1784_Unger_099_75.txt

durch hochtönende Worte sowohl, als durch Citate von Autoren aus allen ihr bekannten Sprachen, der französischen, englischen und italienischen. Bei dem allen machte sie ihrem Bruder doch viel Herzleid, der gegen grammatikalische Unrichtigkeiten ein so empfindliches Ohr hatte, wie der Tonkünstler gegen falsche Töne. Er unterbrach sie bei jeder Phrase mit Bemerkungen, dass hier der Dativ und dort der Genitiv stehen müsse. So pries er auch ein Frauenzimmer als ganz trefflich, weil er sie noch nie auf einem Sprachfehler ertappt hatte.

Die Frau Rätin hätte sich gewiss weder ihres Bruders, noch viel weniger meinetwegen in Kosten der Unterhaltung gesetzt; denn ihr Bruder schien ihr in der kleinen Stadt verspiessbürgert, und mir traute sie nicht einmal zu, dass ich Notiz von mehr als meiner Muttersprache haben könne. – Ihr Aufwand von Redekunst und gelehrtem Prunk wurde eines jungen Herrn wegen gemacht, den sie aus der Teegesellschaft mitgebracht hatte. Sie stellte ihn ihrem Mann als den Baron von Löwenberg, den Neffen der Frau Ministerin, vor. Der Rat schien an dergleichen Vorstellungen gewöhnt zu sein, und fand es nicht unbequem, wenn seine wortreiche Gattin die ganze Unterhaltung allein bestritt.

Der junge Mann war nicht uneben, jagte nach Witz, den er oft glücklich genug erhaschte, und da die Frau Rätin sich trefflich auf Eitelkeit verstand, so schmeichelte sie der seinigen sehr angenehm damit, dass sie ihn bat, von seinen Gedichten vorzulesen. Er hatte ein ganzes Volumen davon bei sich, und deklamirte sehr niedliche Sächelchen, die selbst mein Stiefvater, kein übler Kenner, bis auf grammatikalische Richtigkeit recht hübsch fand; Madame aber rief einmal über das andere: "Gott, Gott, wie schön! o, excellent, exrellent! o, das müssen Sie mir geben, Baron; ich will es an J.. für sein Journal schicken." Oder sind Sie Mitarbeiter einer Zeitschrift? – "Nein," sagte der ganz Bescheidene, "mein Talent ist noch zu roh; und ich kann nicht leugnen, dass eine Rezension in dem jetzt üblichen Tone mir weher tun würde, als der Beifall mir wohl tun könnte." – "O nicht doch, Baron," fuhr die Rätin fort; "Ihre Bescheidenheit geht zu weit! geben Sie mir's, geben Sie mir's! Morgen schreibe' ich an J..; kein Rezensent soll Sie pakken, ich steh' Ihnen dafür! Es kommt ja alles auf Konnexion und Anhang an, und diese kann ich Ihnen verschaffen." – Sie bemächtigte sich seiner Papiere, und legte sie in die Rücklehne ihres Sophas.

Bald trat noch ein junger Geistlicher ein, der sich ebenfalls als ein demütiger Verehrer der Dame zeigte. Seine überschwengliche Redseligkeit schien ihr indess wenig zu gefallen. Er sprach in zehn Minuten gewiss über dreissig verschiedene Materien; knisterte auch mit einem Manuscript, welches aber nicht Eingang fand, sondern auf die nächste gelehrte Zusammenkunft ausgesetzt wurde. Der junge Geistliche war auch ein Dichter; da ihn jedoch die Rezensenten erst kürzlich jämmerlich zerfleischt hatten, so mochte er vielleicht die wunden Stellen neuer Berührung nicht blossstellen wollen. In diesem Fache überliess er dem Baron das Feld.

Zu meinem Troste erschien der Bediente, der uns zu Tische rief. Noch gedenke ich mit Widerwillen jener Abendmahlzeit, als der drückendsten, der ich je beiwohnte. Ich fühlte, dass ich in dieser Familie nie einheimisch werden könne; der Ton derselben war mir durchaus fremd und missfällig. An altdeutsche Fülle und Überfluss gewöhnt, bemerkt' ich allentalben den kargen Zuschnitt, nebst dem lächerlichen Bestreben, es grösseren Häusern gleich zu tun. Der, immer auf meine Bedürfnisse aufmerksame, Rat Brennfeld bemerkte, dass ich meinem armen kleinen Tiere ein wenig Brod hinreichte; er schnitt sogleich Braten für dasselbe ab, welches aber Madame mit einem "Fi donc, mon cher, Sie werden doch nicht" – – missfällig bemerkte.

Gegen Mitternacht hatte ein jeder die Freiheit, sich in sein Zimmer zu begeben. Auch der Raum, wohin man mich wies, hiess hier ein Zimmer. Wie ich überhaupt schon bemerkt hatte, dass es hier zum Tone gehörte, die gemeinsten Dinge mit schönen Namen zu putzen, so nannte man bei Tische zähes Schmoorfleischla daube," gemein gekochte Krebsela dauphine," einen, an der Treppe stehenden, baufälligen Kleiderschrank "eine Garderobe," u.s.w. Dieses Zimmer denn also, welches mir zur wohnung angewiesen wurde, war ein Gegenstück zu den Zimmern in der Bastille, und an der Beschaffenheit des darin befindlichen Mobiliars merkte ich bald, was ich in dieser Familie sein würde.

Statt mich niederzulegen, setzte ich mich auf den einzigen alten Stuhl, der vorhanden war, und weinte bitterlich. In einem Nebenzimmer hörte ich meinen Stiefvater, auf und abgehend, mit lauter stimme ein Abendlied singen. Diese bekannten Töne, die ich so oft, in Gegenwart meiner guten Mutter, gehört hatte, durchdrangen mein Innerstes aufs schärfste. So sass ich traurend, bald mich selbst, bald mein Hündchen beklagend, bis das kurze Stümpfchen Licht, welches mir gegeben ward, ausgebrannt war, und ich im Finstern nach dem Bette tappte.

Und das wollen wir jetzt auch tun. Sie husten, meine Ida. Die Nacht ist kalt. Bis auf frohes Wiedersehn! Der folgende Abend brachte die Freundinnen wieder zusammen, und Minna setzte ihre Erzählung also fort:

Die Frau Rätin, die ich am folgenden Tage sah