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fortwährender Beweis meiner Liebe und Treue sein." – Er war erschüttert aber nicht erweicht, doch sagte er ziemlich milde: "Komm, Minna, keine Szenen an diesem Orte; vor solchen Zeugen müssen wir nicht handeln." Er sagte der Wirtin einige Worte, und schleppte mich mit sich fort, denn gehen konnte ich im buchstäblichen Sinne des Worts nicht.

Dieses Bekenntniss ist mir über alle Beschreibung schwer geworden. Ich fühle mich nicht im stand, heute mehr zu sagen; meine Kräfte sind alle von dieser entsetzlichen Erzählung erschöpft. Ach Ida, möchte' ich jetzt einen blick in Ihr Herz wagen dürfen! – Musste denn ich, ich selbst die schöne Täuschung, die Sie an mich band, zerstören?

"Die Minna, welche ich liebe, ist nicht mehr die Gefallene; nein, das schöne Antlitz der edelsten Menschheit ist ganz wieder in ihr hergestellt! Diesen Glauben an Ihre wieder in die alten Rechte eingetretene Würde sollen Sie selbst mir nicht rauben können!" sagte Ida schwärmerisch. "Doch, kein Wort weiter; Sie bedürfen Schonung und Ruhe." Das têtetête, – fing Minna am folgenden Abend ihre Erzählung an, – welches mir mit meinem an seiner Ehre gekränkten mann bevorstand, erforderte einen Mut, zu dem meine gebeugten Kräfte sich nicht erheben konnten, obgleich seine eigene unrühmliche Absicht mich hätte aufrecht halten können. Als ich in sein Zimmer trat, war ich einer Ohnmacht nahe: er aber schien seine Fassung in meiner Ohnmacht zu finden, behandelte mich vor den Domestiken wie eine Kranke, liess mich auskleiden, mir Tee geben, und schien so sanft und verzeihend, dass mir endlich wieder ein Fünkchen Mut aufging, und ich seine Hand an meine Lippen zu drücken wagte. Er entzog sie mir nicht; als ich aber über den bewussten Vorfall sprechen wollte, rief er: "Still! keine Sylbe vom Vergangenen! wir bedürfen beide besonderer Nachsicht, und haben viel, sehr viel gut zu machen. Verhalt' Dich ruhig, die Zeit verwischt viel."

Das, wodurch die brennende Wunde meines Gewissens Linderung erhalten sollte, wäre mir zur andern Zeit ein entsetzliches Übel gewesen. Ich verfiel nämlich in ein hitziges Fieber, welches lange anhielt, und wogegen meine ganze Jugendkraft kaum das Gegengewicht halten konnte. Ich besserte mich sehr langsam, und erst nach einigen gefährlichen Rückfällen. Da wurde ich mit Vergnügen gewahr, dass mein Mann nur dann von meinem Lager wich, wenn dringende Geschäfte ihn abriefen. Daher vergass ich leicht, dass auch er gefehlt hatte, und nun sah ich nur noch die Grösse meines Vergehens. Doch, Dank sei es der zerrüttenden Gewalt des Fiebers, es erschien mir jetzt schon mehr in einer matten Dämmrung; mein Entschluss war aber fest und unwandelbar, dass, sobald meine Kräfte mich hielten, ich meinem mann die abscheuliche Grösse meines Verbrechens ganz gestehn wollte. Durch Worte, die mir während der Fieberhitze entfuhren, hatte er es schon zum teil argwöhnen können. An einem heitern Morgen, wo ich zuerst ausser dem Bette war, nahm er meine Hand, und fragte mich in einem, gar keine Erwartung erregenden Tone: ob ich wohl je aus Versehn Geld aus seiner Kasse genommen habe? er wäre vielleicht nicht sorgfältig genug gewesen, diese Gelder von seiner Privatkasse abzusondern; da sei es möglich, dass, wenn ich von dem meinigen zu nehmen geglaubt habe, aus Versehn – – Ich hüllte voll Entsetzen mein Gesicht in ein Tuch; glühende Scham überzog das kranke, bleiche Gesicht. "Du weisst es also? – Auch diese Schmach!" – Ja, ich Elende! ja – – "Wie viel? wie oft?" fragte er. Ich nannte die nicht kleine Summe. Er entfärbte sich. "grosser Gott!" seufzte er, "Minna, bist Du stark genug, es zu hören? doch, erfahren musst Du es ohnehin bald. Wir haben auch hier beide gesündigt; wir haben aus einem unrechtmässigen Fond den Aufwand unsrer unerlaubten Freuden bestritten. Das trügliche Lotto sollte mich retten, hofft' ich, und es beförderte meinen Sturz. I c h gebe mich, ich bin verloren! Rette Deine Mitgift." – Keinen heller! nicht einen, so weit es nur immer zum Ersatz zureichen mag: rief ich standhaft zusammengenommen. In diesem kritischen Moment zeigte sich mir in der Ferne ein grosses Mittel, mich wieder zu einiger Würde und einigem Verdienste um meinen Mann zu erheben; ich fühlte Mut und Entschlossenheit, mit zu tragen und mit zu leiden. Was steht uns bevor? was müssen wir tun? rief ich stark und entschieden. – "Dieses Haus räumen, Minna, und es mit allem was es entält, den Defekt zu decken, hingeben. Mich wird man, bis zur ausgemachten Sache, festsetzen und kassiren. Dann werden wir uns klein, sehr in's Kleine zusammenziehen müssen, und ich werde, wenn mir besondere Gnade widerfährt, vielleicht einen kleinen Dienst bekommen, vielleicht auch nicht." – Und ich, fiel ich ein, werde arbeiten, und werde Dich, den ich zu grund richten half, und unsre Kinder nicht im Unglücke vergehen lassen. War ich doch, ehe ich Dein Weib wurde, der Arbeit gewohnt. Es gibt eine Vorsehung. Sie wollte mich mit Milde führen; ich achtete ihrer nicht, und nun kommen mir die Heerlinge, von denen die Bibel spricht, welche mir die Zähne