wohl, dass eine solche Überladung den Überdruss am schnellsten herbeiführen musste, und darum hatte sie ihn so listig zur Unmässigkeit zu bringen gesucht. Wie sie wollte, so geschah es: Als der Weiseste unter den Weisen von dem Schlaf erwachte, worein ihn die Trunkenheit versetzte, fühlte er sich so matt, so zerschlagen! Seine Philosophie war so schwach wie sein Kopf, der nicht einmal Gedanken genug zusammenbringen konnte, um sich an die Lobsprüche zu erinnern, die ihm des tages vorher aus dem Weinglase entgegentönten. Kraftlos schleppte sich der grosse Kakerlak in einen Stuhl, seufzte und klagte in lauten Jammertönen über die Erniedrigung seines denkenden Wesens, über die Schande, dass sich seine geistige Substanz so von den Sinnen hintergehn und so mildtätig berauschen liess. "Wie bin ich gesunken!" rief er. "Nimmermehr werde ich wieder der weise Kak ..."
Husch! war das Vögelchen da und flog mit ihm davon.
Hexe Schabernack war nicht fauler als ihre Schwester. Husch! gab sie dem betrunkenen Blunderbuss eine Ohrfeige, packte Prinzessin und Prinzen auf und jagte mit ihnen so geschwind, als eine Hexe durch die Lüfte fahren kann, den beiden Abgereisten nach. Die Ohrfeige, die der Betrunkene zum Abschied empfing, hatte eine eigne Kraft: Sie verwandelte ihn in ein grosses Passglas, woran sein Wappen und Porträt geschnitten war und seine Ohren die Henkel ausmachten; es wird noch jetzt als ein Familienstück aufbewahrt und hat grossen heraldischen Nutzen.
Viertes Buch
Für Hexen ist ein Trab von Teutschland nach Konstantinopel so wenig als für ein paar Beine, die keiner Hexe gehören, der Weg aus der stube in die Schlafkammer; sie hatten kaum dreimal nach der Ausfahrt Atem geschöpft, so lag schon Kakerlak in einem Spargelbeet im Garten des Serails zu Konstantinopel.
Der Grosssultan ging eben mit tiefem Nachdenken im mittelsten Gange spazieren und überlegte, bei welcher Gemahlin er die künftige Nacht schlafen wollte; da er ein sehr spekulativer Herr war und zur Auflösung des vorhabenden Problems alle seine Gedanken versammelt hatte, so merkte er nicht einmal, dass ihm Hexe Tausendschön das Kleid vom leib, den Turban vom kopf und die Stiefeln von den Füssen wegblies und ihm dafür Kakerlaks Kleidung anzauberte. Jetzt hatte er glücklich seine Beratschlagung geendigt, einen Entschluss gefasst und wollte seinem Maître des plaisirs die nötigen Befehle erteilen: Ach, du armer Grosssultan! Wie schlimm wurde dir zumute, als du dich in einem andern Kleide erblicktest! In dem Kleide eines Ungläubigen! Da du nur in einem einzigen Artikel, den die Hexe aus Schamhaftigkeit ungekränkt liess, ein Muselmann warst!
Er sagte sich zwar gleich, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge, allein die Hexerei war ihm eben zu so höchst ungelegner Zeit geschehn, dass er alles daran wagte, um in den Palast zu dringen: Es half ihm nichts, dem armen Grosssultan. Die Wache liess ihn zurück und führte ihn gar ins Gefängnis, dass er sich unterstanden hatte, in den geheiligten Garten des Serails zu kommen; er beteuerte und schwor bei dem Barte des grossen Propheten, dass er der Herr des Palasts wäre: Es half ihm nichts, dem armen Grosssultan; es erkannte ihn niemand dafür, weil ihm des Grosssultans Kleid fehlte. Kakerlak, dem seine Beschützerin des Sultans Kleid angezogen hatte, kam vom Spargelbeete majestätisch dahergeschritten und wurde um seines Kleides willen mit der tiefsten Ehrfurcht eingelassen. Er ging auf den Wink seiner Beschützerin die Treppe hinan, die hohe Flügeltüre des Zimmers öffnete sich.
Nachlässig warf er sich auf einen Sofa hin,
Elastisch nahm in eine tiefe Höhle
Der seidne Sitz ihn auf. Mit Augen voller Seele,
In gang und Miene Reiz, tritt eine Sängerin,
Mit vorteilhafter Kunst in leichten Flor gehüllt,
Durch den ein Busen schielt, mit Reichtum
überfüllt,
Wie eine Grazie daher.
Mit Absicht und doch stets als durch ein Ungefähr
Lässt ihm Gebärd und Schritt verborgne Reiz'
entdecken,
Um einen Wunsch zum Trotz der Weisheit zu
erwecken,
Bei dem auch Catos Wangen glühn;
Bescheiden gnug, um anzuziehn,
Und frei genug, nicht abzuschrecken,
Erwartungsvoll, dass man sie zwingt zu fliehn,
Um dann, erhascht nach langem Sträuben,
Mit Widerwillen gern gezwungen dazubleiben.
Der neue Sultan rieb sich die Stirne, seufzte und winkte; sie nahm seinen Wink für einen Befehl an und sang. Ihre sultanische Hoheit hatten nur Augen, aber keine Ohren! Er konnte seinen blick an der niedlichen Figur nicht sättigen.
Das Vaterland der Schönen war Kaschmir,
Von der natur gewählt zum Sitz der Liebe.
Von schweren Wolken niemals trübe,
Mit ew'gem Grün geschmückt, deckt ein Gebirge
hier
Aufs wollustreiche Land den langgedehnten
Schatten,
Dass nicht der Sonne Strahl der Schönheit Blüte
sengt,
Die Lebensgeister nie in schwüler Glut ermatten
Und träge Düsterheit auf keiner Stirne hängt;
Dort atmet stets vom nahen Meergestade
Ein kühlend Lüftchen her, belebt des Jünglings
Mut,
Giesst in des Mädchens feurig Blut
Die milde Zärtlichkeit, weht von des Lebens Pfade
Die Sorgen weg und macht
Den feingewebten Sinn den Freuden immer offen.
Wo die natur so freundlich lacht,
Da lässt sich mit Gewissheit hoffen,
Dass sie nur Grazien, nur Götterbilder schafft;
Doch hier hat ihre Schöpferkraft
Durch Niedlichkeit sich selber übertroffen.
Zwei arme, kugelrund, vom feinsten Wachs
bossiert,
Mit einer Haut so zart wie Eierweiss glasiert;
Zwei Augen, die so viel, was man nicht sagt,
verlangen,
Zwei rote hochgewölbte Wangen,
Die jedem Mund befehlen: "Küsse mich!