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Zwei Lippen ... Doch was quäl ich mich, sie zu
beschreiben?
So viel ist nun schon klar, es fehlte nichts, um sich
Mit blossem sehen die Zeit vortrefflich zu
vertreiben.
Auch setzte Herr Kakerlak seine Philosophie ganz beiseite und wurde so sehr Sultan, dass er aufstand, um die niedliche Sängerin bei der Hand zu fassen, als eine neue Schönheit hereintrat.
Aus China brachte sie ein schlauer Handelsmann,
Der tausend nur Prozent an ihr gewann,
Ins kaiserliche Lustgehege,
Doch bloss als eine Seltenheit,
Wie mancher von den reichen Erdensöhnen,
Die keine Sultan' sind, mit porzellänen Schönen
Aus China und Japan und solcher Kostbarkeit
Kamin und Tische schmückt; es ist nicht zum
Gefallen,
Zum Nutzen noch zur Lust, nur einzig – zum
Besehn.
Das Wundertier blieb an der tür stehen
Und liess nicht einen blick auf unsern Sultan fallen.
Ein lebend Ebenbild der strengsten Sittsamkeit,
Die Augen stets gesenkt, die hände, Busen,
Nacken
In seidnen Stoff versteckt und immer auf den
Backen
Das sanfte Rot verschämter Schüchternheit,
So stand sie leblos da, wie Albrecht Dürers8
Damen,
Mit klösterlicher Blödigkeit.
Der Sultan sah erstaunt die ausgerissnen
Augenbramen,
Die bleiche Totenfarb im ernsten Angesicht.
Er fragte sie und wusste nicht,
Wie ihm geschah, denn ihrer Antwort Töne
Erschallten durch zwei Reihn pechschwarz
gefärbter Zähne.
Er drehte sie herum und fand
Ein neues Wunderwerk: Ein Schritt entdeckte,
Was ihm bisher das lange Kleid versteckte –
Ein Füsschen, klein wie eine Kinderhand.
"Bei Mahomet", begann der Sultan laut zu fluchen,
"Hier mag ich nicht nach Wundern weiter suchen;
Es könnte mich vielleicht gereun."
"Du bist kein Hausrat in ein Serail; geh!" – und mit diesen Worten wies der erzürnte Sultan der ehrbaren Chineserin mit den pechschwarzen Zähnen und den kleinen Füsschen die tür. Er wollte sich eben zur Kaschmirin hinwenden:
Schnell flog im wilden Tanz der Wollust und der
Freude
Zirkassiens schönstes Mädchen herein.
Die vollen Brüste schwollen beide
Durchs weichende Gewand, das, leicht geschürzt,
allein
Die Hüften deckt' und alles unverhüllet
Dem Auge liess, was unterm Feigenblatt
Die Mutter Eva nicht verbarg. Ihr Lied erfüllet
Des Sultans Herz, das nie so hoch geschlagen hat,
Mit einem süssen Weh, den Kopf mit süssem
Schwindel.
Dergleichen überaus angenehmer Fall kam unserm Herrn Sultan nicht vor, solang er auf der Welt war, um soviel weniger darf man es ihm verdenken, wenn er ihn etwas angriff. Die Göttin der Wollust schien den schönsten Körper zu ihrer wohnung gewählt zu haben, um in eigener person die Standhaftigkeit des armen Kakerlaks zu bestürmen. Das verzweifelte Sultanskleid musste schuld daran sein, denn sie hatte kaum zwei Minuten getanzt und gesungen, so griff er schon nach dem Schnupftuche, und zu Anfange der dritten lag er schon in ihren Armen, so gross war seine Not.
Nun wird ein schönes Leben angehn, lieber Leser; da wir beide auf Ehrbarkeit halten, so kann ich unmöglich etwas erzählen, das du lieber denkst als liest. So viel kann man aber doch ohne Schamröte sagen, dass der Hexe Schabernack bei der Sache angst wurde: Sie verzweifelte selbst, dass sie dem Herrn Kakerlak diese Schüssel jemals verekeln könnte. Weiber sollen nie erfinderischer sein, als wenn sie einen Fehler begangen haben; ist auch dieser Grundsatz nicht richtig, so handelte doch die Hexe so, als wenn er's wäre. Sie sah ein, dass sie dem Übel hätte zuvorkommen und statt der Zirkasserin nur die verlegendsten Schönheiten des Serails zum Sultan führen sollen; um also die Befreiung ihrer Schwester, des Fehlers ungeachtet, zu hindern, steckte sie die Prinzessin Friss-mich-nicht unter sein Kopfküssen. Kaum näherte er sich dem Vergnügen, so erhob der Unhold unter dem Kopfküssen ein Zetergeschrei, als wenn das grösste Unglück von der Welt geschähe, der Sultan hörte nicht. In der nächsten Nacht gesellte sich die Hexe selbst dazu, und alle drei brüllten so grässlich, wie bei Menschengedenken in der Welt nicht gebrüllt wurde, der Sultan hörte nicht.
Die Hexe war des Spasses desto überdrüssiger, je weniger der Sultan es werden wollte. Zum Glücke hatte sie in ihren jüngern Jahren einmal gelesen, dass man am leichtesten satt wird, wenn man sich überisst, und liess wegen dieser scharfsinnigen Bemerkung der natur freie wirkung, und was geschah? Der Herr Sultan überass sich und wurde so satt, dass ich es nicht erzählen kann.
"Warte!" rief Hexe Tausendschön und erzürnte sich zum ersten Male in ihrem Leben, weil sie sich einbildete, dass ihm ihre tückische Schwester den Überdruss beigebracht hätte. "Warte! Der Sultan soll mich doch, dir zum Trotze, erlösen; auf dies Vergnügen setzte ich meine ganze Hoffnung; ich dachte, dass es ihm nun der Tod unschmackhaft machen sollte, und doch hast du mir meine Hoffnung vereitelt! Warte, du schadenfrohe Schwester! Was die Wollust bei einem Philosophen nicht vermag, wird die Liebe tun."
Sogleich führte sie die reizende Kaschmirin zum Sultan, der matt und verdrüsslich auf der Ottomane lag, halb schlummerte und halb wachte und von den genossnen Freuden nicht einmal gern träumte. Er blinzte das Mädchen an, als sie vor ihm hintrat, wie eine Sache, wobei man denkt, wenn es nur etwas anders wäre! Gleichwohl sah er nicht weg; sie wurde ihm gar im kurzen so interessant, dass er nicht mehr blinzte, sondern die Augen