1784_Wezel_127_13.txt

gewälzt wie Wellen

drängen

Die Töne bald sich rauschend fort, bald schlüpft

Der schleichende Gesang herniederund erlischt,

Wie ein verliebter West um eine Tulpe wirbt,

Sie sanft berührt und dann mit leisem Seufzer

stirbt.

Wie von des Frühlings Hauch zum Leben

angefrischt,

Die Lerche wirbelnd steigt und in den Wolken

schlägt,

So steigt und sinket durch der Töne Leiter

Ein tönender Sopran in leichten Trillern weiter

Empor, als selbst Apollens Lyra trägt.

Durch ungetreue Lieb in Raserei versenkt,

Tobt die Prinzessin dort, dass Schlepp und Kleid

sich schwenkt;

Zorn brauset im Gesang, dass jede Nerve bebt,

Wenn die Beleidigte den Dolch zur Brust erhebt.

Die Heere ziehen, die Schilde klirren,

Der Donner rollt, am Himmel irren

Die Blitze kreuzend hin; im Augenblick

Wird der Palast zum Hain, der Hain zur öden

Wüste,

Die Wildnis eine Flur und durch ein Zauberstück

Ein Tempel aus der Flur. Ein schwebendes

Gerüste,

Mit Wolken reich behängt, mit Lampen schön

erhellt,

Trägt einen Gott herab, der seine Majestät

Mit banger Furcht vergisst, sich nach den Stricken

dreht

Und ängstlich sorgt, dass nicht die Wolkenkutsche

fällt

Und er den Götterhals auf seiner Reise bricht;

Doch langt er glücklich an, dann kommt in sein

Gesicht

Die Gotteit gleich zurück, und furchtbar ist's zu

sehen,

Wie er die Welt mit blick und Trillern jetzt

erschüttert,

Dass sie vor ihm, wie er vor seiner Reise, zittert.

Das Opfer flammt, die Priester flehn,

Parterr, nebst Logen, sehnt sich nach dem

Abendessen;

Man lässt den Gott, so gut er kann, nach haus

gehen

Und findet, wohl gespeist, die Oper doppelt schön.

Wie? wären bei dem Plan zwölf Stunden Nacht

vergessen?

Zu Freuden ungenützt, verschliefe man die

Nacht? –

Nein, weislich ward schon längst auf sie gedacht.

Ist nicht im Tanzsaal schon ein buntes Volk

versammelt,

Das sein Gesicht mit Wachs und Leinwand deckt,

Mit roten Wangen prahlt, mit Riesennasen

schreckt,

Oft durch die schwarze Mask ein schönes Auge

steckt,

Bald stumm durch Zeichen spricht, bald lispelt

oder stammelt?

Rauscht die Musik nicht schon mit wilder

Fröhlichkeit?

Wie schwebt die Perserin dort mit beflügeltem

Schritte,

Leichtfliegend und sanft wie ihr flatterndes Kleid!

Wie schielt sie bei jedem gemessenen Tritte

Nach lächelndem Beifall herum!

Ein krummgebückter Greis wirft seines Alters

Bürde

Gleich einer Feder ab und dreht wie ein Jüngling

sich um;

Ein Pfarr' vergisst auf einmal Ernst und Würde

Und schwenkt sich profan wie ein Weltkind herum;

Der eine hat Witz, der andre Biskuit zu

verschenken,

Mit Spott ergötzt sich der eine, der andre mit

Schwänken.

Kein einz'ger, der sich nicht in der falschen Rolle

gefällt,

Nicht seine wahre mit Freuden vergisst!

Das bunte Volk ist ganz das Bild der Welt;

Ein jeder scheint, was er nicht ist.

So ging es Tag für Tag; aber je mehr die Vergnügen sich drängten, desto geschwinder wurde der König sie überdrüssig. Er gähnte bei der Jagd, er gähnte bei Tische, er gähnte bei der Fuchshetze, er gähnte bei der Oper, er gähnte bei der Redoute, und um das beschwerliche Gähnen nicht zu einer Krankheit werden zu lassen, sann man auf Neuheit.

Das Possenspiel trat auf die Bühne,

An schönen Arien und Albernheiten reich.

In Locken wie ein Schlauch und mit verzerrter

Miene

Spielt einem Narren hier ein Närrchen einen

Streich.

Der Primadonna Spiel ersetzet an Grimassen,

Was an Verstand den Worten fehlt;

Sie liebt, sie wird betrübt und dann vermählt

Und weiss sich im Final vor Freuden nicht zu

fassen.

Man geht heraus; hat viel gehört und nichts

gedacht,

Hat alles toll genannt und doch gelacht.

Sobald die Neuheit dieser Possen vorbei war, so fing der König an gewaltiger zu gähnen als jemals; man riet also, sein abgenütztes Vergnügen mit etwas recht Starkem anzufrischen.

Mit Gift und Dolch, mit Tränen und mit Schrecken

Rauscht unter grausem Pomp das Trauerspiel

daher,

Das weiche Herz zu Furcht und Mitleid zu

erwecken.

Von Ehrgeiz angespornt, ermordet auf Begehr

Der Gattin ein Vasall den Herrn im sichern

Schlafe,

Steigt auf den Tron und wird ein grässlicher

Tyrann,

Würgt wie ein Wolf die waffenlosen Schafe,

Minister, General, Freund, Kinder, Weib und

Mann.

Doch bald verfolgt den Bösewicht die Strafe;

Die Geister der Erwürgten stehen

Vor ihm im Bett, vor ihm beim Freudenmahle,

Und die erschrocknen Augen sehen

Geronnen Blut im blinkenden Pokale.

Die Hexen kochen das schwarze Gemisch

Der Zaubersuppe, die Luft zu vergiften;

Die Winde sausen mit wildem Gezisch,

Und blasse Tote steigen aus Grüften,

Zu prophezein, dass schon den Dolch die Rache

zückt;

Und was geschieht? – Der Wütrich wird zerstückt

Und seine böse Frau verrückt.

"Ach!" rief der König. "Wollt ihr mich denn mit euren schrecklichen Lustbarkeiten ums Leben bringen? Solche abscheuliche Dinge machen schwere Träume. Dass mir in Zukunft kein Mensch mehr auf dem Teater verrückt wird, oder ich lass ihn gleich ins Tollhaus bringen und den Poeten dazu. Können die Leute nichts Lustiges spielen?" – Man gehorchte dem Verlangen.

Ein komisch Spiel durchgaukelte die Szene,

Mit Scherz und Laune Hand in Hand.

Mit Selbstgefallen buhlt die abgelebte Schöne

Und findet jeden dumm, der sie nicht reizend fand;

Der Alte predigt Sittenlehren,

Nennt's Torheit, wenn man liebt, und liebt, wenn's

niemand merkt;