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so weit aufmachte, als es sich natürlicherweise tun liess. Je weniger sie buhlte, je weniger sie ihm ihre Liebe anbot, desto begieriger verlangte er nach ihr; die leidenschaft frass so schnell um sich in seinem herz, dass er schmachtete. Ganz natürlich ging es mit dieser Geschwindigkeit nicht zu, sonst wäre sie unwahrscheinlich; die Hexe hatte die Hand im Spiele.

Nun tat unser Herr Sultan den ganzen Tag nichts als girren, seufzen und ächzen; er verschrieb mehr Papier zu Sonetten, Oden und Liedern als seine Justizräte zu Akten. Sieben Nächte tat er kein Auge zu, und erst in der achten glückte ihm ein halbstündiger Schlummer; er sprach in lauter Ausrufungen und sagte in einer halben Viertelstunde mehr "Ach! Oh! Ah!" als andere Leute in ihrem ganzen Leben. Solche heftige Gemütsbewegungen sind kein Spass: Man kann daran sterben, wenn die Sache lange währt. Auch nahm sein Bauch täglich ab, und die innerliche Liebesglut zehrte ihn so gewaltig aus, dass er der magerste Sultan wurde, der jemals auf dem ottomanischen Trone sass.

Die Hexe Schabernack hoffte zwar, dass er es mit seiner Empfindsamkeit nicht immer so treiben könnte, aber es war ihr schon zuwider, dass ihre Schwester sich nur mit der Einbildung, durch ihn befreit zu werden, vergnügen sollte. Prinzessin Friss-mich-nicht, ihre gewöhnliche Unglücksstifterin, erhielt von ihr eine männliche stimme, die eine gute Quinte tiefer stand als die bisherige, ob sie gleich an sich nicht die sanfteste war und sich dem Brüllen ein wenig näherte; sie musste sich in den einen Winkel des Zimmers stellen, ihr Bruder in den andernversteht sich, beide unsichtbar, wie es bei Hexengeschichten gebräuchlich ist. Der Sultan lag auf dem Sofa, vor Liebe krank; die reizende Kaschmirin stand vor ihm, und mit hochklopfendem herz, schmachtender Miene, abgebrochnen Seufzern und tiefgerührtem Schmerze sah er unverwandt in die schönen blauen Augen, die ihn so tödlich verwundet hatten; dabei schoss seine bekümmerte Seele mitten durch die Betrübnis so brennende Liebesstrahlen um sich herum, dass der Göttin seines Herzens die Augen übergingen, als wenn sie in die Sonne sähe.

"Anbetenswürdige Schönheit", fing die Prinzessin mit der Mannsstimme in ihrem Winkel an. "Himmlische Tochter der Liebe! Lange hat dein Knecht im stillen nach dir geschmachtet, lange den Sternen, Tälern und Bergen sein Leid geklagt. Länger kann ich meine Neigung in der Brust nicht verschliessen, wenn sie nicht bersten soll: Schönster Engel des Paradiesesich liebe dich."

So patetisch sie dies sprach, so sanft und schmelzend hub der Prinz Lamdaminiro in seinem Winkel an:

Schönstes Blümchen auf der Weide!

Mein Entzücken, meine Freude!

Richt auf mich die Äuglein beide;

Siehe, was ich Armer leide;

Eh ich tot von hinnen scheide,

Rette, Täubchen, rette mich!

Schönstes Blümchen auf der Weide,

Himmelskind, ich liebe dich.

"Bei dem Barte des grossen Propheten", rief der Sultan und sprang wütend auf. "Wer sind die Bösewichter, die mir unter der Nase dem geliebten gegenstand meines Herzens ihre Liebeserklärungen tun? – Verschnittene! He! gleich stranguliert mir die Schurken!"

Es lässt sich übel strangulieren, wenn die Leute unsichtbar sind; die Verschnittenen suchten in allen Zimmern die Hälse, die von ihnen stranguliert werden sollten, und statteten den untertänigsten Bericht ab, dass nirgends etwas zu finden wäre, das man strangulieren könnte, und dass Seiner sultanischen Hoheit, mit Respekt zu sagen, die Ohren geklungen haben müssten.

Kaum waren sie aus dem Zimmer, so fing die Prinzessin wieder an: "Erhabne Tochter des himmels, mein Herz ist ein Feuerofen, meine Seele ein Volkan; lösche mit deinen paradiesischen Blicken die Flammen, die mich verzehren. Der brennende Schlund meines Herzens wirft Seufzer und Klagen aus; die Klagen strömen aus meinem mund wie eine Lava. Holdeste Huri des Paradieses, ich liebe dich."

Der Prinz nahm das Wort:

Schönstes Schäfchen auf der Aue!

Süsses Herzenslämmchen, schaue,

Wie bewegt von Tränentaue

Ich hier schmachte kümmerlich!

Schönstes Schäfchen auf der Aue.

Herzenslämmchen, liebe mich!

Der Sultan kannte sich nicht vor Zorn und liess augenblicklich Grosswesir und Mufti holen; sie kamen, und er befahl, im ganzen Serail alle Mannspersonen zu spiessen, die verliebt aussähen. Sie gingen beide und sahen allen Mannspersonen scharf in die Augen, brachten aber die Nachricht zurück, dass kein einziger im Serail verliebt aussähe, denn es wären lauter Verschnittene. Es liesse sich daher nach reiflicher Überlegung nichts anders mutmassen, als dass es nicht mit rechten Dingen zuginge oder dass Seiner sultanischen Hoheit, mit Respekt zu melden, die Ohren geklungen haben müssten.

Sie waren noch nicht aus dem Palaste, so gingen die herzbrechenden Liebesklagen von neuem an; wie jedes vorhin allein jammerte, so machten sie jetzt ein Duett zusammen, so rührend, dass die Fensterscheiben hätten schmelzen mögen. Der Sultan ergriff einen Dolch, mit Diamanten besetzt, und raste im Zimmer herum, stach in alle Winkel, fluchte und tobte so fürchterlich, dass die reizende Kaschmirin, die von dem verliebten Winseln nichts hörte, ihm mit Tränen zu fuss fiel und flehentlich bat, er möchte doch ja nicht verrückt werden. Lief er nach dem Prinzen hin, um ihn zu ermorden, so klatschte die Prinzessin hinter seinem rücken mit dem mund, als wenn sie die schöne Kaschmirin küsste; wandte er sich mit dem Dolche nach