stumpfen werden. – Mein Mann erstaunte über die Kraft, die er mir gar nicht zugetraut hatte; aber ich fühlte, dass der Beifall meines eignen Herzens mir noch mehr wert war, denn nur i c h wusste genau, dass ich nicht tatenleere Worte hinprunkte.
Es traf alles genau so ein, wie mein Mann gesagt hatte. Uns widerfuhr das strengste Recht. Auf Mitleiden durften wir nicht rechnen; denn er hatte die Schwachheit gehabt, seine Revisoren und viele Adelige oft zu bewirten. Eben diese waren es, die das Schwert mit Schärfe über uns schwangen. "Es konnte nicht anders kommen," hiess es; "auf des Mannes Tisch kam Rheinwein, wie der König ihn kaum hat. Das Kleine wurde vergrössert, und das Mittelmässige zum Übermässigen erhoben. Die Frau war ebenfalls eine Närrin; sie trug Federputz und Brillanten, wie eine Adliche. Solche k r a s s e B ü r g e r l i c h e wollen es dadurch der vornehmern Klasse gleichtun, und es hat doch weder Art noch Geschick. Es geschieht ihnen ganz recht." – So sprachen die, welche wahrlich nicht scheel sahen, als der edle Rheinwein ihnen in unsern Gläsern zublinkte. Wie liebkosend hatten jene Herren oft die Hand geküsst, an welcher der beneidete Brillant einst schimmerte! und nun waren. sie emsig, die Sinkenden noch tiefer in den Staub zu drücken. Doch, glücklicher Weise war unser noch übriggebliebenes Vermögen zur Erstattung hinreichend; mein Mann kam mit Kassation, ohne Verhaftung, durch. Wir lebten nun in einer Beschränkung, die nahe an Dürftigkeit gränzte. Er schrieb Noten, und las Korrekturen für einen Buchdrucker. Ich nähete, wusch Flor, Putz und seidene Strümpfe, wobei mir manches Kleid unter die hände kam, das ich ehedem zu verdunkeln mich bestrebt hatte.
Jetzt wurde ich auch mit Entsetzen gewahr, wie sehr meine armen Kinder durch meinen Leichtsinn verwahrloset waren, und dies war's eigentlich, was mich bei unsrer Armut tief in den Staub beugte. Die Folgen dieser Verwahrlosung konnte ich gar nicht berechnen. Meinen Sohn hatte ich, ehe er noch ein Jahr alt war, einem jungen, und, wie es sich zeigte, liederlichem Mädchen überlassen. Dieses geschöpf hatte den Hang zum Naschen in ihm erregt, um diese Untugend zu ihren Absichten zu benuzzen; sie war auch bald ganz sicher, dass Fritz nichts verriet, wenn sie ihn mit einem Törtchen oder Äpfelchen den Mund versiegelt hatte. Als er grösser und fähiger wurde, gebrauchten ihn die Mägde, mich auszuspähen, und zu erfahren, wenn ich ausgehen und wie lange ich wegbleiben würde. Mein Fritz hatte das Gewerbe des Spionirens so gut inne, dass er mir immer gegen seine Gönnerinnen, welches die Mädchen zu sein schienen, mit dem treuherzigsten Gesicht allerlei vorbrachte, um ihnen meine Beschlüsse über sie hinterbringen zu können. Schrecklicher aber noch als diese Falschheit war der Hang zur gröbsten Sinnlichkeit, womit die wollüstigen Dirnen ihn angesteckt hatten. Die weibliche Bescheidenheit verbietet mir, umständlicher davon zu sprechen. Er wurde bläulich, bleich, schwankend, Hals und rücken krümmten sich unangenehm vorwärts hin, die stimme ward heiser und unrein. Ein guter Arzt hielt diesen Zustand für nicht natürlich; er forschte, und entdeckte zu spät, dass dies Symptome heimlicher Ausschweifungen waren. – Der Knabe wurde schwachsichtig, die Gedächtnisskraft war ganz erloschen; er zehrte sich allmählich ab, und sein Tod befreite mich zwar von einem redenden Beweise meiner Strafwürdigkeit, allein hier im inneren ist der Wurm, der nicht stirbt, und das Feuer, das nicht erlischt.
Nach dem tod meines unglücklichen Kindes fiel ich in einen Zustand von Gemütsschwäche, die mich für jeden Eindruck äusserst empfänglich machte. Unter so grossen Leiden hatte meine Seele eine gewisse Schwungkraft erhalten, durch welche sie über sich selbst erhoben wurde; aber sie wollte unter den täglich sich wiederholenden Neckereien des Schicksals erliegen. Was mir sonst Religion gewesen war, das schwankende, unzureichende Gefühl, das Christentum des weichen weiblichen Herzens war im Winde des Modelebens zerflattert; was ich mir an dessen Stelle anvernünfteln wollte, hatte keine Lebenskraft. Ich haschte nach allem, was mir eine Art von Trost gewähren sollte, und verfiel oft auf unwürdige, abergläubische Kindereien.
So liess ich mich einst von dem kleinen Dienstmädchen (denn nun hielt ich keine stattliche Jungfern mehr) bereden, eine Wahrsagerin kommen zu lassen, die aus Karten und Kaffee die Zukunft in bunten lustigen Bildern zu sehen vorgiebt. Das Weib, welches ich in meines Mannes Abwesenheit zu mir kommen liess, war eine der listigsten und gewandtesten ihrer Gattung; und ich schämte mich schon weniger dieser Schwäche, als ich hörte, dass ich sie mit vielen vornehmen Frauen gemein hatte, welche sie heimlich bei sich einführen liessen. Wie sehr irren doch diejenigen, welche über zu viele Aufklärung schreien, und immer besorgen, sie werde im grossen Haufen zu weit um sich greifen! So lange dieser noch so wenig von den ihn umgebenden Naturkräften kennt, kann die abergläubische Trägheit und Dummheit nur ganz unbekümmert auf ihrem weichen Polster schlummern. Mitten in einer, wegen ihrer Aufklärung beinahe berüchtigten, Stadt treibt diese Betrügerin ihr Gewerbe so öffentlich und mit solchem Erfolg, dass sie bei Veränderung ihrer wohnung ihre Adressen umherschickt. In ihrer wohnung wird sie so von der leichtgläubigen Dummheit belagert, dass sie nur immer sechs Personen auf einmal vorlassen kann. Mir weissagte sie viel Gutes in einer hellen Zukunft; ich glaubte es freilich