1784_Wezel_127_12.txt

es geschah nichts. Sie wiederholte den Ausruf zum zweiten, zum dritten Male: Es geschah nichts. Verdriesslich schmähte sie schon bei sich auf die betrügerische Hexe, als sie von ungefähr ihren Gemahl anblickte und in seinem Gesicht eine ungewöhnliche Munterkeit wahrnahm, die immer mehr wuchs, je länger sie ihn ansah, und sich endlich so sehr vergrösserte, dass er sich des Tanzens nicht entalten konnte; er fasste sie bei der Hand, sang eine Bourrée und sprang mit ihr herum, dass sie beide zuletzt atemlos auf die Ottomane sanken. Er machte noch denselben Tag Anstalt, Opern, Seiltänzer, Virtuosen auf allen Instrumenten, Schauspieler, Kastraten, Sängerinnen, Taschenspieler und tausend andere edle und unedle Künstler in Dienste zu nehmen, und der Sackbewahrer, der wohl wusste, was es bedeutet, wenn der Monarch sich ganz auf die Seite des Vergnügens lenkt, machte diesmal nicht eine einzige Einwendung. Er schrieb mit eigener Hand an alle Orte, um das Vortreffliche in jeder Art des Vergnügens am hof des Königs zu versammeln; Opernteater wurden gebaut, worauf ein ganzes Regiment manövrieren konnte, Redoutensäle von ungeheurer Grösse, Amphiteater zu Tiergefechten, alles so gross und prächtig, als es die Imagination des Baumeisters zu ersinnen vermochte. Vom Morgen bis zum Abend tat man nichts, als dass man von Vergnügen zu Vergnügen eilte.

Kaum öffnete der Tag die Augenlider,

So hallte schon der Wald vom Jägerrufe wider.

Mit wildem Schreien treibt aus dem Gebüsch ins

Feld,

Von hohen Wänden weit umstellt,

Ein Bauernchor das scheue wild. Dort schreitet

Mit schwankendem Geweih der sichre Hirsch

hervor

Und bleibt mit Staunen stehen; er reckt den Hals

empor

Und ahndet keinen Tod. Ihm folgt, von ihm

geleitet,

Ein endenreicher Trupp in langen Reihen nach.

Der Büchse Donner schallt, der dreiste Führer

sinkt.

Die bange Schar, zum Fliehn vor Schrecken

schwach,

Sieht bebend, wie sein Blut der durst'ge Rasen

trinkt.

Der zweite Schuss pfeift durch die Luft und streckt

Den zweiten hin. Wie springt der geängstete

Haufen,

Dem drohenden Tod zu entlaufen!

Und findet ihn, wo er am wenigsten schreckt.

Hier hebt sich, über die Schranken zu hüpfen,

Ein Mut'ger empor und stürzt verwundet herab;

Ein andrer gräbt, darunter wegzuschlüpfen,

Sich listig einen Weg und gräbt sich sein Grab.

Ihr Toren flieht umsonst; was kann euch Schutz

gewähren?

Der Mensch ist euer Feind, aufs Rauben nur

bedacht,

Den nicht wie den empfindungsvollern Bären

Der Mangel bloss, den selbst die Lust zum Mörder

macht.

Das blut'ge Schauspiel ist vollbracht;

Man übersieht mit Stolz die totenvolle Szene.

Mit schallendem Triumphgetöne

Verlässt man sie und eilt, bei einem reichen Mahl

Die Heldentaten zu erzählen.

Man kehret zum Palast, ein andres Kleid zu

wählen,

Und neugeschmückt erscheint man festlich in dem

Saal,

Wo auf dem vollen Tisch aus Meere, Luft und

Garten,

Aus Süd und Ost die schönsten Leckerein

In tiefstudierter Ordnung warten,

Mit gleichem Reize Gaum und Auge zu erfreun.

Hier brüstet sich, aus buntem Teig geschaffen,

Ein spiegelreicher Pfau, den niemand essen mag;

Gleich unessbar und gleich bewundert, gaffen

Auf einem Berg von Moos mit ausgeholtem

Schlag,

Der niemals treffen wird, zwei Äffchen wild sich

an.

Ein Entenvölkchen schwimmt auf einem See von

Brühe;

An steilen Alpen klettern Kühe

Zum Gipfel, voller Schnee von Eierweiss, hinan;

Ein Eber lauscht mit scharfgewetztem Zahn

In einem Eichenwald von Petersil und Mandeln.

Kein Essen, das die Kunst in fremde Form nicht

zwang!

Die Kunst, mit der natur in ew'gem Zank,

Liess fisch' in Vögel sich verwandeln,

Schuf aus des Hasen Fleisch des Löwen furchtbar

Bild.

Bewundert ist die Pracht, der Appetit gestillt,

Die ganze Jagd erzählt, die Unterhaltung trocken.

"Was?" ruft der König aus und hält die Uhr

Mit Schrecken in der Hand, "beim zweiten Gange

nur

Und doch so spät? Die Hunde locken

Den Fuchs zum schweren Kampf." Er sagt's und

springt empor,

Die edle Zeit mit Klugheit einzuteilen

Und nicht bei einer Lust zu lange zu verweilen,

Wenn eine neue ruft. Ihm folgt der ganze Chor

Der satten Esser nach. Trompet' und Pauken

schallen;

Die Schranken öffnen sich, und unaufhaltsam fallen

Den langgeschwänzten Fuchs die Hunde bellend

an.

Sie bellen, und er beisst, sie beissen, und er schreit;

Er wehrt sich, flieht undstirbt, sobald er keins

mehr kann.

Doch, Muse, tut dir's nicht um deine Verse leid?

Verschwende sie an keine Grausamkeit!

Die Lust, die eines Tiers gequälter Tod gewährt,

Ist keines einz'gegen Verses wert.

Schon lange laurt im Opernsaal die Menge,

Bricht Bänk' und Arm' entzwei in drückendem

Gedränge

Und wünscht mit Ungeduld den Füchsen schnellen

Tod,

In Hoffnung länger nicht zu schmachten.

Jetzt rollt der Pauke Lärm daher, und tobend droht

Der Sinfonie Geräusch mit Krieg und blut'gegen

Schlachten.

Der Vorhang rauscht, und schnell wird alles Ohr.

Vom Schauplatz tönt ein stimmenvoller Chor

Mit feierlicher Pracht durch den gewölbten Saal

Und drückt dem Herz mit tiefen Zügen

Erstaunen ein. Ein Held, gekrönt mit Siegen,

Kehrt mit dem Heer zurück; er legt den blut'gegen

Stahl

In der Geliebten Schoss und weiht sich Amors

Kriegen.

Kühn, wie ein leichter Gems durch

Schweizerklippen hüpft,

Springt eine Meisterhand in labyrintschen Gängen

Die Silbersaiten durch;