und nun mit wahres Gier über die Karten herfielen.
Die ältliche Frau, welche den Fragern die Bahn gebrochen hatte, blieb zu meiner Gesellschaft allein übrig. Sie war noch immer unersättlich in ihrer Wissbegierde, aber leider! war jetzt mein Mund wie versiegelt. Als dieser Abend nun auch überstanden war, bat ich meinen Mann, mich fernerhin nicht mehr so traurigem Vergnügen auszusetzen. Er fragte mich lachend: ob mir in meinem Städtchen Gänsespiel, Tipp- und Sandhäufchenspiel besser gefallen habe? – Wir lachten wenigstens dabei aus frohem Herzen, niemand fühlte sich zurückgesetzt, und Jung und Alt waren froh ohne grossen Aufwand, antwortete ich. – "Wenn Du nur erst den Ton gefasst haben wirst, wird es schon besser gehen," – meinte mein Mann.
Von dieser Zeit fing ich an auf den Ton auszugehn, und alles dafür zu halten, was von dem Gewohnten abstach. Das Geräusch der Kokette, womit sie Aller Augen auf sich zu ziehen suchte, die Pedanterie der Anspruchvollen, die mit studiertem Ausdruck ihre Belesenheit auskramte, jede Besonderheit hielt ich für das rechte. So wurde ich immer ungewisser in dem, was ich eigentlich sein müsste; und erst lange nachher, als ich zu vergleichen gelegenheit und Reife genug hatte, fand ich, dass ich einem Phantom nachgejagt war; dass es in der karakterlosen Menge keinen bestimmten Ton gibt noch geben kann; das alles Beginnen und Treiben nur Konvenienz und Laune des Augenblicks ist, und dass auf schwankendem grund nie etwas Festes und Dauerndes aufgeführt werden kann.
Nach langem Umherschwirren und lästigem Selbstbewirten wurden wir endlich zu einer Gesellschaft solcher Männer eingeladen, die ich aus ihren Schriften, gleich unsichtbaren wohltätigen Gotteiten, verehrt hatte. Bei der Vorstellung, dass ich diese erhabnen Wesen jetzt in der Nähe von Angesicht zu Angesicht sehen würde, ergriff mich ein heiliger Schauer, mein Geist neigte sich ehrfurchtsvoll, und ich besorgte, mit meinen fünf Sinnen die Weisheit nicht auffassen zu können, die mir zu hören bevorstand. Ich ging, und hörte an dem Ausdruck: "w i r R e z e n s e n t e n " – – sehr bald, wer die meisten dieser Herren waren. Da gedachte ich eines französischen Reimleins, was mein Vater einst bei einer sehr hämischen Rezension sagte:
"Haine de philosophe est un feu qui devore,
Haine de gazettier est mille fois pis encore."
"Ich habe die Vorrede gelesen," sagte einer, "das Buch soll nicht sonderlich sein; ich werde es schön kappen!" – Dann ein anderer: "Haben Sie meine Rezension von dem – – in dem – – gelesen? Ich habe mir einen Spass mit dem Verfasser gemacht. Das Ding ist eigentlich ganz gut; aber so einer – – muss nicht aufkommen. Hat der Mensch sich's nicht beikommen lassen, unser Journal zu bekritteln?" – Von einem liebenswürdigen Dichter hiess es: "Er hat Verdienste, der Mensch; aber wer kennt ihn? Er ist ja zu keiner Seele gekommen, als er hier war."
Die Frauen nahmen auch hier, so wie in den andern Gesellschaften, keine Kunde von der Unterhaltung der Männer, und flüsterten einander ihre kleinen Unbedeutsamkeiten zu. Ich verliess auch diesen Zirkel unbefriedigt, weil ich zu hohe Anforderungen gemacht hatte; aber diese Namen, dieser Ruf, berechtigten doch zu etwas mehr als dem Gewöhnlichem! Mein Mann nahm mir's übel, als ich meinen Widerwillen gegen den Rezensentenklub zu erkennen gab. "Sollte sich denn nirgends Genuss für meine achtzehnjährige Philosophin finden?" sagt' er verdriesslich. "heute' führ' ich Dich in's Schauspiel; und gewährt Dir dieses nichts, so muss ich's wohl aufgeben, Dir Freuden ausser Deinem haus zu verschaffen." Der liebe Mann! Er fühlte nicht, dass eben darin der Missgriff geschehen war. Wer Glück und Freuden ausser seinem haus zu suchen sich aufmacht, der umreise wie Anson und Cooke die Welt, er durchschaue Höfe und Palläste: er findet es nicht; denn er liess es oft in seinen vier Wänden, auf einem armen Plätzchen am Kamin, in seinem schlechten Lehnstuhle zurück. Sie kennen gewiss die über alles liebenswürdige Allegorie: Batmendi von Florian; sie ist ein schöner Kommentar über das, was ich jetzt sagte.
Ich rechne mir es nicht zum Verdienst an, dass ich im Schauspiele ein Vergnügen fand, das mich ganz an sich zog. Ifflands Jäger fesselten mich durch ihre Wahrheit und reine natur, die ich kannte. Iffland ist der Stolz und die Ehre der Nation; seinen vielfachen Wert nicht fühlen wollen, hiesse sich selbst herabsetzen. Ich sah alles, was von ihm war, und von der Zeit an überliess ich mich diesem Vergnügen mit leidenschaft. Mein Herz öffnete sich wieder sanfteren Eindrücken; die gesellschaftlichen Zerstreuungen, die nichtssagenden Unterhaltungen hatten es, wie mit einer Kruste von Eis, umgeben. Bei manchen Vorstellungen wurde ich weich; ich gedachte des Morgenrots der Liebe, die einst einem so unwürdigen gegenstand in meinem Herzen aufging. Ach, mein Herz bedurfte der Liebe, wie die Blume des Taues! Wenn mir der Himmel, so wie ich es gegenwärtig einsehe, Töchter zu erziehen gegeben hätte, ich würde dafür sorgen, sie mit hunderterlei kleinen Spielereien, zu der Zeit, wenn ihr Herz zu erwachen anfängt, zu umgeben; mit Hündchen, Hühnerchen, Täubchen, Blümchen, etc. Ich würde ihnen einen Garten einräumen,