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liebster Vater, es wollten keine Worte kommen, mein Herz war zu voll, ich konnte nichts als heftig weinen, und da wurde es kein rechtes Gebet. Dann schlug es fünf; da dachte' ich daran, wie ich noch vor kurzem meinem lieben Vater den Tee und das Wachslicht hinein trug, wie er mich dann segnete und ich ihm die Hand küsste, wenn er mich sein liebstes Kind hiess! Ach! jetzt denkt er gewiss an seine arme abwesende, – bald hätt' ich gesagt verstossneTochter. In trübe Gedanken vertiefte ich mich bis sieben Uhr, und noch regte sich keine Seele. Endlich wagte ich es, und wollte mich ankleiden, denn ich schämte mich, vor diesen fremden Leuten unangekleidet zu erscheinen. Bei der Bewegung, die ich machte, stiess ich unglücklicherweise an einen Tisch; über das Geräusch erwachten sie, und waren sehr böse, dass ich sie gestört hatte. Aber, sagte ich, es ist ja schon über sieben! Auf ihrem dorf mag das freilich schon horribel spät sein, sagte die eine, und die Comtesse brummte etwas, wovon ich nichts verstand, als das Wort, g e m e i n e s V o l k .

Jetzt kam ein recht freches Stubenmädchen herein, und sagte: Monsieur Magot ist da, er hat nicht lange Zeit. Ich erschrack, und dachte nicht anders, als dass schon so früh ein Besuch käme; aber aus den Antworten der fräulein merkte ich wohl, dass es der Haarkräuseler sein müsste. Drauf fuhren die Langschläferinnen in die Kleider, und dabei musst ich wieder an Sie, meine liebe Mutter, denken; denn ich sah wie unglücklich die fräulein waren, keine liebe Mütter zu haben; in der Eil, mit der sie die Kleider überwarfen, rissen sie Bänder und Schleifen ab, steckten die Röcke mit Stecknadeln zu, zogen Strümpfe mit grossen Löcher an, die dann ein seidner bebänderter Schuh zudecken musste. Als sie kaum, k a u m bedeckt waren, trat Monsieur Magot herein. Ich schämte mich, weil ich noch nicht ganz angekleidet war, und zog mich in den finstersten Winkel des Zimmers zurück. Aber meine Gefährtinnen waren durch die Gewohnheit schon dreister als ich, denn sie sassen mit ganz blosser Brust, und liessen sich das nicht anfechten. Magot sah nicht aus wie ein Mensch, der andre bedient; ich habe eine so schöne Mannsperson noch gar nicht gesehen. Er wusste den fräulein viel Höfliches und dabei auch Spasshaftes vorzusagen, und da eben die andren nicht hinsahen, warf er der, die er grade frisirte, einen Brief in den offnen Busen, so dass mir das Gesicht vor Schaam ordentlich brannte. Von meinem Vetter, sagte sie ganz gelassen, als sie bemerkte, dass ich es gesehen hatte. Das sind doch gewiss alles recht sonderbare Gewohnheiten hier zu land. Mir gefallen unsre aber doch besser. – nachher wurden wir zum Frühstück gerufen. Ma chere Madame stellte sich in den Kreis, den wir um sie schlossen, und die sous-gouvernante die ganz taub ist, und der Schwäche wegen sitzen musste, las einige französische Gebete, die aber, da sie zahnlos ist, ganz unvernehmlich waren. Sie unterbrach sich oft, um durch Mienen anzuzeigen, welche Eleve sich grade halten sollte. Die grösseren lachten, und gaben sich allerlei schalkhafte Winke. Ich aber musste wieder weinen; denn mir fielen unsre lindenauischen Morgenandachten ein, wie fromm unser treuherziges Gesinde um Sie herumstand, und auf Ihre rührenden Worte so merkte, als wollten sie sie auswendig lernen. Dabei war mir immer so, als ob ich dem lieben Gott das alles selbst sagte, und ihm so herzlich für Alles dankte, wie Ihnen! – Während des Gebets hatte Madame mich einigemal sehr scharf angesehen. Mir klopfte das Herz vor Bangigkeit, was es doch nur sein würde; denn in Wahrheit, ich fürchte mich noch vor all diesen fremden Leuten. Kaum hatte Madame P o u l e t (so heisst die französische Lehrerinn) ainsi soit il, Amen! gesagt, (denn so enden alle diese Gebete), so fragte sie mich, ob ich so wie ich da wäre, in die Kirche zu gehen gedächte? Ich wurde rot, und sagte: Das wäre mein bestes Kleid. Sie meinte, an sich wär' es eben so übel nicht; es wäre nur die Frage, ob die fräulein so mit mir gehen würden. Und dann die Haare! das ist doch gar zu dorfmässig. Magot mag sie ihr verschneiden und auflocken, sagte Mad. Brennfeld nachlässig, das wird ihren Vater jährlich etwa 20 Rtl. mehr kosten. Erwähnen sie's, wenn sie an ihn schreiben. Für heute mags einmal gut sein. Nun nahmen wir das Frühstück ein, wobei Madame still für sich las. Ist das Tee oder Kaffee? fragte ich die Pensionairinn neben mir. Wie boshaft! sagte diese leise, K a f f e e ist es; ich versichre sie, recht g u t e r Kaffee, sie werden ihn noch anders zu trinken bekommen. Ach meine gute nahrhafte Milchsuppe in Lindenau! dachte' ich wieder.

Um neun Uhr wurden wir in die Kirche geführt, und zwar durch die Untergouvernante in eine französische zur Übung der Sprache. O mein Gott, wie fremd blieb das alles meinen Herzen! Wenn ich in unsre kleine reinliche Dorfkirche trat, und die lieben Landleute stimmten so