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Johann Karl Wezel

Kakerlak

oder

die geschichte eines Rosenkreuzers

Die Rosenkreuzer waren eine Gesellschaft, von welcher man seit dem Jahre 1610 sehr viel sprach, ohne dass man jemals die mindeste Spur von ihrem Dasein entdecken konnte. Das lustigste war, dass damals alle Paracelsisten, Alchimisten und andere Weisen von dieser Art dazu gehören wollten, und jeder von ihnen schrieb seine eigenen Meinungen den Brüdern des Rosenkreuzes zu. Die Lobsprüche, womit die Brüderschaft öffentlich überhäuft wurde, brachten einige fromme Leute auf, die nicht ermangelten, ihr alles mögliche Böse schuld zu geben, und keinem fiel die Frage ein, ob es wirklich Rosenkreuzer gäbe.

Unterdessen sagte man sich öffentlich, dass jetzt eine sehr merkwürdige, bisher verborgene Gesellschaft zum Vorschein käme, die ihren Ursprung Christian Rosenkreuzen verdankte. Man setzte hinzu, dass dieser Mann, der 1387 geboren wäre, eine Reise ins Gelobte Land zum Heiligen grab getan und zu Damasco Unterredungen mit chaldäischen Weisen gehabt hätte. Von diesen sollte er geheime Wissenschaften, besonders die Magie und Kabbala, erlernt und sie auf seinen Reisen in Ägypten und Libyen bis zur Vollkommenheit studiert haben. Nach seiner Zurückkunft in sein Vaterland, erzählte man weiter, fasste er den edelmütigen Entschluss, die Wissenschaften zu verbessern, und stiftete zu diesem Endzweck eine geheime Gesellschaft, die aus einer kleinen Anzahl von Mitgliedern bestand. Er entdeckte seinen Auserwählten die tiefen Geheimnisse, die er besass, nachdem sie ihm vorher einen Eid geschworen hatten, dass sie nichts davon bekanntmachen und sie auf ebendieselbe Art der Nachkommenschaft überliefern wollten.

Um dieser Erzählung mehr Gewicht zu geben, erschienen zwei Schriften, worinne die Geheimnisse der Brüderschaft offenbart wurden; eine hat den Titel "Fama fraternitatis, id est, detectio fraternitatis laudabilis ordinis roseae-crucis", die andere "Confessio fraternitatis" erschien lateinisch und teutsch.

In diesen beiden Werken schreibt man der Gesellschaft ausser einer besonderen Offenbarung, die ein jeder Bruder für sich erhalten haben sollte, und ausser dem Vorsatze, alle Wissenschaften, besonders die Arzneikunst und Philosophie, zu reformieren, auch vorzüglich den Stein der Weisen zu; durch diesen sollten sie eine Universalarznei, die Veredlung der Metalle und Mittel, das Leben zu verlängern, gefunden haben; zuletzt wird ein goldnes Jahrhundert angekündigt, wo alle Arten der Glückseligkeit auf unserm Planeten herrschen werden.

Da diese beiden Schriften viel Aufsehn machten, so urteilte ein jeder nach seinen Vorurteilen über die löbliche Brüderschaft, jeder wollte das Rätsel aufgelöst haben. Viele Teologen argwohnten sogleich, dass es eine Verschwörung wider den christlichen Glauben wäre; ein Herr Christophorus Nigrinus bewies, dass es Calvinisten sein müssten, aber zum Unglück für alle diese Mutmassungen der Rechtglaubigen fand sich eine Stelle in den angeführten Schriften, woraus erhellte, dass die Brüder eifrige Luteraner wären; nun zweifelte niemand mehr an ihrer Ortodoxie, niemand hielt sie mehr für Feinde des Glaubens, und einige luterische Teologen nahmen öffentlich und eifrig ihre Partie.

Der aufgeklärte teil vermutete, dass alles nur eine Erdichtung von Chymikern wäre, wie die chymischen Kenntnisse bewiesen, deren sich die Gesellschaft rühmte; sie setzten als einen neuen Beweis hinzu, dass der Name Rosenkreuz chymisches Latein wäre und einen Philosophen bedeutet, der Gold machen könnte; denn ros (der Tau) soll in der alchymistischen Sprache das Gold genennt werden.

Viele waren einfältiglich überzeugt, dass Gott aus besondrer Gnade sich einigen Frommen und Auserwählten geoffenbart und sie ausgerüstet hätte, die Wissenschaften zu reformieren und dem menschlichen Geschlecht unbekannte Geheimnisse zu entdecken.

An keinem Orte konnte man diese Gesellschaft noch ein Mitglied davon entdecken; verständige Leute bestärkten sich daher in ihrer Meinung, dass es gar keine solche Brüderschaft gäbe noch jemals gegeben hätte und dass alles, was man von ihr und ihrem Stifter erzählte, nur ein Märchen wäre, das man erfunden hätte, um sich auf Unkosten der Leichtgläubigen zu belustigen oder um die Meinung des Publikums von der Lehre des Paracelsus und der Alchymisten zu erfahren.

Das Ende war, dass niemand mehr von dieser Brüderschaft sprach, seitdem die Erfinder nicht mehr davon schrieben. Man warf einen starken Verdacht auf Valentin Andreae, einen wirttembergischen Teologen, dass er vielleicht nicht der erste Erfinder dieses Possenspiels wäre, aber doch die erste Rolle dabei gespielt hätte.

Gegenwärtige geschichte beweist auf eine unumstössliche Art, dass alle diese Herren in ihren vernünftigen und in ihren einfältigen Mutmassungen sich betrogen; sie beweist nicht allein, dass die Gesellschaft der Rosenkreuzer einmal existierte, weil ich sonst die geschichte eines Rosenkreuzers nicht erzählen könnte, sondern auch dass die Rosenkreuzer ganz etwas anders waren, als man glaubte.

Gelehrte, die mit der Naturgeschichte des Menschen sehr bekannt sind, werden bei dem Namen des Mannes, dessen geschichte hier erzählt wird, zuerst an das unglückliche Geschlecht der schneeweissen Menschen mit rosenfarbnen Augen denken, die man in Asien Kakerlaken, in Afrika Albinos und im Französischen Nègres-blancs nennt. Allein hier geht es ihnen wie oft bei andern Gelegenheiten: Sie vermuten alles, nur nicht was sie vermuten sollen. Der Name Kakerlak ist ganz natürlich aus Kak und Lak zusammengesetzt und hat mit den weissen Negern nicht das geringste gemein; wem daran liegt zu wissen, was diese beiden Wörter in der alchymistischen Sprache bedeuten, dem rate ich, ein Wörterbuch der edlen Goldmacherkunst nachzuschlagen.

Kakerlak war ein Philosoph, der den moralischen Stein der Weisen, die Glückseligkeit, suchte; nach dem Willen der natur sollte er sie vorzüglich in sich, in seinem verstand und seinem herz finden, allein der gute Mann wurde seiner Bestimmung überdrüssig und glaubte daher, dass er auf