und womit er mein heisses Gefühl zur kalten Gefühllosigkeit herabstimmte. In meinem Herzen blieb eine Leere, welche auszufüllen ich mich dunkel sehnte. Noch erlaubte ich mir auch nicht das fernste Hindrängen zum andern Geschlecht; allein Erfahrung hat mich beinahe überzeugt, dass die unzählichen Gelegenheiten des Beieinanderseins beider Geschlechter, und der vertrauliche Ton, der daraus entsteht, das Band der Ehen locker machen. Auf alle Temperamente wirkt es freilich nicht gleich stark; aber mich dünkt, Mann und Weib gewöhnen sich gegenseitig leicht einander als entbehrlich betrachten. Die süsse Gewohnheit, sich alles zu sein, wird geschwächt; der Reiz des häuslichen Lebens verliert unmerklich gegen die gesellschaftliche Mannichfaltigkeit. Warum wäre sonst in den vornehmern Klassen eine glückliche Ehe eine so seltene Erscheinung? Bei dem ganz gemeinen mann ist tierische Roheit ein Hinderniss.
Allein man sehe nur, mit welchen Prätensionen die Modefrauen in Gesellschaften erscheinen! Jede zeigt sich so liebenswürdig, so sonntagsmässig! Die schönsten Seiten werden im schönsten Lichte producirt! Dagegen erscheint die Hausfrau mürrisch; sie muss sich mit den Leuten ärgern; sie lässt waschen, oder die Köchin hat das Essen verdorben; oder – noch schlimmer – die Frau fordert Geld; die Kinder brauchen Kleider; welches Gesicht wird nun dem mann besser behagen, das Sonntags- oder Alltagsgesicht? Eben so die Frau. Die fremden Männer bemerken ihre Schwächen nicht, weil sie nicht interessirt sind, sie aufzusuchen. Alle Weiber sind ihnen scharmant, und keiner wird es je an Eicisbeen fehlen, sobald sie bestimmt merken lässt, sie sei nicht abgeneigt, Aufwartung anzunehmen.
Aber Ida, der Vollmond steht hoch über uns; es muss über Mitternacht sein! Ich sehe, es ist Ihnen jetzt Bedürfniss zu ruhen, und nicht zu hören. Ida hatte sich diesen Abend zuerst unter dem lieben traulichen Baume eingefunden; sie sang zur Mandoline in sanften zärtlichen Accenten das rührende Matisonsche Lied: "W e n n b e i d e s V o l l m o n d ' s D ä m m e r l i c h t e ," etc. Ihr blick hing betränt an dem mond. Es war sichtbar, dass schwerer Kummer, Erinnerung oder ahnendes Vorgefühl an ihrem Herzen nagten. Minna hatte der schönen stimme gelauscht; küsste dann freundlich die Tränen von ihrer Wange, nahm die Mandoline, und sang ihrer Lieben die Abendempfindungen von Schlegel: "H i n a u s , m e i n B l i c k , h i n a u s i n ' s T h a l !" etc. – Ida horchte auf die beruhigenden Töne; ihre Stimmung ging in sanfte Heiterkeit über, und die Unterredung wurde bald auf den eigentlichen Gegenstand ihrer Zusammenkunft geführt.
"Sie haben mir," fing Ida an, "etwas zu denken gegeben, als Sie sagten: die Folge der häufigen geselligen Zerstreuungen sei Lockerwerden, oder vielleicht gar Auflösung ehelicher Bande. Wenn dem so ist, so möchte man den Erfinder des Kartenspiels segnen; denn meines Bedünkens trennt es wenigstens die Herzen, und macht sie den zärtlichen Gefühlen unzugänglich. Habe ich recht, Minna?"
Was soll ich sagen? Vielleicht gedeiht ächte, hingebende Liebe nie im Geräusch der grossen Welt, und eine Liebe, wie der Mann und das Weib der Zerstreuung sie fühlen, ist blosses Bedürfniss der Langenweile. Eine solche findet auch am Spieltische statt. Ein von ganzer Seele liebender Mann würde der jetzigen Mode zu leben ein seltnes Schauspiel gewähren, und sich in den Augen der persiflirenden Menge zum Narrenhause qualificiren; kaum duldet man ihn ja noch in Romanen oder auf der Bühne. Gessners Hirtenwelt ist uns vorübergegangen, und die Manier des Empfindens mit der Zeit verschwunden, da jeder Jüngling sich durch einen blauen Frak und gelbe Weste zum Werter zu stempeln glaubte. Das Kind ist mit dem Bade ausgeschüttet; Wir Deutschen lieben die grellen Abstiche.
Es wird alles gut gehen, sagte Ida; sehen Sie nur unverwandt auf die grössere Masse des Guten und Besseren hin. Wir sind fortgerückt. Ungern liesse ich mir die herzerhebende Vorstellung von Menschenglück durch fortschreitende Vervollkommnung rauben. – Diese Betrachtungen haben uns aber himmelweit von Ihrer Erzählung abgebracht; ich bitte um die Fortsetzung.
Ich gehe willig Ihren Bemerkungen nach, – entgegnete Minna, – weil ich Sie gern so lange als möglich von dem Zeitpunkte meines Lebens zurückhalte, der mich so unaussprechlich erniedrigt darstellt. Der Schluss unserer gestrigen Unterredung hat Sie vermutlich auf das vorbereitet, was ich zu sagen habe.
Unsre fortwährende zerstreute Lebensart erforderte einen Aufwand, der vermutlich meines Mannes Einkünfte übersteigen mochte. Er fuhr gleichwohl fort, täglich zu spielen, und verlor Summen, deren Grösse ich selten erfuhr. Das veranlasste Einschränkungen im Hauswesen, die mir lästig fielen, weil sie mich zu mehrerer Tätigkeit aufforderten. Wenn mir mein Mann, nach zehnmal vergeblichem Fordern, das Geld, seine elend versorgten Kinder zu kleiden, mürrisch hinwarf, so mussten mir wohl die schönen Dukaten einfallen, die das l'Hombrehinwegraffte. Wurde ich unmutig genug, eine solche Bemerkung laut werden zu lassen, so bekam ich den Vorwurf zehnfach zurück. Durch solche Auftritte entstand Kälte, dann Abneigung, und zuletzt etwas, das dem Hasse ganz nahe kam. – Wehe, wehe dem weib, das Abneigung gegen den gefährten seines Lebens einzugestehen wagt! Sie hat den ersten Schritt auf dem Irrwege getan.
Jungen Weibern fehlt es nie an spähenden Beobachtern, deren Scharfblicke das eheliche verhältnis nicht entgeht. Sobald Kälte