den prächtigen Equipagen, von dem hof, den sie nicht gesehen, von Soupees, denen sie nicht beigewohnt hatte, zu erzählen: ihr armes Köpfchen, das auf ihrem dorf dergleichen Herrlichkeiten auch nicht einmal geahnet hatte, war durch die Überraschung ganz davon eingenommen. Darüber aber hatte das arme gute Weib, was uns näher anging, nur beiläufig bemerkt. So viel wusste sie wohl, dass über die Artigkeit der Frau Rätin B r e n n f e l d , (das ist die Frau Erzieherinn) in der Welt nichts ging. Überhaupt, meinte sie, sei es nicht so ordinair, wie sie es sich vorgestellt hatte, da sie hörte, dass es nur eine Deutsche wäre. (Das sprach der Geist der Gnädigen im dorf aus ihr.) Denn wahr und gewiss, liebes Männchen, sagte sie lobpreisend, es sind fräulein, ja sogar eine Comtesse dort in der Pension, die sich gegen unser Julchen gar nicht hochmütig betrugen. – Desto schlimmer, desto schlimmer, sagte ich den Kopf schüttelnd. – Du glaubst mir nur nicht, lieber Mann, weil du dagegen eingenommen bist, fuhr meine Frau sehr freundlich fort; da lies Julchens Brief, den sie mir an dich mitgegeben hat. – Rasch erbrach ich ihn; er entielt Zusicherungen der heiligsten Kindesliebe. Zu der Madame aber, hiess es darin, könne sie freilich noch kein Herz fassen, das werde sich aber wohl geben.
Mir schien das alles nun freilich nicht so lieb und gut, wie meinem armen weib, dem nur die sauber lakirte und polirte Aussenseite ins Auge stach. Zu allem Unglück hatte Mad Brennfeld es höflich gefunden, sich dem Vater, ihrer neuen Zöglingin schriftlich zu empfehlen, und zwar in einem Briefe, den meine Frau gradezu für entsetzlich schön und gelehrt erklärte, weil sie ihn durchaus nicht verstand. Das lag aber nicht an dem recht guten schlichten verstand meiner Frau, sondern an dem ungereimtesten Galimatias, der nur je aus der Feder einer Pretiösen geflossen war. Sie wollte sich einst – so hiess es unter andern darin, – noch mündlich mit mir über d i e Grundsätze besprechen, nach welchen Mamsell Grüntal erzogen werden sollte. Rousseaus Metode habe zwar einiges Gute; dann aber müssten freilich die Kinder noch nicht v e r b i l d e t sein. Mein Julchen, das ganz schlichte Kind, verbildet! Allein es sei wohl besser, wir gingen das ganze Revisionswerk durch, das sei wie eine Musterkarte zu betrachten, wo man für alle Naturen das Aussuchen habe u.s.w.
Nun flog mir so eine Ahnung von einer femme savante durch die Seele, dass mir ordentlich die Haut griselte. Gott im Himmel, wenn die grade Seele meiner Tochter so verschroben werden sollte! Wenn sie gegen die Früchte meiner sorgsamen Aufsicht, kauderwelsches Geschwätz eintauschte, sinnleere Phrasen auskramen, und mit hoch tönendem Schall um sich werfen lernte Wenn sie mir dort ihren gesunden Verstand und guten Urteilsvermögen verkrüppeln! Nein! nein! kein Jahr soll Julchen dort zubringen; vielleicht rette ich sie dann noch. Weil sie nun doch einmal da ist, soll sie von einem anerkannt würdigen Geistlichen, der das glaubt und tut, was er lehrt, Religionsunterricht bekommen, obschon ich dazu keinen würdigern, als unsern Eiche, wüsste; und darnach soll mich auf Erden nichts abhalten, sie mir wieder zu holen. Meine Frau liess mich reden, wie das so eine Kriegslist der Weiber ist, wenn sie i h r e Zeit abzusehen im Schilde führen. O die Weiber! die Weiber! – Sie hat mich gegen meine bessre Überzeugung von meinem Vorhaben abzulenken gewusst.
Nach acht Tagen kamen Briefe von meinen Kindern. Mein Sohn war, das sah ich, zweckmässig in einer respektablen öffentlichen Lehranstalt untergebracht, und wohnte bei einem seiner sehr vernünftigen Lehrer. Sein Brief gereichte zu meiner grossen Beruhigung; denn das ich die Söhne nicht bis ins reife Alter unter meinem schützenden Fittig haben würde, hatte ich mir längst gesagt. Aber Julchens Brief – hier ist er, ich habe ihn zu mir gesteckt. – Der Amtmann faltete einen Brief auseinander, worauf noch Spuren von Tränen sichtbar waren. Er las: "Ach meine geliebten Eltern! Ich werde die Trennung von Ihnen wohl nie ertragen lernen, denn noch sind meine Augen immer nass. Es wird mir, denke' ich, gar nicht möglich sein, ohne Sie zu leben. So lange die liebe Mutter noch hier war, ging alles gut, nun sie aber fort ist, weiss ich gar nicht an wen ich mich halten soll. – Die Leute sind hier gar nicht so treuherzig wie bei uns. – Als ich den ersten Morgen hier erwachte, war mir, als hätte mir das alles nur geträumt, und ich wusste nicht gleich wo ich war. Es war erst vier Uhr als ich erwachte, ganz so wie ich in Lindenau gewohnt war; hier im haus war aber noch alles wie im ersten Schlafe, und ich hatte nicht das Herz, mich zu bewegen. Ganz leise schlich ich ans Fenster; das geht aber auf ein schmutziges Dach, und ich konnte nur die Sonne sehen, wie sie oben die Schornsteine auf dem engen Hofraume beschien; mehr konnte ich von dem schönen Morgen nicht geniessen. Lieber Gott! wie werde ich mich je an diese traurige Einschränkung gewöhnen können! Alle meine Stubengefährtinnen schliefen noch sehr fest. Ich kniete hin und wollte beten; aber, mein