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Zimmer ist so traulich, und die Rosen und Weinreben, die in's Fenster kucken. – Wollen Sie das Berghäuschen nicht beziehen, so habe ich noch zwei Gaststuben. Einen liebern Gast dürften Sie schwerlich je aufzunehmen haben. Nun, Ida? schlagen Sie ein? – Nein, Minna, das Berghäuschen soll's sein. Ich bin Ihnen dann näher, ohne Ihnen lästig zu sein. Herr Schulz, morgen früh beziehe ich es. Dann mag Ihr Herr kommen, ich werde mich freuen, den braven Mann kennen zu lernen. – Gut, sagte Minna; mein Mann verreiset vor Tages Anbruch: ich werde bei Ihnen sein, und Ihnen beim Umziehen helfen. Die erste Mahlzeit auf dem Berge bereite ich, und verzehre sie in ihrer lieben Gesellschaft. Für heute ist's Zeit aufzubrechen. Herr Schulz, Sie bringen mich durch den Küchen Garten, so komme ich um zehn Minuten früher an. Auf diese Weise befreiete sie Ida von dem redseligen Alten. Und so schieden sie für diesesmal. Ida bezog die kleine freundliche wohnung auf dem Berge, und genoss in Gesellschaft der treuen Freundin, der schönen weiten Aussicht, als sie eine Reise Equipage in dem Edelhofe ankommen sahen. Ida schauerte zusammen, ohne sich Rechenschaft geben zu können, was die ankommende Familie des Herrn von Auerfelde auf ihr Gefühl zu wirken habe. Die Entfernung war zu gross, als dass sie etwas anders, als zwei Herren und zwei Frauenzimmer, welche ausstiegen, hätte bemerken können. Bald erschien einer der Herren im hof, besah die Wirtschafts Gebäude, und kam den Garten hinab, bis auf eine kleine Strecke von dem Orte, wo die Frauen sassen, die den Fremden nun ganz deutlich erkannten. – Allmächtiger Gott! was ist das? rief Ida erblassend, und mit den Augen auf die Stelle hinstarrend, wo der Fremde stunde, der sie aber nicht zu bemerken schien. Minna, so lebhaft sie auch der Freundin zu hülfe eilte, kam doch zu spät, um sie aufzufassen; sie war schon ohnmächtig von dem Stuhl herabgesunken. Indess hatte der Fremde sich von der andern Seite entfernt, und wir eilen die Veranlassung dieses Vorfalles in einem Briefe mitzuteilen, welchen Madame Talheim an ihren abwesenden Mann schrieb.

Liebster Mann!

"Du wünschtest, ich möchte Dir schreiben. Ich würde Dir gar nichts zu sagen haben, als dass die grosse englische Henne ihre Küchelchen glücklich ausgebracht, und der Wind Deine Nelken abgeschlagen, und noch sonst manches, das wir mit eigner Hand zogen, verwüstet hat, hätten sich hier in Kleedorf auf dem Edelhofe, nicht wunderliche Dinge zugetragen; recht so wie in den Romanen, oder Komödien, wo die Väter und Onkel, eben so zur rechten Zeit aufzutreten pflegen. Die Ida hatdoch ich muss Dir das in der Ordnung erzählen. Als Du abgereiset warst, mein Lieber, übergab ich Augusten die Aussicht des Hauses, und ging zu Ida, die nun nicht Ida mehr ist. Ich fand sie schon in ihrer neuen wohnung eingerichtet; und wir überliessen uns dem Vergnügen, das jede neue Situation uns Weibern zu gewähren pflegt. Wir schauten in die weite Aussicht umher, und stritten um die Lage der Örter. Nein: das ist Ruheim, nein: das ist nicht Ruheim, das ist Vogelfelde u.s.w., als eine schnell anfahrende Reisekutsche unsre Aufmerksamkeit auf sich zog. Das ist der Edelmann, sagt' ich so zufällig hastig, dass Ida zusammenfuhr, und die üble Gewohnheit, sie durch meinen vorlauten Ton zu erschrecken, schalt. Er war wirklich der Gutsherr, sie stiegen im Edelhofe ab; der Herr, der alte Freund, die Dame, und ein untergeordnetes Frauenzimmer, wie ich an den schmieg- und biegsamen Wesen bemerkte. Das war gut, und wir sprachen von etwas anderm. Nach einer Weile erschien im hof der Herr, der nicht der Gutsherr war; er sah, und ging, und kam endlich den gang herunter, bis nahe zu uns hin. Ich erkannte einen hübsch aussehenden, nicht jungen Mann, der m i r weiter nicht bemerkenswert schien. Aber Ida sah mehr, sie tat einen kläglichen Schrei, faltete die hände vorwärts hingegestreckt, und sank zu Boden. Der Vorfall entsetzte mich um so mehr, da Niemand zur hülfe in der Nähe war, und der Fremde, der uns gar nicht bemerkt hatte, schon in einen Seitenweg eingelenkt hatte. Diesmal tat mir die Gewohnheit, mein Wasserglas überall neben mir zu haben, gut; ich besprengte die Ohnmächtige, und nach einigen heftigen Zuckungen der Brust, erholte sie sich. Ida, meine Ida, wie war Ihnen? Ach ach! die Erscheinung dort unten. O! der Fremde! ach Minna, Minna, verbergen sie mich; Lassen Sie uns von hier eilen: er muss mich jetzt noch nicht sehen. – Wer? wer soll Sie nicht sehen? – Sie bückte sich an mich heran, und sagte mit verstörtem blick: – der Fremde war mein Vater, der Amtmann Grüntal: er war es gewiss. Kommen sie nur geschwind, kommen Sie, dass er mich nicht sieht. Sie ergriff mich, und schwankte nach dem haus hin. Meine Bestürzung machte, dass ich ihr stillschweigend folgte. Sie sank erschöpft in einen Stuhl, und rang nach Luft; ich half so gut ich konnte, ohne sie mit fragen zu quälen, so sehr mich selbst die Neugier quälte