das letzte aufopfern sollten, um nachher durch Dürftigkeit gezwungen zu sein, seinen beleidigenden Anträgen Gehör zu geben. – Das Päckchen und den Brief hatte er meinem Dienstmädchen selbst gegeben, und diese hatte es aus Bosheit oder Dummheit, ich hielt's für das erste, meinem mann eingehändigt.
Da der Mann sich in seinem Billet genannt hatte, so schickten wir Brief und Päckchen mit einem, der Sache angemessenen, Schreiben an ihn zurück. Wir haben nachher nie wieder seinen Namen gehört, als da sein, im sechs und vierzigsten Lebensjahre an Entkräftung erfolgter, Tod in den öffentlichen Blättern bekannt gemacht wurde.
Nun waren wir endlich frei, und leicht genug, unsern Weg nach der neuerwählten Heimat anzutreten. Unser Gepäck war klein, unser Geldvorrat gering; aber freudiger konnten wir uns nicht auf den Weg machen, wäre für uns auch das grösste Gut zu erwarten gewesen. So wohl tut dem Herzen das Selbsterwählte! Unsre gute Stimmung wankte selbst nicht bei dem niederschlagenden Anblicke des verfallenen Wohnhäuschens und der schmutzigen Ärmlichkeit des Ganzen; denn die Überzeugung, dass hier Zufriedenheit bei uns wohnen würde, war aus uns selbst geschöpft.
Wir legten frisch die hände ans Werk. Ich mietete ein Mädchen aus dem dorf. Mein Mann pflückte und schüttelte das Obst, ich und meine kleine Tochter lasen es auf, und suchten es aus; mein Dienstmädchen trug es zu Markte. Dies wechselte mit arbeiten, die unsrer Weichlichkeit freilich etwas härter fielen; aber der gute Wille half, und es ging. Jetzt kamen mir meine, in der frühen Jugend erworbenen, wirtschaftlichen Geschicklichkeiten zu statten; ich war unermüdet, sie auszuüben, und das Gedeihen unsres Fleisses war so sichtlich, dass unser Mut dadurch immer mehr wuchs. Das harmlose, gute Landvolk um uns her, das, wie es sich ausdrückt, seinem Gotte in der Einfalt seines Herzens dient, belebte die Erinnerung jener Zeit, wo auch ich kindlich an meinen Schöpfer gedacht hatte, aufs neue; aber aus eignen Kräften vermocht' ich nicht, mich in die Gefühle meiner zarten Jugend zurückzusetzen. Die Vorsehung wollte indess, dass ich es sollte; sie veranstaltete die Dazwischenkunft eines Mannes, dessen Andenken mir ewig gesegnet bleiben wird.
An unsre kleine Besitzung, die wir in Pacht genommen hatten, gränzte die eines Mannes, eines Weisen, für den meine Dankbarkeit noch keine bezeichnende Benennung gefunden hat. Auch er hatte sich von den Stürmen des Lebens, aber mit unverwundetem Gewissen und unvergeudetem Vermögen hieher zurückgezogen. Der Tod seiner eben so trefflichen Gattin hatte ihm die Einsamkeit zum Bedürfniss gemacht. Er durfte sich auf seine eigne Gesellschaft verlassen; denn er brachte einen reichen Schatz in seinem inneren mit. Sein gesunder Kopf war mit Kenntnissen aller Art bereichert. Mit seinem schönen Herzen stand er sich eben so gut. Sein Umgang wurde für jeden, den er damit beehrte, eine Wohltat. Die Landleute, die nicht recht wussten wer er war, nannten ihn d e n k l u g e n H e r r n ; die Frauen aber sagten immer von ihm: d e r g u t e H e r r . Die Kinder standen, wenn er sich zeigte, ehrfurchtsvoll, und nahmen ihre Mützen ab; er beschenkte sie, und erlaubte dass sein alter Bedienter, Gottfried, ihnen etwas erzählen, und sie belehren durfte, wobei sie stricken oder spinnen mussten. Der Untätige war von dieser Unterhaltung ausgeschlossen, und das achteten sie für eine entsetzliche Schande. Doch ich will ja nur gedenken, was der kluge und gute Herr u n s wurde. Er hatte von uns gehört; unser Entschluss, uns auf uns selbst zu verlassen, hatte ihn für uns eingenommen; er sah uns; wir waren so glücklich, ihm zu gefallen; auch unsre Einrichtungen hatten seinen Beifall. Er kam nun öfterer zu uns, arbeitete mit uns, und nie ging er, ohne uns irgend einen guten anwendbaren Rat oder eine ausführbare Angabe hinterlassen zu haben; immer fühlten wir unsern Mut gestärkt, und der Wunsch, ihn recht bald wieder zu sehen, blieb beständig bei uns rege.
Sein scharfer blick hatte leicht meine schwankenden Begriffe von dem, was mir das Wichtigste sein musste, erspäht. Ich jammerte ihn; er gab sich die Mühe, meine Kenntnisse und das zu prüfen, was mich hinderte, mich einer freudigen Gottesverehrung hinzugeben. Sein Tadel war ohne Bitterkeit, und sein Mitleiden beleidigte nicht. Er räumte mit ausharrender Geduld in meinem kopf auf; fegte alles hinaus, was schlechte Früchte tragen konnte; lehrte mich einen Gott kennen, der eben der war, den meine frommen Eltern so treu und freudig verehrten. Mit meinem mann liess er sich in gelehrte Untersuchungen ein, welchen ich indess auch die Freiheit hatte beizuwohnen. Der einfachere Unterricht war für mich, und auch bei meiner Tochter gründete er eine Kenntniss von Gott, die tausendmal mehr als Katechismusunterricht wert war. Ich will Sie, meine Ida, nicht mit dem Detail seiner Unterredungen ermüden; aber das Resultat war: dass er uns zu glücklichen Menschen umbildete, die mit heitrem Auge in die Zukunft blicken durften. Auch im Anfange unsrer Haushaltung unterstützte er unsre Dürftigkeit doch jederzeit so schonend, dass wir nur den Wohltäter errieten, und ihm nie mit Worten danken konnten.
Die strenge Arbeitsamkeit, zu der unsre Armut uns verpflichtete, befestigte meine Gesundheit. Ich blühete, so zu sagen, von Neuem wieder auf; denn das ewigbewährte Rezept gegen die Üppigkeit, A