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, als sie um zehn Uhr aufgestanden war, schien mir eine ganz andre zu sein, als die, der ich Abends zuvor eine gute Nacht gewünscht hätte. Sie zankte mit ihren Mägden; und als eine arme Frau ihr Handbesen verkaufte, drückte diese elegante Dame das arme Weib, um zwei Pfennige weniger zu geben, bis aufs Mark. In Putz und Spiel schien sie nicht so karg zu sein, wie ich häufig genug bemerkt habe.

Ich übergehe die unlustigen andertalb Jahre, die ich in diesem haus der Zwietracht und der Widerwärtigkeit verlebt habe, und erwähne nur noch einer Szene, wodurch Madame bis zu Tränen gedemütigt wurde, und die mir unvergesslich geblieben ist. Zu den Abendessen, welche sie ihre gelehrten Donnerstage hiess, fanden sich immer viele junge Herren, die Schöngeisterei trieben, ein. Ihr Liebling und erklärter Verehrer war ein junger Edelmann aus der Provinz, den sie so verstrickt hatte, dass er seinem Berufe nicht mehr oblag, und seine mehrste Zeit in behaglichem Müssiggange zubrachte. An einem schönen DonnerstageMadame war so besonders guter Laune, dass sie sogar mich, der armen Lastträgerin, eine Stelle in der gelehrten Zusammenkunft anwies, und mich das Fortepiano spielen liess, – blieb der erwähnte junge Herr aus; schickte aber an Madame einen Brief von seiner Mutter an sie, der ihm als Einlage zugeschickt war. Das war ein Fund für die Übermütige! – "Ha!" rief sie, "ein Brief von einer Landedelfrau! Das wird sehr amüsant sein, ich versichere Sie! Lesen Sie, Baron, meine Augen sind mir zu lieb;" (indem sie einem jungen Herrn den Brief zureichte). Der Baron erbrach und las:

"Wohlgebohrne Frau! (wahrhaftig, eine vielversprechende Überschrift!) Meine Verwandte, die mit Ihnen an einem Orte sich befinden, haben mir einen hohen Begriff von Ihrem verstand, (o! sehr gütig!) aber zugleich auch von Ihrem Talente, junge Männer – – (des baron stimme stockte; die Rätin rief: so lesen Sie doch!) junge Männer von ihrer eigentlichen Bestimmung abzuziehen, beigebracht." (Was will die Frau damit sagen?) "Sie haben meinem Sohne einen Ekel vor jeder ernstaften Amtsbeschäftigung durch Tändelei und jede Modelektüre eingeflösst." (Wie? ist sie toll? ist sie toll? Der Baron las unbarmherzig mit schallender stimme weiter; denn er beeifersüchtelte den Abwesenden um ihre Gunst.) "Bedienen Sie sich doch der Gewalt, die Ihnen seine Weichlichkeit über ihn eingeräumt hat, und geben Sie ihn mir, geben Sie ihn seinen Pflichten zurück, dann können Sie auf den Dank einer Mutter rechnen, der es nichts gilt, dass ihr Sohn ein alter Edelmann ist; die aber untröstlich sein würde, wenn er, uneingedenk seiner Bestimmung als nützlicher Staatsbürger, seine kostbare Zeit vertändelte. – Fährt er fort Ihre Ketten zu schleppen, so werden seine Vormünder dafür sorgen, dass er, weit von Ihnen entfernt, in eine andre Laufbahn versetzt werde. Ich bitte dies zu beherzigen, und habe die Ehre etc."

Das ging der Dame bitter ein; sie war einer Ohnmacht nahe, und hätte besonders mich gern mit den Augen getödtet, weil ich mich unterstand zugegen zu sein. Ich sass da wie auf Kohlen, und wünschte mich weit weg. Mir traten Tränen in die Augen; denn es war wirklich schrecklich, diese stolze Frau so aufs Blut gedemütigt zu sehen. Dieser Vorfall, – sollten Sie's glauben? Ida! – verschaffte mir die Verehrung eines Mannes, der nachher mein Gatte wurde. Er, dem es bekannt war, wie die Rätin mich zu misshandeln pflegte, hatte mich beobachtet, ob ich triumphirend auf sie hinblicken würde; als er aber das Gegenteil sah, dachte er gut genug von meinem Herzen, um mir das seinige nebst seiner Hand anzubieten.

Seit diesem unseligen Auftritte liess es sich die Rätin immer deutlicher merken, wie sehr ich ihr zuwider sei, und wie gern sie mich los zu sein wünsche. In dieser Rücksicht beförderte sie die Bewerbung des Rat Talheim aufs eifrigste. Ich hatte nichts entgegenzusetzen, als dass mein Herz ihn gar nicht auszeichnete; er war mir, wie alle übrigen Männer in der Welt, gleichgültig. Von dieser Seite war ich völlig frei und unbefangen. Der Wunsch meiner redlichen Mutter, mich versorgt zu sehen, wurde durch meine Zustimmung aufs vollständigste erfüllt; denn Herr Talheim hatte nicht nur ein einträgliches Amt, sondern auch eigenes Vermögen, und machte einen anständigen Aufwand. Seine person war nicht übel; sie streifte an die damalige Art von Eleganz, für die ich einen ungemeinen Respekt hegte. Sein Verstand gefiel mir. Er war von der heitern Art, liebte Scherze und witzige Einfälle, brachte selbst welche vor, die immer zu gefallen pflegten, und, was das Beste und Liebste war, er hatte Geschmack genug gehabt, mich zu bemerken, und mich aus dem Druck' und Hungerelende meiner höchst untergeordneten Lage im haus der Madame Brennfeld hervorzuziehen.

Sobald ich die Einwilligung meiner Mutter wusste, zögerte ich nicht mein Jawort zu geben; die Anstalten wurden eifrig betrieben, und meine gütige Mutter kam bald mit der schon fertigliegenden Ausstattung an. Sie war sehr zufrieden mit ihrem zukünftigen Schwiegersohne, und gab uns ihren Segen, als die priesterliche Hand uns zusammengefügt hatte.

Bis jetzt, meine Ida, haben Sie mich als ein leidlich gutes Mädchen kennen gelernt; aber der zweite Akt meines