es uns einpacken. Dies sei der Notfall, für den wir's aufbewahrten! Der Elende, der für Geld hilft, mag's auf seine Lumpenseele nehmen."
Ein Ring, eine Dose, nebst einigem Silbergeschirr, die Patengeschenke meiner Tochter, wurden in eine modische Tabatière, mit 30 Dukaten gefüllt, umgeschaffen. Meine hände zitterten beim Einpacken, nicht darum, weil es das Allerletzte war, was wir aufzubringen vermochten, und einem Raube an meiner Tochter glich, sondern, weil ich mir dachte: d a s i s t B e s t e c h u n g ! O pfui, des schändlichen Weges! Wie? wenn der Mann nicht ganz so schlecht ist, und schleudert's uns verächtlich zurück! Ist der nicht auch schlecht, der die Frechheit hat, Bestechung anzubieten? – Diese meine Besorgniss war vergebens. Die Antwort auf die Bittschrift erfolgte sehr schnell, ohne jedoch des beigefügten Opfers zu erwähnen. "Die Sache," hiess es, "solle nächstens zum Vortrage kommen. ihr Excellenz wären ganz geneigt, einer w ü r d i g e n Familie wieder aufzuhelfen," u.s.w.
Nun wiegten wir uns aufs neue in Träumen süsser Hoffnung; die hellere Zukunft schien uns näher gerückt; wir waren wie neu belebt. Die Arbeit ging rasch und flink von statten, und wir sprachen viel und oft von dem sehnlichst erwarteten Ausgange der Bittschrift, welcher bald genug erfolgte. Mein Mann wurde durch einige Zeilen zum Sekretär gefordert. Lesen, ankleiden und wegeilen war das Werk einiger Minuten. Ich blieb, bebend vor Furcht und Hoffnung, zurück, und lief untätig umher; denn um die Welt hätte ich keine Arbeit anrühren können. Ich wankte bald zum Fenster, bald zur Treppe, dem mann die Nachricht, noch ehe er spräche, aus dem gesicht zu lesen. Er kam, und ich las sie wirklich von Weitem schon auf seinem blassen, Unglück weissagenden gesicht. Mit Worten wagte ich es nicht, ihn zu fragen; auch hatte meine Brust nicht Atem genug zu reden. Endlich, nach bangem, minutenlangen Schweigen, in welchen er noch immer nach Fassung strebte, fing er mit mattem, erschöpften Tone an: "Minna, nun ist wohl alles vorbei! Der Minister wollte helfen; nachdem aber der Rat ***, eben der, welcher uns diesen Weg angeraten hat, bei ihm gewesen war, liess er den Sekretär hereinrufen, und überhäufte ihn mit Vorwürfen, dass er ein solches Subjekt zu empfehlen gewagt habe; einen Menschen, der Kindergelder angegriffen, und sich durch seine und seines liederlichen Weibes Tollheiten zu grund gerichtet habe. 'Dergleichen unterstehn Sie sich in Zukunft nicht mehr!' hat er höchst entrüstet hinzugesetzt. Mit diesem Bescheid ist unser Schicksal auf immer entschieden, arme Minna!"
Auch dieses war einer von den entscheidenden Momenten des Lebens, wo zuweilen die Seele durch einen raschen Entschuss sich aus dem Abgrunde emporschwingt. Ich umarmte meinen Mann leidenschaftlich, indem ich zu ihm sagte: "Ich folge Dir bis in den Tod; Dein los sei das meinige! – nur lass uns diese Welt, die uns ausstösst, nachdem sie unsern Lebenssaft mit aufzehrte, lass uns diese elenden Menschen meiden! – Ihre Nähe ist Schmach!" – "Aber wohin? wohin wenden wir uns, armes Weib, das ich mit in mein Schicksal verwickelte?" – "Aufs Land, zu einfachen Menschen, zur einfachsten Lebensart; in ihr liegt ganz gewiss das Glück, welches wir unsinniger Weise im Strudel der Üppigkeit suchten." Ich gedachte in diesem Augenblicke eines Gartens, den ich mit meiner Tochter und einem Dienstmädchen bearbeiten wollte. Es waren wahrscheinlich Ideen meiner ersten Jugend, die in mir auflebten. Der Einfall war im grund unreif, aber die Stimmung des Augenblicks rechtfertigte ihn. Auch das möge ihn entschuldigen, dass mein Mann ohne Bedenken zustimmte, und sogleich alle Anstalten machte, ihn ins Werk zu richten.
Allein ein Herzleid sollte uns doch noch widerfahren, ehe wir von dannen schieden. Ich war gegen Abend ausgegangen, um einige Kleinigkeiten anzuschaffen, und war nicht lange ausgeblieben. Bei meiner Zurückkunft fand ich meinen Mann in ausnehmender Bewegung; er fuhr ungestüm auf mich los, einen Brief in der Hand haltend. "Weisst Du davon? Minna!" (fragte er); "weisst Du um diese Schandtat?" – "Wie? was hast Du? Ich begreife Dich nicht!" – "Nicht? so lies!" – Er reichte mir ein Billet hin; es war vom Rat ***, der mir erklärte, dass er, zu meinem Besten, die Sache wegen meines Mannes Versorgung habe hintertreiben müssen; er könne das nicht der Feder anvertrauen, bäte mich aber, beikommende Kleinigkeit als einen geringen Ersatz vor der Hand anzunehmen, bis ich ihm erlaube, in wesentlichern Dingen seine achtungsvolle Wertschätzung an den Tag zu legen. – Diese Kleinigkeit waren 50 Dukaten. Ich verteidigte mich gar nicht bei meinem mann; er musste sehen und fühlen, dass ich unschuldig war. Jetzt gestand ich ihm auch die Anträge des Rats, die ich ihm, aus Schonung für uns beide, verschwiegen hatte. Allerdings war es unrecht, hier zu schweigen; denn ich würde durch die Entdekkung der ehrlosen Absichten jenes Herrn den Versuch verhütet haben, welcher meinem Gatten eine so schimpfliche Zurückweisung zuzog. Jetzt war's offenbar: der Rat wollte dass wir