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, fing sie an, als sie sich etwas erholt hatte: – mein Mann ist gross und gut, aber er hat seine eigne Arten. Von dem armen verirrten Julchen wollt' er nie hören, weil er meinem Onkel so sehr gut ist; er wird ihr den Kummer schwerlich verzeihen können, den sie seinem Freunde gemacht hat. – Ich gestehe, dass mir selber bange wurde, wie das gehen würde. jetzt erschien der Oberst; ein Baumgrosser Mann, von Kraft und Wesen ein ächter alter Deutscher. Du willst mich sprechen, liebe Frau? Er ward mich gewahr, und machte mir, als er meinen Namen hörte, ein verbindliches Kompliment. Aberes gibt hier etwas, Liebchen? Dir ist nicht wohl? ich bitte Madame, ich bitte um eine Erklärung. – Karoline fasste seine hände, und drückte sie innig an ihre Brust. Lieber, lieber Mann! jetzt muss ich Deine ganze Liebe und Nachsicht in Anspruch nehmen. – Er umfasste die kleine zart geformte Frau so kraftvoll, dass mir bange wurde. Allerliebste Karoline, wie kannst Du N a c h s i c h t brauchen? ich will ja was Du willst. Bist Du doch die Beste von der Welt. Aberwas ist geschehen? – Lieber Mann, wir haben einen Gast bekommen. – Ist er Dein Gast, Liebe, so soll er mir von Herzen lieb sein. – Mein Gast, eigentlich aber meines Onkels Besuch. – Je nun, was des Oheims ist, ist unser, und unseres ist des Oheims, das ist Eins. – Ach lieber Mann! was sollen die Umschweife bei einem Herzen, wie das Deinige? Des Onkels Tochter, die arme Verlohrne ist wieder da. – Was! rief er mehr erstaunt als erfreut; D i e ist es? hat der Dame beliebt, einmal wieder aufzutauchen? Hm hm? – O sprich nicht so lieber Auerfelde. Dein Herz sagt anders. – Nein, beim Teufel, in meinem Herzen steht sie auf dem schwarzen Register. So einem Vater, wie der Grüntal ist, zu entlaufen. Ich vergeb's der Landstreicherin in meinem Leben nicht: hol mich der Teufel, wo ich's ihr vergebe. – Liebster Mann, sagte nun Karoline ihm sanft schmeichelnd, der Onkel hat ihr aber schon verziehen. – Hat er, die alte Nachtmütze? so soll ich auch wohl? nicht wahr? – Du würdest mich unaussprechlich glücklich machen. Sieh nur, Lieber, die Vorsehung hat ja alles so zum Besten gelenkt. – Ja, da hat die Vorsehung freilich ein sauber Stück Arbeit gehabt, die dummen Streiche wieder gut zu machen. – Lieber Auerfelde, ich wäre nicht Deine glückliche Gattin. – Ah Frau! Weib! willst Du mich so bestechen? Darum brauchte sie aber nicht in alle Welt zu gehen. Nein! nein! mit der Vorsehung, die mit zum schlechten gewirkt haben soll, kommt ihr mir nicht durch. – So sieh die arme doch nur erst. – Ah! Du denkst das nette Gesichtchen, und die Tränen in den blanken Augen, werden bei dem Alten das Beste tun. Kann sein. Dagegen hat's hier (er berührte sein Herz) immer nicht so recht Stich gehalten. Nun so mag sie kommen. – Aber lieber Mann, versprich mir, sie gütig aufzunehmen. – Ich werde tun, was ich kann; heucheln kann ich nicht. Schlecht bleibt schlecht; und wenn's auch in der Familie geschieht. – So sieh Sie doch nur erst! – Ach! und wenn sie so schön wäre, wie unsere Kronprinzessin, und wäre nicht so edel, rechtschaffen und liebenswürdig wie diese, so sollt ihr mir nichts einreden. –

Während dieser Debatten hatte Grüntal sich dem haus mit der Tochter genähert, er stekte den Kopf zur Tür hinein, und fragte mit freundlichem Gesicht, welchem etwas eingemischt war, was ich Blödigkeit nennen möchte: nun wie stehts? darf ich sie Ihnen bringen, Neffe? Des Obersten Antwort fing mit einem bedenklichen, je nun! an, welches seine Frau mit einem Kuss, und einem, ich bitte, mein Lieber! unterbrach. Indem trat Grüntal mit Julchen in's Zimmer, Ihre Haltung musste durchaus Mitleiden erregen, sie stuzte, als sie den Obersten sah, dessen kolossalische Gestalt mit beitragen mochte, sie, in ihrem Zustande von Schwäche zu erschüttern. Als sie einige Schritte im Zimmer gemacht hatte, blieb sie ungewiss stehen; in flehender etwas vorwärts geneigter Stellung, den Kopf nach der linken Schulter mit abwärts gewendetem Gesicht, gelehnt. Das gewaltsam unterdrückte Weinen brach in lautes Schluchsen aus. Die Oberstin eilte ihr entgegen, fasste schmeichelnd ihre Hand, und führte sie vor dem Obersten hin, der nun nicht ferner widerstrebend sie umfasste, und mit der edelsten Gutmütigkeit sagte: Da widerstehe ein Andrer! Von Herzen willkommen in der Freundschaft. Von nun an Vetter und Mühmchen! Da Sie von selbst wiederkommen, müssen Sie doch auch gut sein wollen: nicht wahr? Sie ergrif seine Hand und wollte sie küssen; er aber umarmte sie noch einmal. Grüntal sah schweigend dem Auftritte zu, und wischte sich die Augen.

Als die erste lärmende Bewillkommung überstanden war, gelangten alle wieder zu ruhiger Fassung. Wir sezten uns im Kreise, Grüntal hatte die Hand seiner Tochter in der Seinigen liegen, als ob sie ihn noch einmal wieder genommen werden