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begreifen, dass ein Mensch, der aus den Wolken, die Beine voran, in den Schnee fällt, nicht bloss ein Loch, sondern auch in dem Loche bei dem Durchbrechen den Abdruck seines Gesichts zurücklassen muss; tausend Leute können vielleicht vom Himmel in den Schnee fallen, ohne ihr Gesicht darinnen abzudrücken; Kakerlaks Fall war aber unter tausenden der einzige, wo es geschah.

"Was in aller Welt?" fing der Prinz an. "Das ist ja meine Physiognomie, so natürlich, als ich sie sonst alle Tage im Spiegel erblickte. Hier in diesem Loche muss mein Dieb stecken." – Man wird sich wundern, wie er das so genau wissen konnte, allein für ihn war es eine Kleinigkeit, so etwas zu erraten. Er schloss so: Wenn an dem Abdrucke, den ein Mensch von seiner Physiognomie im Schnee macht, die Nase unterwärts steht, so muss er nicht aus dem Schnee, sondern in den Schnee gefallen sein; nun finde ich hier die Nase unterwärts gekehrt, folglich muss der Dieb meiner Physiognomie hineingefallen sein und noch darinne stekken. Mit dieser ungemeinen Gabe zu schliessen konnte er zuweilen Dinge ausfindig machen, die im Mittelpunkte der Erde verborgen waren.

Ohne sich lange zu bedenken, machte er Anstalt, den Dieb auszugraben, und es glückte ihm auch, wiewohl mit vieler Mühe. Kaum hatte er den halberfrornen Kakerlak aus dem Schnee ans Tageslicht gezogen, so fiel er über ihn her wie ein Wütender und wollte sich sein gestohlnes Eigentum mit Gewalttätigkeit wiederverschaffen. Das ganze Gesicht konnte dabei zugrunde gehen, wenn nicht Hexe Tausendschön dazwischenkam. Der Prinz hatte den falschen Grundsatz, dass er die Haut und die Physiognomie für einerlei Ding hielt und dass man daher nur die eine vom Gesicht abzuziehn brauchte, um die andre zu bekommen. Wegen dieser höchst irrigen Voraussetzung machte er schon einen merklichen Anfang, Kakerlaks Gesicht zu schälen, als ihm das Vögelchen plötzlich mit solcher Heftigkeit in die Ohren pfiff, dass ihm alle Sinne stillstanden; das Blut in den Adern gerann, und aus dem Herrn Prinzen, der die Leute schälen wollte, wurde eine Bildsäule. Die Königin Ypsilon schlang ihre arme um den kalten Stein und wollte ihn an ihrer Brust zum Leben erwärmen; sie weinte die heissesten Tränen, dass die herabrollenden Tropfen den Schnee schmelzten. Aber welch ein Jammer! Der Schnee konnte den steinernen Gemahl nicht tragen, und mitten in ihrer Umarmung sank der Verwandelte hinab. Sie wandte sich zu Kakerlak, den sie für nichts weniger als einen Zauberer hielt, und bat ihn mit einem Fussfalle, aus dem versunknen Steine wieder einen hübschen Prinzen zu machen, allein sie bekam keine Antwort, denn der arme Zauberer wusste selbst nicht, ob Tag oder Nacht war.

Unterdessen wurde der Aufentalt in einem kalten Schneehaufen für das unruhige Temperament der Prinzessin Friss-mich-nicht beschwerlich; sie arbeitete mit Händen und Füssen und warf den Schnee über sich auf wie ein Maulwurf das Erdreich. Nach langer Arbeit kam sie glücklich heraus und wurde neben sich ihren Bruder gewahr, der vermöge seines ungemein philosophischen Charakters sich in seinem Loche nicht rührte, sondern gelassen wartete, bis ihn jemand herausziehen wollte; weil die Prinzessin wohl raten konnte, worauf er hoffte, so bot sie ihm die hände und half ihm an die freie Luft. Welch Erstaunen, als beide ihre Mutter erblickten! Die Königin geriet ausser sich, so plötzlich ihre Kinder hier zu finden, flog mit offnen Armen auf sie zu und bat sie, sich mit ihr diesem grausamen Zauberer, der ihr den Trost ihres Lebens geraubt hätte, zu Füssen zu werfen. Prinzessin Friss-mich-nicht hatte die löbliche Gewohnheit, bei jeder zweideutigen Rede immer das schlimmste zu verstehn, und da das Weinen den Ton ihrer Mutter undeutlich machte, so verstand sie, dass sie diesen Zauberer erdrosseln sollte. Im grund war wohl Hexe Schabernack an dem bösen Missverständnisse schuld, weil sie aus ihrem Brunnen der Prinzessin in die Ohren rief: "Erdrossele ihn!" So etwas liess sie sich nur einmal sagen und fuhr deswegen dem vermeinten Zauberer voll Wut nach der Kehle; schnell pfiff ihr das Vögelchen in die Ohren, und sie wurde zu Stein, indem sie zudrücken wollte.

Der Prinz sah mit unbeschreiblicher Kaltblütigkeit zu und gähnte; Hexe Schabernack, die den Liebling ihrer Feindin durchaus tot haben wollte, hauchte dem Prinzen etwas von ihrem feurigen Odem ein, um ihn ein wenig tätiger zu machen. Das Mittel wirkte unmittelbar auf sein Blut: Alles an ihm wurde so behend, so lebhaft, dass er kein Glied stillhalten konnte; aber da sein gutmütiges Herz keines Argen fähig war, so verwandelte sich die eingeatmete Lebhaftigkeit in Vergnügen: Er tanzte im Schnee herum, als wenn er von Sinnen wäre, und wollte sich fast zu tod lachen. Tausendschön schlug ein höhnendes Gelächter auf, dass die Absichten ihrer Widersacherin so fehlschlugen; diese blies unaufhörlich wie ein Blasebalg, und je mehr sie blies, desto mehr tanzte und lachte der Prinz. Vor Ärger, dass er nimmermehr grausam werden wollte, gab sie ihm eine Ohrfeige; es ist bekannt, dass man bei einer Hexenohrfeige niemals mit dem Leben davonkommt, und wer es etwa nicht weiss, kann es hier bewiesen sehen, denn der Prinz wurde augenblicklich zu Stein.

Nun war grosse Not: Denn eben erkannte die Königin ihren vorigen Gemahl, und eben erkannte der vorige König von Butam seine vorige Gemahlin. Beide hatten schon die arme ausgestreckt, sich um den Hals