nicht, hörte aber doch gern von einer frohen Aussicht sprechen, und fing an auf diese Phantasieen Luftschlösser zu gründen, wodurch ich mir einige trübe Stunden erhellte.
Eines Abends kam mein Mann ungewöhnlich heiter von dem Buchdrucker, dem er Korrekturen gebracht hatte, zurück. Ich sah ihn forschend an. "liebes Weib," – rief er mir so munter, wie er lange nicht gewesen war, zu, – "es hat sich ein helles Wölkchen an unserm Horizonte gezeigt. In der Buchdruckerei traf ich den Sekretär des *** von ****; er sagte mir: es sei eine Stelle bei dem ** schen Departemente offen, die sein Herr vielleicht nicht abgeneigt sein würde mir zu geben, nur müsste ich schriftlich deswegen einkommen." Dass bei diesen Worten ein Sonnenblick sich in meine verdüsterte Seele stahl, ist begreiflich. Dieser Abend wurde uns ein fest, desgleichen wir lange nicht gehabt hatten, und wogegen die üppigen Freuden unsrer vorigen Lebensweise nur Trauertage waren. Ich bereitete ein Lieblingsessen meines Mannes, und er war eben reich genug, dem kleinen Mahle eine Flasche Wein beifügen zu können. Der nun schon ungewohnt gewordene Trank erhöhte unsre Lebensgeister so, dass wir ordentlich wetteiferten, wer von uns die beste Zukunft ausmahlen würde. Auch gelobten wir uns heilig, dass, wenn uns wirklich einst noch das Glück wieder lächeln sollte, wir es mässig und in nüchterner Häuslichkeit, in einem kleinen Kreise geprüfter Freunde geniessen wollten. Ach, unser geträumtes Glück bestand nur in diesem einzigen frohen Abend!
In der ersten langentbehrten freudigen Aufwallung unsrer Herzen hatten wir es freilich nicht bedacht, dass dem alles vermögenden grossen mann nur durch seine rechte Hand, den Rat ***, beizukommen war, und dass dessen Vermittlung und Vorwort nur durch Aufopferungen zu erhalten war, zu welchen unsre Armut nichts herzugeben hatte. Sehr niedergeschlagen kam mein Mann von dem Versuche, den er auf des Mannes kieselhartes Herz gemacht hatte, zurück. "Minna," – sagte er, – "wir werden nicht durchkommen; dem Menschen ist nur durch Bestechung beizukommen; so unrühmlich wollen wir den Bissen, den wir uns mit unsern Händen noch erarbeiten können, nicht erlangen." – Ich war seiner Meinung, so ungern ich die geliebte Hoffnung aufgab. Über die Niederträchtigkeit der Menschen wagte ich nicht zu klagen, weil wir uns unsern Fall wahrlich! nicht durch unsre Rechtlichkeit zugezogen hatten.
Still und bekümmert verstrich uns dieser Tag. "Eine mühselige Korrektur!" – seufzte mein Mann einigemale 'bei seiner Arbeit. "Der Nähnadelverdienst ist's nicht minder!" – antwortete ich, mit ebenfalls beklemmtem Herzen. – "Denke daran, dass wir unser Gutes genossen haben, Minna." – "Ach freilich, freilich, mein Lieber! wiewohl nur eine kurze Zeit." – "Wir haben unsren guten Tagen selbst ein Ende gemacht, Minna." – "O, das ist die tief einschneidende Seite meines Grams; und dann: dass ich ihn nicht mit dem kindlichen, hingebenden Zutrauen auf Vorsicht und Menschheit tragen kann! Den Glauben raubte mir frecher Witz. Die spottende, leichtsinnige Welt spielte mir tändelnd einen festen, haltbaren Stab aus der Hand, und gab mir dagegen ein dünnes, zerbrechliches Röhrchen, das nun, da die Stürme des Lebens über mich gehen, zerknickt. Ich schämte mich meiner Katechismusreligion wie eines kleinstädtischen Kleidungsstückes, wusste aber nichts an ihre Stelle zu setzen; denn die kühnen Äusserungen, welchen man in den mehrsten Gesellschaften ausgesetzt ist, hatten zwar bei mir eingerissen, aber Bonmots sind kein Ersatz. Ich blieb einer düstern, unbestimmten Zweifelsucht preisgegeben, die mich in einzelnen Augenblikken, gleich einem plötzlichen Schreck, angriff. Dies war aber zu vorübergehend, als dass es hätte bis zur Unruhe steigen können. Und, wie denn bei dem gewöhnlichen Menschenschlage die Religion ein isolirtes, mit dem Tun und Wesen derselben in keiner Verbindung stehendes, Ding ist, so kamen auch mir diese ernstern Stunden, so lange wir im Wohlstande waren, ziemlich selten; aber da der Sonnenschein der guten Tage vorübergegangen war, empfand ich mit Schrecken, wie viel ich an dem eingebüsst hatte, was mir in frühern Tagen die Religion galt."
Still für mich stellte ich diese Betrachtungen an, und brach dann noch einmal in die Worte aus: "O, dass ich diese Stadt und diese Menschen nie mit Augen gesehen hätte!" – "Minna," sagte mein Gatte, "lass uns nicht ungerecht sein! Lass uns nicht diese gute Stadt anklagen, weil wir sie missbrauchten! Vielleicht gibt es wenig grosse Städte, die so viele öffentliche und Privattugenden aufzuweisen haben; aber sie zu finden, muss man freilich nicht den Weg einschlagen, den w i r wählten. Die Trefflichen und Guten lauern nicht am breiten Wege der üppigen Freuden, dass der Vorübertaumelnde sie wild an sich reisse. Im stillen Kreise geräuschloser Freuden wirken sie im Verborgenen, und nehmen den Suchenden mit entgegenkommender Güte auf. Wir rangen nach Betäubung, nicht nach Glück. Jene wurde uns eine Zeitlang gewährt, und dieses, – mein Herz sagt mir's, – werden wir noch finden, sobald wir ernstlich wollen. Mein Rausch ist auf immer vorüber. Die Jahre und die Veranlassung zum ernsten Nachdenken sind da; überlege auch Du, meine arme Minna, mit Nüchternheit. Es wird noch wieder gut; das ahne ich sehr deutlich." – Er legte die Feder hin, kleidete sich an, und