussten, ohne sie gesehen zu haben; wie gewiss musste nun vollends die Gewissheit an Ort und Stelle werden! Sie überlegten unterwegs, ob sie einen Apoll, eine Minerva, einen Satyr oder Priap finden wollten; kaum warfen sie einen blick darauf, so waren sie so fest überzeugt als durch eine Offenbarung, dass alle vier Figuren den Lysimachus zum Meister hatten: Der echte griechische Stil! Lauter schöne griechische Umrisse! Eine herrliche Gruppe! Niemand kann das sein als Niobe, wozu sie die Königin Ypsilon machten. Welcher erhabene Ausdruck des Schmerzes und der mütterlichen Betrübnis! Prinz Alfabeta wurde zum Apoll mit dem niefehlenden Bogen, weil er zu einer Zeit versteinerte, wo er speiste, und also den Bratenknochen, wovon er eben frühstückte, noch in der Hand hielt. Wie niedlich das Stück Bogen, wofür sie den Knochen ansahn, gearbeitet ist! Schade, dass ihn der Zahn der Zeit so grausam zernagt hat! Schade, dass von einem so trefflichen Kunstwerke nur zwei Kinder übrig sind!

Sie reisten mit dem ersten Schiffe nach haus und machten einen Lärm von der Entdeckung, als wenn der grosse Prophet in Asien zu sehen wäre. Lord Antick, ein grosser Liebhaber und Sammler der Altertümer, reiste sogleich in eigener person dahin, um die neuentdeckte Niobe und den niefehlenden9 Apoll in seine Gewalt zu bekommen, wenn er sie auch stehlen sollte. "Vortrefflich!" rief Hexe Tausendschön, als sie ihn aus dem Schiffe steigen sah. "Bald soll mein lieber Kakerlak ein neues Vergnügen finden, dessen er gewiss nicht überdrüssig wird. Wen sollte die Schönheit ermüden? Triumph! Diesmal wird er mich erlösen."

In der ersten Nacht, nachdem Mylord auf dem festen land angelangt war, zog ihn Hexe Tausendschön vom Kopf bis zu den Füssen aus und versetzte ihn an den Ort der Antike, die ihn nach Asien lockte, schlug ihn dreimal mit ihren Flügeln, und er wurde zu Stein. Kakerlak wurde in des Lords Bette gelegt, stand des Morgens als Lord Antick auf, zog sich an und setzte sich als Lord Antick in die Kutsche, nicht wenig erfreut, dass er einmal aus den hohen schwindligen Luftgegenden wieder auf festem Grund und Boden war.

Der neue Lord sass nicht lange in der Kutsche, so pfiff etwas vorbei wie ein Vogel, der geschwind fliegt, über eine kleine Weile wieder und kurz darauf zum dritten Male. Er liess halten, um die Ursache einer so sonderbaren Erscheinung zu erfahren; indem er sich umsah, erblickte er