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, und das System, welches ich zuletzt gelesen hatte, schien mir immer das anwendbarste zu sein. Mit meinem graden Menschensinn sah ich wohl ein, dass die meisten neuern Pädagogen die Unarten der Kinder in Schutz nehmen; dass an die Stelle der alten Pedanterie Ungezogenheit und Grobheit getreten ist; dass, bei dem unmerklichsten Missgriffe, die bezweckte Freimütigkeit in Ungebundenheit und Insolenz ausartet, bei der die Mütter unaufhörlich in Verlegenheit geraten; dass, um die Kinder früh zu Menschen zu machen, sie zu zeitig aufhören, das, wozu sie ihr physischer und moralischer Zustand bestimmt, Kinder zu bleiben; dass die unverständige Wichtigkeit, die jetzt den Kindern gegeben wird, eine Generation von unausstehlichen Egoisten bildet, die, weil ihre Eltern alles auf sie Beziehung nehmen liessen, sich dann einbilden, das Sonnensystem sei ihretwegen da, und die Welt müsse sich nach ihnen bequemen, wie Mama und die Kindermuhme taten; dass es unrecht sei, den Kindern immer merken zu lassen, wie in der Eltern haus alles ihretwegen so und nicht anders sei. I h r e t w e g e n , ja, nur ihretwegen wird mancher Aufwand gemacht, ihretwegen werden die Wohnungen so oder anders geordnet, ihre kindischen Reden werden ganzen Gesellschaften wie Orakelsprüche wiederholt; und das alles, weil der alte Bürger von Genf einst gesagt hat: die Mütter sollen Mütter sein. – Ja, hätte er den Müttern seine hände auflegen und seinen Geist mitteilen können! Was fruchtet es, dass die Mütter ihre kleinen Äffchen unaufhörlich verhätscheln? Lieben etwa jetzt Kinder die Eltern mehr als ehedem? Ach! die öffentlichen Blätter beweisen es nicht, worin oft trostlose Eltern die ungezähmten, entlaufnen Söhne flehentlich einladen, nur wiederzukehren, und in rührenden Ausdrücken dem Flüchtlinge die erwartete Nachsicht und Verzeihung beteuren!

Die Pädagogik machte mich unsinnig; denn ich wollte durchaus nicht dem schlichten, graden Menschensinne, sondern einem erdachten System folgen. Bevor ich mich aber zu irgend einem bestimmt hatte, war auch der Grund zum Verziehen des Kindes schon unabänderlich gelegt; denn, statt auszuüben was ich wusste, las ich, um zu lernen was ich nicht wusste. Fragte ich meinen Mann um Rat, so hiess es: "Tu', was Du willst!" Er gestand seine Unkunde in dem Fache, und war mit meinem guten Willen so befriedigt, dass er zu fragen vergass, ob sich meine Erziehungskunst über die grenzen des guten Willens erstrecke?

Die ungewohnte Regelmässigkeit, die sich während dieser Ereignisse gleichsam von selbst im Hauswesen eingefunden hatte, machte meinem mann Langeweile, und scheuchte ihn fort. Er besuchte täglich eine Gesellschaft, in welcher ihn der l' Hombretisch bis um Mitternacht festielt. So fand ich mich, da seine Gesellschaft mir am unentbehrlichsten war, allein gelassen, und vernachlässigt, wie ich es nannte. "Habe ich das um Dich verdient?" sagte ich einst im Unmute, als ich ihn bis gegen den Morgen erwartet hatte. "Ich kann mich nicht so einschränken!" antwortete er unwillig; "warum gehst Du nicht mit? Meinst Du, es sei etwas Verdienstliches, ewig im haus zu hocken? oder erwartest Du, ich werde Dir diese Trägheit, die hier gern im Gewande der weisen Zurückgezogenheit erschiene, als Tugend anrechnen? Du bist eine Grillenfängerin; kein Mensch steht Dir an. Wer so delikat sein wollte, müsste in eine Einöde fliehen. Man erträgt die Schlechten der Guten wegen; und wo lebt der Mensch, der nicht eine Seite hätte, von der er missfallen würde, wenn man diese zuerst an ihm erblickte? Minna, lass uns ertragen, damit wir wieder ertragen werden!" Diese weisen Sprüche überzeugten mich in so weit, dass ich nur noch einwendete das Kind könne nicht ohne mich sein. "O, das dreivierteljährige Kind," – antwortete er, – "bedarf Deiner noch nicht. Es ist ein kleines Tier, das Deiner nicht achtet, wenn ein Andrer seine physischen Bedürfnisse befriedigt." Er hat recht! dachte' ich wider bessres Wissen und Gewissen, entwöhnte mein Kind, überliess es einem jungen wollüstigen Kindermädchen, und begleitete meinen Mann Tag für Tag in seine Gesellschaft. Anfangs sagte sie mir wenig zu; denn da Alle spielten, so war ich ihnen sehr unbedeutend. Die Langeweile, welche mir das machte, brachte mich dahin, dass ich einige der gangbarsten Spiele lernte; ich begriff sie leicht, und der lebhafte Geschmack, den ich dieser neuerworbenen Geschicklichkeit abgewann, wurde bald zur unbesiegbaren leidenschaft.

In meinem haus ging es während dieser täglichen Auswanderungen kraus und bunt durch einander. Die Domestiken, welche es sehr gut wussten, dass ihre Frau zu gewissen Stunden abwesend war, machten ebenfalls ihre Partieen in und ausser dem haus, spannen Liebeshändel an, und belogen und betrogen mich an allen Ecken. – Meinem kind wurde ich fremd, der Knabe war mir abgeneigt; denn wenn das arme verwahrlosete geschöpf weinte, wurde es mit der Mama bedroht. "Sie kommt, sie soll Dich schon strafen!" hiess es; und dadurch war ihm Mama so sehr zum Popanz geworden, dass es sich ängstlich verbarg, sobald es nur meine stimme hörte.

Das rührte mich aber nicht, wie es wohl gesollt hätte. Die neue interessante leidenschaft besass mich ganz, und es schmeichelte meiner Eitelkeit, dass ich nun mit so leichter Mühe die scharmante Frau aller derer war, die so gefällig waren, mir mein Geld abzugewinnen; denn vermutlich