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versammelte er seine Brüderschaft aus dem ganzen Umkreise. Ihre Überlegung ging ohne allen Streit und ohne alle Verschiedenheit der Meinungen vonstatten, denn der ganze Synodus traf gleich die Wahrheit und entschied einmütig, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge und dass hier nichts als ein recht starker Exorzismus helfen könnte. Sie fingen ihre Beschwörungen an, und je mehr sie dem vermeinten Teufel zusetzten, desto erzürnter tobte die Blunderbussische Seele in ihrer wohnung herum. Die Beschwörer fuhren unablässig fort und winkten sich mit freudigem Lächeln zu, dass sie nach ihrer Meinung dem bösen Feinde so viel Angst machten; sie beschworen so lange, bis sie müde und hungrig wurden, und beschlossen daher, sich zu Tische zu setzen und sich zum Kriege wider den Teufel neue Kräfte zu sammeln.

Der vermeinte Besessene wurde wie rasend, als man ihn in seinem eigenen haus vom Tische ausschloss und einer Diät unterwarf, die ihm nicht wohl behagte; die Paters assen und tranken mit gutem Appetit zur Ehre des Sieges, den sie bald über den Satan zu erlangen hofften.

Die Hexe Schabernack, die auf jeden Schritt ihrer verwiesenen Schwester genau achtgab, machte indessen Gegenanstalten. Sie schloss so: Der Körper eines mässigen Philosophen und die Seele eines Trunkenbolds sind zwei Dinge, aus deren Zusammensetzung der vollkommenste Mensch entstehen kann; der Körper hält die Seele zurück, wenn sie mit ihren Begierden die Grenzen überschreiten will, und die Seele treibt den Körper an, wenn er in der Mässigkeit zu weit geht. Ein solcher Mensch wird sich also beständig im glücklichsten Gleichgewichte befinden, nie zu viel und nie zu wenig begehren und folglich von keinem Vergnügen so viel kosten, dass er Überladung, Sättigung und Überdruss befürchten darf.

Sie bewunderte die grosse Menschenkenntnis, die ihre Schwester auf ein so sinnreiches Mittel gebracht hatte, wodurch sie ihre Erlösung unfehlbar bewirken könnte; sie stahl daher die Prinzessin Friss-mich-nicht und ihren Bruder aus dem Bette und kam mit ihnen eben an, als die Teufelsbeschwörer bei Tische sassen. Augenblicklich verwandelte die tückische Hexe die Prinzessin in ein grosses Deckelglas, mit schönen Figuren und sinnreichen Versen geziert.

Die Geisterbeschwörer wurden durch den Wein so munter, dass sie endlich gar eine Gesundheit wider den bösen Feind ausbrachten; sie suchten das grösste Dekkelglas aus, das im haus zu finden war, und ihre Wahl musste vor allen das bezauberte treffen, weil es sich selbst durch seine Grösse empfahl. Es wurde mit vieler Freude angefüllt, und der Oberste in der Gesellschaft setzte es an den Mund. "Au!" schrie er, wollte das Deckelglas auf den Tisch stellen und konnte nicht, denn die Prinzessin Friss-mich-nicht biss ihn so heftig in die Lippen, dass sie sich nicht losmachen liessen. "Au, au, au", rief der gebissne Pater unaufhörlich und rennte in der stube herum, das Deckelglas an den Lippen. Um ihren Mitbruder aus des Teufels Gewalt zu befreien, fingen sie mit lauter stimme an, das Dekkelglas zu exorzisieren, und um sie desto mehr zu plagen, liess die Prinzessin nach. Sobald es von den Lippen war, wurde es auf den Tisch gestellt, von neuem angefüllt, exorzisiert; aber es blieb dabei: Wer es an den Mund setzte, wurde gebissen und schrie "Au".

Da sich dieser böse Geist durchaus nicht zum Gehorsam bringen lassen wollte, so wählte man das kleinste Glas auf dem Schenktische, weil ein so enges Behältnis nur einen kleinen Satan entalten könnte. Schön getroffen! Als sie danach griffen, steckte die Hexe Schabernack den Prinzen Lamdaminiro hinein. Kaum war es gefüllt und kaum hatte es der erste den Lippen genähert, so sprang ihm das Glas auf den rücken; der Prinz bildete sich ein, auf einem Pferde zu sitzen, gab dem schreienden Pater die Sporen und trabte auf ihm im Zimmer herum, setzte über Stühle und Tische und ruhte nicht eher, als bis sein vermeinter Gaul atemlos und entkräftet zur Erde sank. Die übrigen, die für eine solche Reuterei dankten, wollten der Ehre entfliehn und stürzten sich mit schrecklichem Getöse zur tür hinaus.

Hier schwenkt, dass Glas und Teller zerbricht,

Sich über den Tisch ein flüchtiger Pater;

Dort kriecht ein schwerbeleibter Herr Konfrater

Mit Ächzen unterm Tisch dahin; ein andrer ficht

Mit Händen und Füssen, sich Raum zur Flucht zu

verschaffen;

Hier dieser schützt sich mit geistlichen Waffen,

Dort jener ergreift in der Angst den Braten zum

Schild.

Man drängt sich, man stösst sich, man bittet, man

schilt;

Hier betet man "Jesus Maria", dort schreit man

"Au wehe",

Der eine beklagt die Schulter, der andre die Zehe;

Man winselt, man weint, man blökt, man schwitzt;

Denn jeder glaubt, dass der Satan mit blutigen

Sporen ihn ritzt.

Sie entkamen diesem Abenteuer, um einem andern zu begegnen. Kakerlaks Seele und der Blunderbussische Körper waren indessen im Weinfasse aufgewacht. Sosehr sich die Seele über das sonderbare enge Wohnhaus verwunderte, so verwunderte sie sich doch noch mehr über die Veränderung zunächst um sich herum. Sie bekam von ihrem neuen gefährten ganz andere Empfindungen als sonst; solange sie in einem sichtbaren Körper wohnte, war aus ihm kein so brennender Durst zu ihr aufgestiegen wie jetzt; alle Triebe, die durch die sterbliche Maschine in ihr erregt wurden, waren Triebe der Unmässigkeit, alle Gefühle widersprachen ihren grundsätzen und Begriffen. Wollte sie nicht vom Drange ihrer Empfindungen überwältigt sein, so musste sie sich beizeiten in Autorität setzen