unglücklichen Krieg führte, um seine Physiognomie wiederzuerobern, und sie doch nicht wiederbekam, sondern sogar in die Gefangenschaft geriet, das wissen wir; dass er noch immer in der Gefangenschaft und ohne Physiognomie war, als sein Überwinder, der König von Butam, wieder Kakerlak wurde und die Reise zum Herrn von Blunderbuss antrat, das wissen wir auch; dass er sich aber mit der Königin Ypsilon vermählte und darauf in ihrer Gesellschaft einen Ritt um die Welt tat, das weiss niemand als ich, und darum will ich's jetzt erzählen.
Die Verwunderung auf dem schloss zu Butam war nicht klein, als man so plötzlich den König, die Prinzessin Friss-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro vermisste; tot waren sie nicht, denn ihre Leichname hätten doch dasein müssen; ausgefahren auch nicht, denn alle Pferde standen richtig im Stalle und alle Kutschen richtig im Wagenschuppen. Sollten sie ausgegangen sein? – Ein König, eine Prinzessin und ein Prinz werden wohl so weit zu fuss gehen? Man spekulierte gewaltig über den Vorfall, und nachdem die meisten am hof sich durch vieles Nachdenken Kopfweh gemacht hatten, errieten sie wirklich die wahre Ursache. Man sagte allgemein: "Das geht nicht mit rechten Dingen zu." Die Königin liess an allen Orten suchen, wo ein Mensch Platz hatte; da war kein König von Butam, keine Prinzessin und kein Prinz. Als sie merkte, dass sie sich schlechterdings nicht wollten finden lassen, fasste sie sich in Geduld und befahl, Hoftrauer anzusagen.
Der Prinz Alfabeta hörte kaum in seiner Gefangenschaft, dass der König für tot erklärt wäre, als er schon auf Mittel zu seiner Befreiung dachte, die ihm nunmehr sehr leicht zu bewirken schien, weil die Damen gemeiniglich mitleidig gegen die Mannspersonen sind. Wie er hoffte, so geschah es; er liess der Regentin nur melden, dass es ihm ausser der Gefangenschaft besser gefiele, so erhielt er die Erlaubnis, vor ihr zu erscheinen. Er wusste seine traurigen Schicksale mit so rührender Beredsamkeit vorzutragen und vorzüglich den Verlust der Physiognomie in ein solches Licht zu setzen, dass der Dame das Herz brach und die Augen in Tränen zerflossen.
Der Prinz wurde jeden Tag interessanter, und da er einsah, wie tief er ins Herz der Königin eingedrungen war, wagte er den kühnen Streich, um ihre Hand anzuhalten. – "Sehr viel Vergnügen, aber ein Prinz ohne Physiognomie ..." Wie zog sich mein Prinz in eine demütige Ferne zurück, als er das hörte! Er nahm sich es zwar sehr zu Herzen, und obgleich die Betrübnis seine Seele daniederdrückte, so verliess ihn doch sein Talent zu gefallen nicht ganz. Er besass die unnachahmliche Kunst, den Ton eines ungeschmierten Wagenrads so natürlich nachzumachen, dass alle Menschen, die ihn bloss hörten und nicht sahen, auf ihre Seele schworen: "Das ist kein Prinz, sondern ein Wagenrad." Der Königin ging es nicht besser; er machte sein Kunststück im Nebenzimmer, und sie fragte gleich, ob die Leute toll wären, dass sie mit Schubkarren und Wagen in den Zimmern herumführen; der Prinz kam zu ihr herein, und ob er ihr gleich beteuerte, dass er es wäre, so wollte sie ihm doch nicht glauben; desto mehr lachte sie, als er sie aus ihrem Irrtum riss, und seitdem liess sie ihn allemal rufen, wenn sie Langeweile hatte, und bat ihn: "Prinz, machen Sie einmal das Wagenrad."
Diese Gunst munterte ihn auf, sein Ansuchen um ihre Hand zu wiederholen; sie fühlte ihre Schwäche und den Eindruck, den seine Talente auf ihr Herz gemacht hatten; sie gab also nach und gewährte seine Bitte. Sobald er König von Butam und ihr Gemahl war, tat er einen fürchterlichen Eid, dass er die ganze Welt durchreisen und nicht eher in seinem schloss wieder schlafen wollte, als bis er seine Physiognomie gefunden hätte. Seine Gemahlin, die erst seit einem Tage mit ihm vermählt war und ihn daher ausserordentlich liebte, willigte unter keiner andern Bedingung in seine Abreise, als wenn er sie zur Begleiterin annähme; wollte er nicht umsonst geschworen haben, so musste er die Bedingung wohl eingehn.
Da sie die ganze Welt durchreisten, so mussten sie notwendig auch einmal an den Ort kommen, wo Kakerlak mit den beiden andern vom Himmel in den Schnee gefallen war, und es ist daher nichts weniger als unwahrscheinlich, dass sie gerade zu der Zeit hinkamen, als die drei Gefallnen im Schnee lagen und noch nicht wieder heraus waren; dergleichen wunderbare Zufälle geschehn alle Tage in der Welt. Etwas unwahrscheinlicher ist es, dass sie auch an diesem Orte hielten, abstiegen und assen; aber was kann ich dafür? Genug, es geschah; sie waren hungrig und stiegen also ab.
Bei solchen abenteuerlichen Reisen, die man in seinem Leben nur einmal tut, schleppt man kein Zelt mit sich; der Prinz und der Reitknecht müssen sich, einer sowohl als der andre, unter den blauen Himmel hinsetzen und ihr Stückchen Essen von der Faust verzehren. So ging es auch hier: Sie setzten sich in den Schnee und assen, was sie hatten. Der ehmalige Prinz Alfabeta, jetzt Gemahl der Königin Ypsilon und dermalen König von Butam, hatte sich auf seiner grossen Reise das Beobachten sehr angewöhnt und wurde daher augenblicklich das Loch gewahr, das Kakerlak in den Schnee machte, als er vom Himmel hineinfiel. Wer die natur aufmerksam studiert hat, dem wird es nicht schwer sein zu