verliess mich, ohne weiter zu sprechen.
Dieser Tag war einer der bittersten meines Lebens. Ob schon unsre Lage sich im Wesentlichen um nichts verschlimmert hatte, so war ich doch um eine Hoffnung ärmer geworden, und damit war jede, schon mehr als halb verharschte, Wunde aufs schmerzlichste wieder bei mir aufgerissen. Ich legte unmutig meine Arbeit zur Seite, die mich ungewöhnlich anekelte, und überliess mich einem unmässigen Schmerze, der in Tränenströme überfloss, so dass ich, ganz in mich versenkt, es kaum bemerkte, als mein Dienstmädchen sehr angelegentlich einen Herrn anmeldete, der mich sogleich zu sprechen wünsche. Wer er war? wusste sie nicht; aber ein recht hübscher und freigebiger Herr wäre es: denn er hatte dem jungen Mädchen einen harten Taler geschenkt, dass sie ihn nur recht schnell melden sollte. Unerwarteter als dieser Vorfall konnte mir nichts begegnen; denn mit unserm Wohlstande waren Herren und Damen verschwunden, welche ehedem die fröhliche Lockpfeife der Tischfreuden herbeigeflötet hatte. Noch ehe ich Zeit gewann, mein ärmliches Zimmer ein wenig in Ordnung zu bringen, trat ein ältlicher, wohlbeleibter Mann, in einen Überrock gehüllt, zu mir herein. Sein hellfarbiges, breites Gesicht verkündigte den Vollgenuss der Tischfreuden; die starren, unbiegsamen Gesichtsmuskeln, und der offene Mund, der nicht mehr in sein Charnier schliessen wollte, den häufigen Genuss starker Weine. Dieser lebendige Kommentar zum Begriff von Fleischeslust und hoffärtigem Leben stellte sich mir als den Rat *** vor, als den, von welchem meines Mannes Anstellung abhing. Er trat so dicht, mit etwas mehr als Freundlichkeit, an mich heran, dass ich einige Schritte zurücktreten musste; und als ich zu einiger Fassung gekommen war, nahm er vertraulich meine Hand, und führte mich zu einem Sitz, nahm aber den seinigen so dicht neben mir, dass wir unbequem sassen. – "Ihr Herr Gemahl ist bei mir gewesen," – hob er in einem, von Fett schnarchenden, Tone an; – "er bewirbt sich um einen Posten, zu dessen Erteilung ich in der Tat mitwirken kann. Jetzt will ich mich durch diesen Besuch, den ich mir die Ehre gebe Ihnen zu machen, überzeugen, ob seine Lage in der Tat so dringend ist, und ob seine schöne Frau ihn und sich genug liebt, um zu seiner Beförderung mit beitragen zu wollen." Und wie kann ich das? mein Herr Rat! (fragt' ich). Ich bin bereit, so schwer es auch sein möchte. – "O, gar nichts Schweres, schönstes Weibchen! Es kommt nur darauf an, dass Sie einem mann, auf den Ihre Reize einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben, etwas gütig begegnen." – Mit diesen Worten legte er beinahe die ganze Last seines Körpers auf meinen Schooss, um meine Hand, so wie sie da lag, zu küssen. Ich sprang unwillig auf. Er wollte mich mit Gewalt auf meinem Sitze festalten. – "Nicht so zornig, meine Allerliebste! (fuhr er fort) Sind Sie nur ein wenig gütig, ein wenig ertragend, – so erhält Ihr Mann weit mehr, als er zu bitten sich je unterfangen wird."
Bei einem solchen Vorfalle mich gehörig zu betragen, fehlte es mir an Gegenwart des Geistes. Ich drückte mich in aller Stärke meines Verdrusses aus. Zuerst kroch er wie ein gemisshandelter Pudel; zuletzt aber wurde auch er aufgebracht, und spielte auf meine unglückliche Begebenheit an, die, wie er sagte, ihm Mut gemacht hatte, auf ähnliche gefälligkeit gegen ihn zu rechnen.
Diese Äusserung erregte mir den bittersten Schmerz. Ich hatte gehofft ich sei vergessen, und jetzt sah ich deutlich, dass meine Vergehen noch in regem Andenken standen. O, nie, nie wird des Guten so lange und lebhaft. gedacht! – Indess gelang es mir doch, den frechen Menschen durch mein festes Benehmen zu überzeugen, er habe sich in meinem charakter geirrt. Nach langem verdriesslichen Wortwechsel liess er sich herab, mich um Stillschweigen auch gegen meinen Mann zu ersuchen; er fühlte nicht, der Undelikate, wie viel mir selbst daran lag, dass mein Mann durch nichts an diese kränkenden Umstände erinnert werden möchte! Zuletzt, als er mich einigermassen gefasst sah, liess er noch verlauten: entgegen wolle er meinem mann nicht wirken; aber der Sekretär bei dem grossen mann, auf den es doch am eigentlichsten ankomme, befördere keine Bittschrift, die mit leerer Hand überreicht würde. – Ich nahm diese Weisung ziemlich mürrisch an. Nachdem er noch viel Unwesentliches zur Sache gesagt hatte, empfahl sich der Herr Rat, der mir von seiner Niedrigkeit so redende Beweise gegeben, obschon er in der Welt unter der allgemeinen Benennung eines rechtschaffenen Mannes bekannt war.
Bald nachher kam mein Mann in sehr düsterer Stimmung nach haus. Ich sagte ihm, wer bei mir gewesen war, und erwähnte, als Zweck dieses Besuches, der Nachricht, die den Sekretär betraf. "Also auch ein Schurke!" sagte mein Mann bitter. "Und wir sollen darum, dass sie's überall sind, kummervoll darben? Mein Freund, der Buchhändler, sagte mir eben: nehmen Sie doch, als ein erfahrner Mann, die Welt, wie sie ist; wir werden sie nicht reformiren, wohl aber untergehen, wenn wir nicht mit dem Strome schwimmen. – So sei es, Minna! Lass uns, was wir aus dem verschuldeten Schiffbruche retteten, was wir für den Notfall hinlegten, lass