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eintritt, fangen die galanten Kaper an zu kreuzen, und mehrenteils ist ihnen ein solches Weib eine gute Prise.

Schon längst war mir's heimlich aufgefallen, dass

meine sehr artige Figur und jugendliche Frischheit so wenig Sensation erregte, indess Weiber von ganz gemeinem Ansehn es durch die Kunstgriffe der Toilette dahin brachten, für schön zu gelten, und Liebhaber an sich zu ziehen. Bei der jetzigen Lage meines Herzens verdross es mich, und ohne dass ich mir's gestand, erlaubte ich mir nach und nach einen freiern, ins Auge fallendern Anzug. Es wirkte; man fand mich anziehend, und wunderte sich, es so spät bemerkt zu haben. Der gute Erfolg gab mir Mut und Erfindungskraft, meine Aussenseite durch alle Modebehelfe zu heben. Ich glaubte indess bloss mein unschuldiges Spiel mit den Männern zu haben; aber sie hatten ihr Spiel mit mir, und ich lief ins Netz, als ich es noch kaum ahnete.

Ein junger Mann, von schönem Äussern und

schwarzer Seele, war mir auf allen meinen Irrwegen unbemerkt nachgeschlichen. – Ihm, dem Weiberkenner, war die Revolution in meinem Putze nicht entgangen, und er hatte ihre Bedeutung richtig zu entzieffern verstanden. Nicht auf einmal, sondern wie der Tyger sich seinem Raube nähert, näherte er sich mir. Der Listige! Zuerst schien er nur aus Freundschaft für meinen Mann sich für mich mehr als für Andere zu interessiren. Beim Spiel war er immer mit von meiner Partie. Er schmeichelte meinem Hunde, und fand die Unarten meiner Kinder allerliebst witzig. Durch hundert kleine Aufmerksamkeiten kam er mir näher, und immer näher. Im Scherz, aber nur ganz im Scherz, gab er mir zu verstehn: mein Mann mache einer gewissen Dame die Cour; doch gab er sich das Ansehn, es zurücknehmen zu wollen, sobald er sah, dass ein Funken Eifersucht in meinem Herzen gefangen hatte. Dadurch wäre ihm aber um ein Haar sein ganzer Plan vereitelt worden; denn es schien sich in meinem Herzen die eingeschläferte Liebe zum mann wieder zu regen, der Wunsch, mir aufs neue seine Zuneigung zu gewinnen, glomm noch einmal auf, und hätte dieser pflichtvolle Gedanke gerade einen freundlichen Punkt seines Betragens gegen mich getroffen, so war alles gut, und ich gerettet. Aber er war unfreundlich, liess mich hart an, und der unselige Gedanke fiel mir aufs Herz: "Er entlässt Dich Deiner Pflicht; Du darfst, Du musst Dich rächen!" Ich machte es mir von nun an zum Geschäft, ihn genau zu beobachten, und es schien mir wirklich, als ob er einer hübschen Frau, die eben nicht im Rufe der Frömmigkeit stand, nicht abgeneigt sei. Wenn er sie anredete, hatte sein Ton etwas weiches durchdrungenes, welches mir die wahren Accente der Liebe zu sein schienen; in seinen Reden gegen mich war er hart, trocken und herrisch. Diese Entdeckung wirkte sehr unglücklich auf mich. Ich gab ihn auf, und erniedrigte mich zu der verächtlichen Klasse solcher Weiber, die sich Liebhaber erlauben. – Die Rätin Brennfeld hatte einst in einem Anfalle munterer Laune den Spruch hingeworfen: eine Frau könne einen Liebhaber haben, das müssten die Mädchen sich aber nicht herausnehmen wollen. – So wenig mir ihre Sentenzen sonst des Aufbehaltens wert geschienen, hatte doch diese, wie mit schwarzer Schrift, unvertilgbar in mir gehaftet. Es gab noch Augenblicke, wo ich zusammenschreckte, wenn ich mir's lebhaft dachte, in welchen Orden ich eingetreten war. Mein demütigendes Selbstgefühl wies mir nun einen sehr niedrigen Platz in der Gesellschaft an; und meine stolzen Anmassungen würden in Selbstverachtung zusammengesunken sein, hätte mich nicht unverdiente achtung, die man mir jetzt, e b e n j e t z t bewies, ja selbst die tausend kleinen Aufmerksamkeiten, mit denen man mir entgegenkam, und die zu sagen schienen: "jetzt ist sie worden wie unser eine!" aus meinem Versinken wieder heraufgezogen. nachher habe ich diese Menschen selbst bitter verachtet, und es für einen Raub an der besseren Menschheit gehalten, wenn verächtliche Personen gleich den achtbaren aufgenommen werden. Es ist höchst unrecht, zweierlei Genuss an sich reissen zu wollen; die geheime verbotne Frucht, und die öffentliche gute Meinung.

Aber der Zustand der inneren Selbstverachtung peinigte mich doch oft aufs schmerzlichste. Ein liebkosendes Wort, selbst die Benennung M u t t e r von meinen Kindern, ein Brief von meiner nun sehr kränklichen Mutter, erschütterten mich gewaltsam. Dann hätte ich mich in meines Herzens Beklommenheit gern an ein höheres Wesen gewendet, die brennende Unruhe durch Gebet und Hingebung gelindert; aber der Bösewicht, der meine Ehre zu Schanden machte, hatte mich nach und nach durch ateistische Meinungen vollends um allen Glauben und Hoffnung gebracht. Auch der Glaube an mich selbst war dahingegeben; die Rückkehr war mir beinahe moralisch unmöglich gemacht.

Ein schwacher Überrest von Ehrgefühl oder Stolz hatte mich abgehalten, meine Domestiken zu Vertrauten meines Liebeshandels zu machen. Der hereinbrechende Winter erschwerte unsre Zusammenkünfte. Mein Verderber gab darüber viel Traurens vor. Als ich in ihn drang, mir seine Meinung über unsre Zusammenkunft zu sagen, gab er zu verstehn: uns sei geholfen, wenn ich ihn hinreichend liebe, mich über einige k l e i n e Vorurteile hinwegzusetzen. Ich machte mich anheischig, ihn jeden Beweis meiner Zuneigung zu geben, den er nur fordern würde; und so geschah es, dass ich mich zu Zusammenkünften in einer abgelegenen Strasse bei einem, solchem Unwesen gewidmeten,