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Nachdem wir über eine Stunde so zugebracht hatten, erlangte sie etwas mehr Fassung. Ich äusserte, sie könne auch wohl irren; es gebe täuschende Ähnlichkeiten. O nein! nein! er ist's, erwiderte sie: ich habe es nicht aus dem Herzen gelassen, das liebe redliche Gesicht, das so freundlich war, und ach! jetzt mir so schrecklich ist! Ich suche ihn, aber so plözlich, so überraschend, wollt' ich ihn nicht finden. Erst wollt' ich sein Herz erforschen. Ach! er wird es mir auf immer verschlossen haben. Und doch, war er nicht selbst da noch Vater, als die Unglückliche, pflichtvergessene vor ihm floh? – Sie erzählte mir in wenig Worten ihre geschichte, dass sie vom land, in die Kostschule der Rätin Brennfeld gekommen, dort von einer adlichen Kostgängerin zum Leichtsinn verführt worden, dann vom aufgebrachten Vater zu einer Verwandtin getan, deren Mann sie von derselben abwendig machte, so dass er sich von ihr schied, und sie heiratete. Drauf sei die romanhafte Liebe bald erkaltet; der Mann habe bankrott gemacht, sei mit einem Mädchen durchgegangen, und sie die Unglückliche, habe der Schmeichelei eines russischen Fürsten Gehör gegeben, und sei diesem nach Russland gefolgt. Nach mancherlei Schicksalen sei sie wieder nach Deutschland verschlagen, und hier in die Gegend gekommen, um sich dem Vater nach und nach zu nähern. Aber so schnell, so unversöhnt, ohne alle Vermittlung, wage sie es nicht, vor ihm zu erscheinen.

Was nun erfolgte, wirst Du Dir, mein Lieber, leicht denken. Eine Bitte, um meine Vermittlung. Nach einigem Bedenken übernahm ich's; denn sie jammerte mich von Herzen; und wir mischen uns ja für unser Leben gern in fremde Händel. Je intrikater, je lieber!

Das erste was ich in der Sache tat, war dass ich mich bei dem Verwalter erkundigte, wer der mitgekommene Fremde sei? Es war richtig der Amtmann Grüntal. Nun ging ich einigemal in dem Garten umher, mich zu dem nicht leichten Geschäfte zu sammeln. Als ich mich hinlänglich vorbereitet glaubte, schickte ich den alten Freund Schulz ab, mich bei Herrn Grüntal zu melden. Ich wurde angenommen, und in das untere Zimmer geführt, das Ida, nun Julchen, bis dahin bewohnt hatte. Mir schlug das Herz wie damals, als ich vor meinem Stiefvater, nach einer gewissen Begebenheit, die ich in meinem Ehrendenkmal nicht angesührt zu haben wünschte, erscheinen musste. Herr Grüntal kam mir entgegen, freundlich, doch so wie man jemanden aufnimmt, von dem man nicht weiss, wie er uns stimmen wird. Er ist ein Mann, in den ersten der funfzig, von gradem deutschen Anstande, mehr hager als fett; auf sein regelmässiges Gesicht hat der Gram, wie es scheint, tiefe Falten eingefurcht; eine ähnliche Bildung habe ich, denke' ich, schon auf mancher Gemme gesehen. Sein Ernst hatte nichts abschreckendes, und ich atmete wieder freier, als er mich mit einer reinen Tenor stimme um mein Gewerbe fragte. Sie sind eine von den Damen des Hügels? fragte er freundlich. Ich bin keine Bewohnerin desselben, sondern gehöre auf dem nahe Vorwerk zu haus, wo ich schlechtweg eine Bäurin bin. Aber die Bewohnerin des Hügels, welche Sie aus diesem Zimmer vertrieben haben, schickt mich an Sie ab; – o, unterbrach er mich galant, dann ist's ja an mir, an sie abzuschicken, oder wenn sie's erlaubt, ihr aufzuwarten, dass ich ihr meine Entschuldigung mache. – Ach Herr Grüntal, was die Entschuldigungen betrift, so fürcht' ich, Sie haben viel bei ihr zu entschuldigen. Es ist die Absicht meiner Sendung. – Er stuzte. Wie käme ich dazu? ich habe nicht die Ehre sie zu kennen. – Sie hat Sie ehedem sehr wohl gekannt. Sie haben in zärtlichem Verhältnisse mit ihr gestanden, sie hat sich schwer an Ihnen versündigt, und sehnt sich jetzt, Ihnen ein reuiges Herz zu Füssen zu legen. – Wie, wie, stammelte er ausser Fassung. Versündigt hat sich an mir Niemand, als, – o nein! nein! das ist nicht, das kann nicht sein! Madame Sie halten mich auf der Folter: wenn Sie nicht meine unglückliche Tochter meinen, – er brach in eine Flut von Tränen aus; wenn Sie die nicht meinen, so kann Ihr Gewerbe nicht an mich gerichtet sein. – Und wenn sie es nun wäre? was dürfte sie hoffen? – O hüten Sie sich, Madame, in einer so schrecklich angreifenden Sache, meiner zu spotten, reden Sie, ohne Umstände. – Es ist Ihre Tochter. – O Gott, o Gott! schrie er, und stürzte zur tür: wo, wo haben Sie sie? – Sie ist nicht hier; – aber ganz naheSie müssen Sie mir nicht vorentalten, – rief er, indem er mich ungestüm nach sich zog, und an sein Herz drückte, dass ich es merklich fühlte. Dann liess er mich plözlich loss, – und sagte: – nein, nein! ich darf sie nicht sehen. Sie würde meiner Schwäche nur spotten. Konnte sie doch so manches Jahr hindurch, den Vater trostlos sich härmen lassen; was kümmert's sie, ob er verzeiht, oder nicht? Sie hat ja vornehme Beschützer, die ihr den Vater ersetzen. – O Herr