folgt mit Toben der flatternden Fahne,
Man drängt sich, man beisst sich mit gierigem
Zahne,
Man ritzet und dreht in taumelnden Sprüngen sich
schnell.
"Platz!" schallt es plötzlich durch die Lüfte;
Gleich wird der Berg wie Tag von tausend fackeln
hell;
Es füllen ihn des Weihrauchs süsse Düfte,
Und leise tönt der lieblichste Gesang.
Da kommt mit feierlichem gang,
Mit Kränzen auf dem Haupt und in den Händen
Kerzen
Im schwarzen Totenkleid die ungezählte Schar,
Die unter Millionen Schmerzen
In Gallien auf dem Altar
Des rohen Aberglaubens brannte,
Die Teutschland zum Schafott als Zauberinnen
sandte,
Die sich in Spanien zur Zauberei bekannte,
Der Folter durch die Flammen zu entgehn.
Zum Lohn des Märtyrtods geniessen sie die Ehre,
Sich über alle zu erhöhn.
Sie sind umringt von einem grossen Heere
Trabanten in Kalott und Skapulier;
Die heil'gegen Väter sind's, durch deren Rachbegier
Der Pater Grandier6 im Scheiterhaufen flammte,
Weil er die Wunder frech verdammte,
Die doch ein Kloster tat. Wie haun
Ins Zaubervolk hinein die schwarzen pfaffen,
Dem langen zug Platz zu schaffen,
Den alle still in tiefer Ehrfurcht schaun!
Die ehrwürdige Schar nimmt mit den Obersten jedes Weltteils ihre Sitze ein; das Volk lagert sich im Schnee; die schwarzen Trabanten gebieten Stillschweigen, und die Hexe Schabernack tritt auf, um ihren Vortrag an die Versammlung zu tun; sie hustet dreimal und beginnt in Hexametern, die der Kanzleistil auf dem Brocken bei allen öffentlichen Reden erfodert:
Schwestern, die ihr durch Kunst die Herzen der
Menschen regieret,
Sie zu Wünschen entflammt, sie von
Leidenschaften hinweglenkt,
Hört mich mit willigem Ohr! Gerecht beschlossen
wir letztin
Mit einmütigem Spruch, die Verwegne von uns zu
stossen,
Die des Schicksals ew'ges Gesetz aus weichlichem
Mitleid
Störte; sie büsset in Qual; doch bald wird die Strafe
sich enden,
Wenn ihr der Listigen nicht mit schneller
Entschliessung zuvorkommt.
Soll ein Sterblicher sich im Arm des Vergnügens
ergötzen
Und der Ekel ihn nie mit leisem Schritte
beschleichen? –
In das flammende Herz des Verliebten giessen wir
plötzlich
Einen löschenden Strom; mit gesättigter Liebe
verschmähen
Männer die Weiber; des Ehrbegierigen Seele, den
Abgrund,
Überfüllen wir oft; wir verwandeln die köstlichsten
speisen
In ein ekelndes Gift dem genäschigen Gaume, die
Reize
Jedes Sinnes in Wollust, in Langeweile das Denken
Und nicht selten in Last den Odem des Lebens, und
Butams
Glücklicher König allein soll nicht dem gesetz
gehorchen? –
Nein, ich dulde das nicht; ich will in geborgten
Gestalten
Seinem Palaste mich nahn und durch mannigfaltige
Listen
Seiner Freude den Tod bereiten.
Wofern ihr des Ordens
Ansehn nicht hasset, so gebt mir unbeschränkende
Vollmacht.
Das letzte Wort war noch nicht völlig ausgesprochen, so schallte ihr schon ein vollstimmiges "Ja" in allen Sprachen des Erdbodens entgegen; sie begab sich an ihren Platz, und die Versammlung entschied noch einige wichtige Angelegenheiten. Der grösste teil des gemeinen Haufens murrte, dass unter den Menschen Ortodoxie und Ketzerei bald aus der Mode kommen sollten und dass bald keiner dem andern um seines Glaubens willen einen Ritz in den Finger schneiden würde, denn sie sahen die Veränderungen unsers Jahrhunderts voraus. Die Hexen aus gewissen Gegenden Teutschlands, wo es jetzt noch Hexen gibt, brüsteten sich bei dieser gelegenheit nicht wenig, dass bei ihnen die naseweise Freiheit im Denken und Schreiben noch lange unter die geistliche Konterbande gehören würde, und eine portugiesische Nonne verlas ein lateinisches Lobgedicht auf die Inquisition, allein es fand keinen Beifall, weil man schon damals auf dem Brokken vom Geschmack an geistlichen Inquisitionen zurückgekommen war.
Der Tag brach an, und die Versammlung trennte sich; die Hexe Schabernack eilte vermöge ihrer Vollmacht zum Palaste des Königs von Butam und fuhr in die Leibkatze der Prinzessin Friss-mich-nicht. Das Tier kam seiner Gebieterin ganz anders vor, seitdem die Hexe darinne steckte; es schnurrte nicht mehr, verlor ganz seinen vorigen guten Charakter, kratzte und biss, wenn man es anrührte, und fing endlich gar an zu reden. So etwas hätte selbst einen Philosophen in Verwirrung bringen können, und die Prinzessin, ob sie gleich keine Philosophin war, urteilte doch sehr scharfsinnig, dass dieser Vorfall nicht ganz nach dem Laufe der natur geschähe, und schloss daher sehr richtig, dass Hexerei dabei vorgehn müsste.
"Grosse Prinzessin", sprach die Katze, "der König liebt dich nicht, und du bist ihm gram. Ich will dir helfen, ihm einen Possen spielen. Sooft du willst, dass ihm etwas Unangenehmes begegnen soll, so sage 'Kak', und du wirst deine Freude an seiner Unruhe sehen."
Von da begab sie sich zum Bruder, dem Prinzen, und sagte ihm: "Erhabner Prinz, du liebst den König, und der König ist dir gewogen; du wünschest täglich, dass es ihm wohlgehn mag; ich will deine Freude vermehren. Sooft du einen solchen Wunsch für den König tust, so sage 'Kak', und er soll sogleich erfüllt werden."
Zuletzt ging sie auch zur Königin. "Huldreichste Monarchin", fing sie an, "du liebst deinen Gemahl zuweilen, und er ist dir mannichmal auch nicht ungeneigt; du hast oft Langeweile bei ihm und er nicht selten bei dir. Sooft du ihm und dir ein Vergnügen wünschest, so sage 'Kak', und er muss dir's schaffen."
Die listige Hexe verliess ihre wohnung und setzte sich auf die Feueresse, um die wirkung ihrer