Lebens! – ach, Ida, was für eine Erzählung steht Ihnen bevor! – – Die jugendliche Liebelei abgerechnet, die mir nicht ins Herz drang, war ich wohl ein gutes Mädchen: denn mir gefiel zwar die Liebe, die meinem Wesen Bedürfniss des Herzens schien; d e r Geliebte war es jedoch nicht, den ich eigentlich meinte. Ein Besserer würde mir besser gefallen haben; aber der, an dem ich meine Schwungkraft übte, war mir der Nächste, und lief mir in den Weg. Ach, ich fühlte mich so ganz geschaffen, durch Liebe zu beglücken, und beglückt zu sein; aber ich sollte auf anderem Wege die Glückssonne finden, welche die zweite Hälfte meines Sommers erwärmt!
"Der zweite Akt, liebe Minna, der zweite Akt! Ich bin begierig, die Rätin Talheim kennen zu lernen!" – rief Ida.
Ich zog triumphirend in meines Gatten wohleingerichtetes Haus ein, und brüstete mich ein wenig, da verschiedene Domestiken mir als Frau Rätin huldigten. – In meiner bisherigen Unterdrückung war ich, ausser dem gelehrten Häuflein bei Madame Brennfeld, wenig in fremde Familienzirkel gekommen; die Welt, in die mein Mann mich einführte, war mir also eine neue Erscheinung, so wie ich es ihr war. Ich meinerseits betrat sie mit grossen Erwartungen; ob sie sich die Mühe gegeben, etwas von mir zu erwarten, – das weiss ich nicht.
Ich hatte meine neue Haushaltung mit dem festen Vorsatze betreten: im ganzen Umfange des Worts Hausfrau zu sein. Diese Pflicht, dachte' ich, wird ja wohl mit Weltgenuss nicht unvereinbar sein? – Ich will haushälterisch mit meiner Zeit umgehn, und mir nur dann erst Erholung verstatten, wenn ich sie mir durch Fleiss und Häuslichkeit verdient habe. Ich ging alles Ernstes daran, jedes Fach des Hauswesens zu ordnen, jedem Dienstboten seine Bestimmung und Arbeit anzuweisen; aber ach! ich war bei weitem noch nicht mit meinen häuslichen Einrichtungen zu stand gekommen, als ich dem Gebrauche fröhnen, und mich den Forderungen der Konvenienz hingeben musste. Da rollte ich nun Tage lang durch die Strassen, und schickte an Familien, die mir sogar dem Namen nach fremd waren, Katten, mit meinem, ihnen wahrscheinlich sehr gleichgültigen, Namen. In meinem Zimmer fand ich ebenfalls den Spiegel mit mehr als hundert unbekannten Namen verbrämt. Ich hatte niemand kennen gelernt, und doch hiess das B e k a n n t s c h a f t m a c h e n . Dies fand ich sehr langweilig. Durch die Gastgebote, die dem jungen Paare zu Ehren veranstaltet wurden, hoffte ich nun meine Erwartungen von den Freuden des geselligen Lebens erfüllt zu sehen. In dieser Hinsicht unterwarf ich mich geduldig dem entsetzlichen Zwange einer dreistündigen Toilette, bei welcher ich nicht ohne Rührung an die Simplizität meiner Vaterstadt dachte. Mein schön gewählter Putz und mein ins Gehör fallender Titel schienen mich zu einigem Selbstvertrauen aufzumuntern, und ich trat mit einer Zuversicht, die mir sonst gefehlt haben würde, in den grossen Zirkel ein. Allein du stolzer Mut, wie tief sankest Du in Dich selbst zurück! Ich fühlte mich in jeder Rücksicht verdunkelt; hier war mehr Eleganz in Kleidern und Putz, dort mehr Anstand und Grazie. Mehr als alles aber waren mir die, sich so zu sagen überbietenden, Titel verdriesslich. Ich fühlte, dass man, um wirklich etwas zu sein, nichts sein müsse. In diesem Augenblicke hätte ich den Titel, auf den ich noch eine Stunde vorher so geprunkt hatte, der sich nun unter höherstrotzenden demütig hinwegschlich, um eine Stecknadel hingegeben. Doch der längre Weltgebrauch hat mich nachher gegen diese Torheit, durch leeren Schall schimmern zu wollen, so abgestumpft, dass ich mich hätte Excellenz betiteln hören können, ohne mir etwas dabei zu denken.
Die ganze Unterhaltung bei Tische lief auf Gemeinplätze hinaus; aber der artige Styl des Vortrags bestach mein Urteil, und ich hielt es für ganz hübsch. Indess fühlte ich recht gut, dass ich hätte mitsprechen können, aber ich wagte mich nicht hervor. Meiner Sprache fehlte die Geläufigkeit des Ausdrucks und der Wendungen; auch entging ihr das Gepränge gewisser Modewörter, ohne welche sie nur falsche oder abgesetzte Münze ist. – Nach Tische, dachte' ich, wird's besser gehen; ich werde mich an ein weibliches Wesen anschliessen, und vielleicht, vielleicht fügt's das gütige Verhängniss, dass ich eine Freundin finde, nach deren Genuss mein entgegenstrebendes Herz sich längst sehnt; denn immer war Freundschaft der goldene Traum meiner Jugend gewesen. Aber im Kaffeezimmer war ich um nichts gebessert; und wäre ich aus Indien gekommen, ich hätte ihnen nicht fremder sein können. Sie sammelten sich in Gruppen, unterredeten sich von Lottchen und Kätchen, und hatten ihre Lokalspässe, ihre Lokalerinnerungen, als wär' ich gar nicht da gewesen. – Dies Gespräch war mir wie eine Vorlesung aus der chaldäischen Bibel. – Keine nahm Notiz von der Fremden; ich strickte dass mir der Schweiss von der Stirn rann. – Eine ältliche Frau schien meine unbehagliche Lage zu bemerken; sie näherte sich mir, und tat eine Frage nach meinem Geburtsort und Eltern, wie man sie einem kind tut. Plötzlich schoss nun das ganze Geschwader mit fragen über mich her, deren Beantwortung gar kein Interesse für sie haben konnte; und dies dauerte ununterbrochen fort, bis die Damen ihre Partieen machen sahen, mich plötzlich plantirten, – wie der Franzos es sehr ausdruckvoll nennt, –