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keins glaubte. "Wie wohl war mir", sagte er, "da ich noch in meinem stillen, einsamen Häuschen den Stein der Weisen und die Naturkräfte suchte; ich fand zwar keins von beiden, aber ich war doch durch die eingebildete Hoffnung glücklich, dass ich sie finden würde. Wie ist der Weg des Genusses in diesem Leben so kurz! Er führt in einem kleinen Zirkel herum, und mit sechs Schritten ist man wieder an dem Orte, wo der Weg anfing. Ach wär ich noch der weise Kak ... "

Ohne seinen Willen hatte er in seinem Verdrusse den Ton ausgesprochen, der ihn daraus erretten sollte; das Vögelchen kam auf diesen Ruf herbei, lud ihn auf seine Flügel und führte ihn weit von Butam hinweg zum schloss eines deutschen Edelmanns, der nach den damaligen Sitten soviel trinken konnte als zwanzig Sterbliche in unserm gegenwärtigen entkräfteten Menschenalter.

Drittes Buch

Der Herr von Blunderbuss lag im tiefsten Schlafe, als sie vor seiner Residenz anlangten, schnarchte und träumte von den Spässen, die ihn des Nachts vorher bei dem Weinglase belustigten. Die Hexe setzte indessen ihren Freund Kakerlak in einem leeren Weinfasse ab, das auf dem hof stand, schläferte ihn ein und sann auf Mittel, ihn zu einem noch ungenossnen Vergnügen geschickt zu machen.

Was sie mit ihm im Sinne hat, lässt sich ohne das mindeste Nachdenken erraten: Er soll den Wein austrinken, den der Herr von Blunderbuss in seinem Keller liegen hat. Die grösste Schwierigkeit war nur, wie ihm seine Beschützerin einen so grossen Durst beibringen sollte, als zu einem solchen Unternehmen gehörte, da er zeitlebens in allen tierischen Bedürfnissen so mässig gewesen war, wie es sich von einem Philosophen verlangen lässt, und da er selbst als König von Butam diese Mässigkeit beibehalten hatte; denn ob er gleich die köstlichsten Weine auf die Tafel setzen liess, so liebte er sie doch nur als eine Art von Pracht, ohne jemals davon zu trinken.

Das Vögelchen sass vor dem Schlafzimmer des Herrn von Blunderbuss, ernstaft nachdenkend, und fand kein besseres Mittel zur Ausführung ihres Plans, als dass sie die Seelen der beiden Leute vertauschte. Kakerlaks Seele und Körper, sagte es sich, sind beide so mässig, dass sie in diesem schloss Jahrhunderte wohnen könnten, ohne sich das Vergnügen zunutze zu machen, das hier zu haben ist; aber wenn ich dem mässigen Körper eine durstige Seele zur Aufsicht gebe, so muss er wohl trinken, er mag wollen oder nicht.

Dies tiefgedachte Urteil beweist, dass die Hexe stark in der Logik sein musste und dass sie einen scharfen blick in die Ökonomie des menschlichen Wesens getan hatte. So schnell, als man denkt, hatten die beiden Seelen ihre Wohnhäuser verwechselt, und damit der Blunderbussische Körper nicht etwa Händel anfinge, wenn ihm seine neue herrschaft nicht anstände, so musste er mit ihr im Weinfasse sein Quartier nehmen; das Vögelchen begab sich hinweg, sobald die Zauberoperation geschehn war.

Noch nie sah man so deutlich, wie schlimm es in einem haus hergeht, wenn Herr und Diener nicht zusammenpassen, als da die Blunderbussische Seele und der Kakerlakische Körper aus dem Bette aufstehn wollten. Sie war von den Dünsten des gestrigen Rausches noch umnebelt; sie merkte wohl, dass im Gehirn um ihr her alles anders war wie sonst, aber ans Nachdenken nicht sonderlich gewohnt, liess sie sich nichts anfechten, sondern fing an, ihre Maschine in Bewegung zu setzen. Welche Unordnung! Wenn sie ein Bein aufheben wollte, zog sie am arme; anstatt den Arm zu bewegen, zog sie am mund; es ging ihr wie einem Puppenspieler, wenn er die Faden verfehlt, womit er seine agierenden Personen regiert. Da sie schlechterdings nicht mit ihm zurechtkommen konnte, ergriff sie die kürzeste Partie und gab ihm einen Stoss, dass er zum Bette herausrollte. Der Bediente des Herrn von Blunderbuss, der diese Art aufzustehn bei seinem Herrn gewohnt war, argwohnte nichts Ausserordentliches, sondern kam auf das Geräusch des Falles sehr gelassen herbeigeschritten, seinem Herrn auf die Beine und in einen Stuhl zu verhelfen. Desto grösser war sein Erstaunen, da er den gefallnen Körper aufrichtete und eine ganz andere Nase, andere Augen, hände und Füsse und sogar eine kleinere Statur an ihm erblickte, als sein Herr bisher hatte; er konnte mit allem seinen Nachsinnen keine natürliche hinreichende Ursache zu einer solchen Veränderung finden und vermutete daher sehr richtig, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge. Die Blunderbussische Seele wollte zu trinken fodern, aber die Kakerlakische Zunge, die der deutschen Sprache nicht mächtig war, brachte nach vielen Verzerrungen des Gesichts ein kauderwälsches Gemisch hervor, das halb aus Teutsch und halb aus der Sprache von Butam zusammengesetzt war. Der Bediente, der keine Silbe verstand, fragte voll Verlegenheit einmal über das andere, und je mehr er fragte, desto mehr übereilte sich die Seele in ihrem Unwillen, desto mehr grimassierte das Gesicht, desto verwirrter sprach die Zunge. "Mein Herr muss besessen sein", sagte der erschrockene Mensch und eilte mit allen Kräften, den Pater herbeizuholen, der ihn exorzisieren sollte; die arme Seele musste indessen schmachten und plagte die Maschine ganz jämmerlich, die unter ihrem Befehle stand, wie ein schlechter Reuter ein stätiges Pferd, ohne sie vom stuhl bewegen zu können.

Der Pater kam an und war gleichfalls über die Veränderung nicht wenig erstaunt, da er den Tag vorher mit einem ganz andern Herrn von Blunderbuss gegessen und getrunken hatte; um nicht zu übereilt zu verfahren,