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neue Erscheinung, auf die nicht nur alle Augen des Örtchens, sondern der umliegenden Gegend gerichtet waren. Wer ist sie? von wo ist sie? wie sieht sie aus? ist sie alt oder jung? und die Antworten lauteten immer nur, sie s o l l so oder so sein; denn noch hatte Niemand die liebe Lina gesehen. Als dies so eine Zeitlang gewährt hatte, erkaltete die tätige Neugier, und es war nur noch die Rede von ihr, wie etwa von der weissen Frau: sie soll umgehen, aber keiner hat sie gesehen. Indess wirkte die Gute doch schon wohltätig im Stillen. Sie hatte Mädchen, das heisst, junge Bürgertöchter zu sich genommen, welche sie unentgeldlich in arbeiten unterrichtete; und zu Kindermädchen bildete. Man fand die Sache lächerlich, – nimm mir's nicht übel, Lina, – sie lachten Dich aus, als ob einen das gelehrt zu werden brauchte. Zum Spasse versuchte die Gräfin von P. nach einem Jahr, ein Mädchen aus dieser Anstalt zu nehmen, und schrie nun über Wunder. Das Mädchen hatte die Qualitäten einer Gouvernante. jetzt wurde übertrieben, und alles wollte von diesen Mädchen haben. Indes hatte sich meine gute Lina die witwe des Rektors, und die verwittwete Stadtschreiberin beigesellt, welche sie so reichlich unterstützte, dass auch diese unentgeltlich mitarbeiteten, das heisst: dass die Bürgerschaft nichts bezahlte; und nun nahm alt und jung teil an diesem Unterricht, der die wohltätige Absicht hatte, Erzieherinnen für die erste Kindheit zu bilden. Die Sache fing an so viel aufsehen zu machen, dass ein jeder die wundersame Frau kennen zu lernen wünschte. Da sie sehr eingezogen lebte, und ausser ihren Zöglingen niemanden sah, war es nicht leicht, diesen Vorzug zu erlangen; der mir aber einst unverhoft zu teil wurde. Ich kam von der Jagd, und eben vor dem Gartenhause, das ich so oft vergebens umgangen und umritten war, wurde mein Pferd vor einem Karren mit Kraut scheu, und drängte mich so heftig gegen die Mauer des Hauses, dass ich durch eine starke Quetschung genötigt wurde, abzusitzen, und durch meinen Jäger um erlaubnis bat, mich in ein unteres Zimmer führen lassen zu dürfen, bis er mir einen Wagen bringen würde. Dies war nicht abzuschlagen. Ich wurde in ein niedlich aufgeputztes Zimmer geführt, wo ich eine junge Frau in das reinste Weiss gekleidet fand, die mich mit allem Anstande einer feinen Weltfrau bewillkommte. Die Schmerzen meiner Quetschung hinderten mich, den reinen und unbefangenen blick, aus dem heitersten blauen Auge, und den edlen, wohlwollenden Zug des Mundes zu bemerken. Das kann die Frau des Hauses nicht sein, dachte' ich, denn dem Begriffe von Erzieherin hatte sich bei mir immer eine dunkle Vorstellung von Strenge beigemischt, welche ich nicht davon trennen konnte. Ihre Unterhaltung gewährte mir eine Erquikkung, bei der ich völlig vergass, weswegen ich eigentlich herein gekommen war, und ich hätte den Jäger prügeln können, der mit dem Wagen so bald ankam. Beim Weggehen warf ich einen blick in den Garten, stellte mich, als ob er mir besonders gefiele, und nahm daher gelegenheit um erlaubnis zu bitten, zuweilen darin ansprechen zu dürfen. Meine gute Lina erlaubte es sehr verbindlich, doch mit dem nicht ganz in mein Krämchen passenden Nachsatz, wenn sie gleich nicht immer die Ehre haben würde mich willkommen zu heissen, so stehe doch der Garten zu meinem Befehl.

Mein Kopf, und wie mir es beinahe vorkam, mein Herz war voll von dem, was ich gesehen und gehört hatte. Die fremde Dame schwebte mir unaufhörlich auf der Zunge; aber wenn sie herunter wollte, schickte ich sie immer wieder in mein Herz zurück; denn kein Unheiliger, kein Adjutant oder Subaltern, sollte ihren Namen hören. Am andern Morgen sobald es der Wohlstand erlaubte, schickte ich meinen Jäger, mit einem Danksagungs-Komplimente an sie ab; denn so viel Galanterie hatte ich noch von meinem Pagenstande ronservirt, obschon sie diesesmal grade aus dem Herzen kam. Der Jäger brachte mir mit dem artigsten Gegengruss, einen schönen, blühenden Rosenstock mit, welchen sie dem Kranken schenkte. Seit meinem Lieutenantsstande war ich nicht eigentlich wieder verliebt gewesen: und jetzt wunderte ich mich nicht wenig, dass dem alten Knaben mit einem Mal das Herz wieder aufging. Ich fragte dem Jäger rück- und vorwärts ab, was er gesehen und gehört hatte, und immer blieb noch ein Umstand, den ich nicht recht begreifen konnte. Es kostete mir Zwang, abzubrechen, aber wie gut ich nun dem Kerl war, kann ich nicht beschreiben; auch hatte ich den ganzen Tag seine Dienste nötig, und behielt ihn um mich. Ob ich nicht mit dem Rosenstocke geheime Unterredungen gehalten habe, kann ich nicht gewiss sagen. Das liebe Geschenk zog ein Gegengeschenk, einen kleinen Rehbock für die Küche, nach sich. Auf diesen folgten die ersten grünen Erbsen, die eine liebe Hand selbst gelegt hatte, und die dem noch immer Leidenden wohl tun würden. Gegen den Balsam, der für mich in diesen Erbsen lag, ist Hirschels Wundersalz mit allen Goldtinkturen der Alchymisten nur Kindertand. Die Tischgänger hätte ich erwürgt, wenn sie's gewagt hätten, nur eine davon anzurühren. Das ging volle sechs Wochen so seinen gang. Unser Regimentschirurgus hatte die glückliche Gabe, aus kleinen unbedeutenden Übeln grosse zu machen; auch bei mir war's ihm gelungen. Mein erster Ausgang verzögerte sich bis zum Herbst