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den sie im eigentlichen verstand bearbeiten müssten; ich würde sie durch kleine Tändeleien, die das Herz beschäftigen, hinzuhalten suchen, um dem Drange, zu lieben, den Rang abzulaufen. Denn, wenn dieser hervortritt, liegt gewiss die Sinnlichkeit im Hinterhalte, und springt, gleich einer gereizten Schlange, in dem ersten unverhoften Augenblicke hervor, den bei rascher Jugend ein Tanz, ein Glas Wein, ein von ungefähr ins Ohr gefallenes schlüpfriges Wort herbeiführen kann. Ida, ich überhebe mich nicht, weil ich in dem ersten Versuche nicht fiel; e i n e Zusammenkunft unter Gottes freiem Himmel, – ein Liebhaber, dessen Plumpheit meinem Gefühle widerstand! – wer weiss, was schon damals aus dem unbesonnenen Mädchen geworden wäre, wenn die Missverhältnisse nicht so gar grell ins Auge gefallen wären. – Ich war überdem zur Schamhaftigkeit erzogen, und hatte aus Gessners Idyllen mein erstes Ideal von Liebe geschöpft.

Ich kehre zu meinen Bekenntnissen zurück. Das Schauspiel fesselte mich so, dass ich gleichsam in eine idealische Welt versetzt war. Meine Phantasie hatte einen so lebhaften Schwung bekommen, dass mir die kältern Verhältnisse meines Hausstandes zum Ekel wurden. Der ruhige, bloss freundschaftliche Umgang mit meinem mann schien mir träge Abspannung zu sein; mich grauete vor aller häuslichen Beschäftigung; ich verrichtete sie obenhin und mit Widerwillen. Das Leben im haus war mir ein blosser Mittelstand, welchen ich ertrug, in so fern et Zubereitung zu der bessern Existenz im Schauspielhause war.

Anfänglich lächelte mein Mann, wenn er meine Extase über alles, was auf Schauspiel Bezug hatte, bemerkte. Ach, möchten ihm doch diese Anzeigen, wie leidenschaftlich ich jede Zerstreuung ergriff, für die mein lebhafter Sinn so empfänglich war, nicht entgangen sein! Und dennoch drängten sich mir mitten im Rausch der Freude an meinen Lieblingszeitvertreib unwillkührliche Erinnerungen an solche Abende stillen häuslichen Glückes auf, wo, wenn ich fleissig und flink gearbeitet hatte, die Mutter zum Vater sprach: "Sieh', Väterchen, wie unsere Minna wacker und schmuck ist! Sie wird einst eine brave Hausfrau sein. Sie macht uns Freude, und soll auch Freude durch uns haben." Diese Erinnerungen peinigten mich, besserten aber nichts. Zerstreuung und Zeitvertreib gehörten nun schon zu meinen Dasein; ich wollte nur amüsirt sein. Dies war die Losung aller Weiber meiner Bekanntschaft! Ich liess nicht ab, bis die Geburt meines Sohnes mich zwang, meine Residenz im haus zu nehmen, wobei ich zugleich zu einer Tätigkeit gezwungen war, die Bezug auf meinen Zustand hatte.

Ein Gewitter, das sich durch schreckliche Blitze verkündigte, unterbrach die Freundinnen; sie kamen erst nach vielen Abenden wieder auf ihrem schönen heimlichen Plätzchen zusammen. "Wir verliessen Sie neulich im Kindbett. – Wie vermochten Sie damals diese Einsamkeit zu ertragen?" – fragte Ida.

Die Leiden meines neuen Standesfuhr Minna fort, – wirkten allerdings einige Rückkehr zu mir selbst. Nach meinen, in dem Städtchen, oder vielmehr vom Stiefvater mir eingebläueten, Begriffen nahm ich mir vor: den s t r e n g e n H e r r n wieder gut zu machen, und geistliche Bücher zu lesen. Deshalb nahm ich meine Zuflucht zu meines Mannes Bibliotek. Was mir geistliche Bücher zu sein schienen, waren grade solche, worin eben alles, was ich glaubte, bestritten wurde. Nie hatte ich auch nur die Möglichkeit geahnet, dass gewisse Sätze, und was mir Wahrheit war, einigem Zweifel unterworfen sei. Und hier waren es nicht bescheidene Zweifel, die der wahrheitsuchende Forscher aufwarf, sondern frecher Spott und beissender Witz. Bei dem ersten blick darauf dachte ich, die Erde müsse mich verschlingen, oder Feuerregen auf mich fallen; aber die Neugier brannte lichterloh, ich las, und nährte mich unglücklicher Weise mit einem Gifte, das nachher meine besten Lebenssäfte aufzehrte. Dann bemächtigte ich mich des Systeme de la nature; mein armer, schwacher Kopf hatte keine Widerlegung zur Hand, ich nahm blindlings an, was ich mit so wahrscheinlichen Gründen behauptet fand, und was man mir als Religion mitgegeben hatte, hielt auch nicht einen Augenblick dagegen Stand. Mein Mann schalt, als er meine Lesereien untersuchte; aber er tat nichts, dem Gifte entgegenzuwirken. Und hiermit war's denn ausgemacht, was künftig aus mir werden konnte, wie ich immer tiefer sinken sollte, da der Grund untergraben war. Zum Unglück war der Arzt, der mich besuchte, ein äusserst freidenkender Mann; er sah was ich las, widerlegte zwar in einzelnen Stellen das verruchte Natursystem: was er aber billigte und noch hinzusetzte, wirkte stärker auf mich, als was ich gelesen hatte. Den Arzt verehrte ich gränzenlos; seine Äusserungen wurden mir gefährlich. – Er, der mir nachher wohl tat, ahnete nicht, wie viel seine freigeisterischen Meinungen zu meinem Falle beigetragen hatten.

Als die Wochenstube von überflüssigen Wärterinnen und Besuchen gereiniget war, und ich dem ruhigern Nachdenken überlassen blieb, dachte ich ernstlich über den Beruf nach, den mir jetzt die natur angewiesen hatte. Ich sollte ein Wesen zum Menschen, zum nützlichen Mitgliede der Gesellschaft bilden! Wie sollt' ich das anfangen? – den Weg einschlagen, den meine braven Eltern gegangen waren? Ganz gut: meine Brüder waren liebe, gute und viel versprechende Knaben; aber diese Erziehungsmetode war zu altmodisch, ich setzte mich dadurch der Nachrede und dem Verdachte der Unwissenheit aus: also etwas Neues und Auffallendes. Ich durchblätterte alles, was ich von pädagogischen Schriften auftreiben konnte