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weib bereden liess.

Die Elende, die sich für Geld zu einem so niedrigen Gewerbe hergab, bediente ihre Gäste mit teuren Lekkerbissen, die nicht abgelehnt werden durften, wenn das Siegel ihrer Verschwiegenheit halten sollte. Diesen Aufwand zu bestreiten, reichte der Finanzbestand meinesach, dass ich ihn V e r f ü h r e r nennen dürfte! – nicht zu. Er liess es, mit gewissen Winken begleitet, merken, die ich nur zu geschwind verstand. Ach Ida! auch h i e r muss ich es wiederholen: der Mensch sinkt von einer Stufe des Verderbens zur andern, sobald er seine Moralität nicht an ein religiöses Interesse knüpft, oder die Ahnung der bürgerlichen gesetz zu fürchten hat! Die Tugend, die sich durch sich selbst belohnt, mag starken, denkenden Köpfen, oder kalten, leidenschaftlosen Temperamenten gelingen; aber den Menschen, die so zu Tausenden auf der breiten Heerstrasse des Daseins dahertreten, die dem Eindrucke des Augenblicks nachgeben, ist sie nicht gewährt. Ich hatte eine lohnende sowohl als eine strafende Zukunft bespötteln und bezweifeln hören; jetzt war mir's bequem, sie wenigstens für ungewiss zu halten. Niemand sah mich, niemand konnte es erfahren; ich wurde, – ach, Gott erbarme sich! – da ich auf der imfamirenden Bahn nun schon nicht mehr, ohne mich der Schande auszusetzen, umkehren konnte, eine D i e b i n ! ich bestahl meines Mannes Kasse! – Sie werden blass, Ida! die Dämmrung hindert mich nicht, es zu bemerken. – Ida antwortete mit Tränen: "Ich bedaure Sie von ganzer Seele! Es hat einst jemand gesagt: 'man erkennt die Geliebte in dem Liebhaber.' Ein tugendhafter Mann hätte Sie zum Engel erhoben. Wir sind so wachsartig, dass wir unvermerkt die Gestalt des Geliebten annehmen."

Sie setzen das Unmögliche, Ida; erwiderte Minna. Ein besserer Mann würde nicht sein strafbares Auge auf seines Freundes Weib geworfen haben. Aber lassen Sie mich leise über diese noch immer schmerzhafte Narbe meines Gewissens wegeilen. – Wir lebten von diesem Blutgeldees war aus einer Depositenkasse von Kindergeldern, – herrlich, aber wahrlich! n i c h t i n F r e u d e n ; denn so oft ich die unselige Schwelle betrat, bemächtigte sich ein entschiedner Trübsinn meiner Seele, der beinahe Verzweiflung wurde, als ich einst bemerkte, dass ich nicht die einzige Frauensperson sei, welche dieses Haus in verbotener Absicht besuchte. Eine Figur, verhüllt in einen Florschleier, schlüpfte bei einer Glastür vorüber. Das Kleid, die Leibbinde und den farbigen Handschuh hatte ich gestern noch in einer Gesellschaft gesehen; es war die einzige Tochter eines angesehenen Mannes, die hier mit einem Figuranten aus der Oper zusammenkam. Tief, ungemessen tief beugte mich die Vorstellung, dass ich mich in einem öffentlichen, dem Laster geweiheten haus befand! Aber die schreckliche Entwicklung lag mir nicht mehr fern.

Einst ging ich, um kein Aufsehn zu machen, in einem schlichten Anzuge früher in das unselige Haus. Die Domina führte mich in ein unteres, mir unbekanntes Zimmer, weil, wie es hiess, das gewöhnliche vom Reinigen nass sei. Mit klopfendem Herzen ging ich, im Vorgefühl der mir bevorstehenden Katastrophe, auf und nieder. Ich blieb lange allein, bis sich hörbar ein männlicher Tritt der Tür nahete. "Hier in diesem Zimmer find' ich sie?" hört' ich die, mir nur zu gut bekannte, stimme meines Mannes fragen. Schrecken, Angst und Schaam trieben mich wie ein Blitz in den entlegensten Winkel der stube. Die Tür flogwie es mir vorkam wurde sie wütend aufgerissenhastig auf, und ich hörte meinen Mann das ihn hereinlassende Mädchen zehnmal in einem Atem fragen: "aber wo, wo ist sie denn?" Da ich nicht einen Augenblick zweifelte dass ich gemeint sei, so stürzte ich aus dem mich übel verbergenden Winkel hervor, stiess ein kläglich-wimmerndes Geschrei aus, und fiel über einen mitten im Zimmer stehenden Stuhl mit ihm zugleich zur Erde. Durch das Poltern meines Falles herbeigezogen, kam die Wirtin mit Licht herein. Wer vermag wohl den jetzigen Auftritt zu schildern? Bei mehr Besonnenheit, oder weniger scheuem Gewissen, hätten wir uns gegenseitig täuschen und vorgeben können: einer suche den andern; aber so entdeckte sich's bald, dass auch mein Mann in der unrühmlichen Absicht hier war, seine Dame zu sehen, dieselbe, auf die mein Liebhaber mir Argwohn beigebracht hatte. Die Verwechslung der Zimmer war Zufall, und war durch des kleinen Dienstmädchens Unwissenheit geschehen, wodurch ganz natürlich diese Entwicklung herbeigeführt wurde.

Mein Mann stand vor mir, in ungewisser Haltung und mit Verlegenheit im Gesicht. "So ganz ohne Mut? Sie sind eine erbärmliche Sünderin, Madame!" sagte er bitter; "was werden Sie jetzt beschliessen?" – So übel ihm, dem nicht minder Strafbaren, dieser Ton auch anstand, drang er doch tief in mein zermalmtes Herz. Weit von allem Trotze entfernt, rief ich, weinend und vor ihm hinknieend: "Ich beschliesse, hier nicht eher aufzustehen, bis ich Deine Vergebung erflehet habe, bis Du mein reuiges Herz wieder aufnimmst." – Darauf war er nicht gefasst gewesen. Ich küsste seine mir dargereichten hände, benetzte sie mit Tränen, und rief, glaube' ich: "Verstössest Du mich jetzt nicht, so soll mein, ganzes künftiges Leben Dir ein