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. Wohin er gerichtet war? versteht sich von selbst. Ich liess mich melden, wurde angenommen, und fand nun die allerliebste häusliche Frau in einem leichten weissen Röckchen mit ihren Zöglingen beim Obsteinsammeln. Ich hatte noch von meiner Mutter her eine Freude an häuslichen, besonders an ländlichen Frauen. Diese Tugend an der Dame meines Herzens zu entdecken, war eine ungemeine Erhöhung der achtung, die mir ihr gebildeter und grader Verstand eingeflösst hatte. Ihre Kenntnisse, ihre solide Belesenheit, waren mir nicht entgangen; ich hatte Respekt ohne jene besondre Furcht und Abneigung, die ich immer vor den Drätensionen belesener Weiber empfunden hatte. Dies alles, was ich so lange gesucht, und noch nie in dem Grade bei einer person vereinigt gefunden hatte, bei einem allerliebsten guten Gesicht, das gerade nach meinem Geschmack schön war, wirkte gar wunderlich auf das alte Soldatenherz. Ich kam und ging, kam wieder, und dachte doch dabei. Du kommst zu oft, oder Du gehst zu bald. Das Ding brachte mich aus meiner T r a m o n t a n e , und ich merkte bald. dass es so nicht bleiben konnte. Heiraten? hm! da werden Dich die jungen Lassen, die geschniegelten Offizierchen, auslachen. – Aber wie denn? Abschied nehmen? da ist aber wieder das Vaterland! Und kann dem vaterland denn nur mit dem Degen in der Faust gedient werden? Ist der Nährstand nicht so wohl, und mehr noch Stütze des staates, als der Wehrstand? Habe ich als Gutsbesitzer nicht Pflichten auf mir? Ich werde im Militär vielleicht einem Fähigern Platz machen. So lange es einen so zahlreichen unbegüterten Adel gibt, wird's dem staat nie an Offizieren fehlen. Der Landadel kann vielen und bleibenden Nutzen stiften; er kann auf Generationen wirken. Eine Landedelfrau, wie meine Herzensdame! Ei, das geht, das m u ss gehen! Georg, meine neue Uniform! die neue Feder auf den Hut! Der alte Oberste machte sich blank und schmuck; die braune Blesse mit der Revüeschabracke wurde vorgeführt, bestiegen, und so im anständigen Schritt in die Vorstadt. Angemeldet. Madame sei nicht recht wohl; sie bäte sich die Ehre auf ein andermal aus. O weh! eine so wohl geordnete Anrede steht einem nicht alle Tage zu Gebote; die soll so für nichts und wieder nichts ausgedacht sein? – Noch einmal hinein, Georg! nur um fünf Minuten Gehör! Es wurde gewährt, und nun klopfte dem alten Narren das Herz. Was nun folgt, solltest Du, liebe Line, erzählen; wie ich mich benahm, wie ich sprach; nur würdest. Du zu bescheiden sein, und den alten Reuter zu gut durchkommen lassen.

Kurz, die Audienz nahm ihren Anfang mit Komplimenten, und endigte mit einer förmlichen Erklärung. – Linchen sass da, ganz überrascht, aber doch nicht, wie ich gefürchtet hatte, unwillig. Und nun die Antwort auf meine Anfrage! Das zarte Stimmchen räusperte und stockte, fing an, und brach ab. Ich sass wie am Bratenfeuer. Endlich kam es heraus: gegen meine person und charakter könne sie vernünftiger Weise nichts einwenden, (ich muss hier bemerken, dass Karoline sich unbemerkt entfernt hatte, als der Oberste an diese Stelle seiner Erzählung kam); allein mir sei es vielleicht unbekannt, dass sie eine geschiedne Frau sei, (hier wurde Julchen blass, und zitterte). Zwar könne diese Scheidung ihren charakter nicht beflecken; die Welt sei aber immer geneigt, geschiedne Frauen ungünstig zu beurteilen, (man sah, dass Julchen gern entschlüpft wäre), und diese Urteile könnten dem Herrn Obersten nachteilig für die Ehre seines Hauses, und die Ruhe seines Lebens werden. Überdem sei die Familie von Auerfelde von altem stiftsmässigen Adel, und sie fühle sich nicht stark genug, die Geringschätzung dieser Familie auszuhalten, der sie zuverlässig von irgend einem teil derselben ausgesetzt sein würde. Sie gestände freimütig: sie liebe den Adel nicht, und nach jetzigen Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft halte sie ihn für eine Herabwürdigung der Menschheit, und für einen Eingriff in ihre bessern Rechte. Diese Äusserung meiner Lieben hätte mich schier verdrossen, wenn ihre Erklärung nicht gleich hinterher gefolgt wäre: es täte ihr jederzeit in der Seele des vernünftigen und bessern Edelmannes wehe, wenn ihm alle seine natürlichen und erworbenen Fähigkeitten die achtung nicht verschaffen könnten, in der ihn der grosse Haufen wegen der Zufälligkeit der Geburt halte. Dem wakkern und klugen mann müsse dann sein Adel und die Konvenienzen zur Last fallen. Nun fand ich wieder, dass sie recht, und ich im Herzen schon lange eben so gedacht hatte, nur dass ich's nicht in so netter Ordnung entwickeln konnte. Überlegen Sie, Herr Oberst, was ich Ihnen in Absicht meiner Meinung über den Adel gesagt habe, und ich werde es Ihnen gar nicht übel nehmen, wenn ich Sie, wenigstens in diesem Gewerbe, nicht wiedersehe. Ich habe, setzte sie noch hinzu, Verwandte, deren Urteil mir nicht gleichgültig ist, und die hierin völlig meiner Meinung sind; noch mehr: ich lasse mein ganzes Schicksal von der Meinung meines Oheims abhängen. Damit meinte sie hier den alten Freund Grüntal. Ja, Du Alter! (indem er ihn beim Kopf nahm, und auf altdeutsche Art küsste, dass es wiederhallte); Du hast mir schöne Sprünge gemacht! Ich muss es nur sagen, er hatte eine ganz andre Mariage für seine Nichte im kopf