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Mit lautem Herzklopfen betrat ich dieses Haus, im bangen Vorgefühl alles Ungemachs, das mich hier erwartete. Ein junges geschniegeltes Hausmädchen empfing uns, und berichtete mit affektirtem Schnarren: die Frau Rätin seien nicht zu haus, würden aber unfehlbar zum Abendessen erwartet. "Meine Schwester vermutete unsere Ankunft doch?" – fragte mein Stiefvater. "Ja; aber die Frau Rätin sind schon seit vierzehn Tagen beständig engagirt gewesen. Heute ist Tee dansant bei – – ich weiss nicht mehr wem? Sie konnten es nicht abschlagen."

Das schnippische Mädchen musterte mich von oben bis unten indem sie sprach, und als wir die Treppe hinaufgingen, hört' ich sie laut lachen, und der Köchin zurufen: "Die sieht verzweifelt kleinstädtisch aus!" – Dieser Pöbelwitz, den ich zu jeder andern Zeit nicht bemerkt haben würde, schlug mein gepresstes Herz vollends nieder, und, kindisch genug, drückte ich mein kleines Hündchen an mich, indem ich ausrief: "Ach, arme Kolombine, wie wird's uns hier gehen!"

Das Wohnzimmer der Dame, in welches man uns eintreten liess, war kalt und unfreundlich, und noch nass vom Scheuern, weshalb uns auch das Mädchen die Weisung gab, uns ja auf den von Leinwand gelegten Fusssteigen zu halten. In diesem unwirtbaren Zimmer sah man keine Spur einer weiblichen Niederlassung, ausser einem mit Büchern bepackten Sopha, und einem mit Visitenkarten eingefassten Spiegel.

Mein Stiefvater schien über den seltsamen Empfang betroffen zu sein. In der Tat machten wir, jeder auf seinem Leinwandstreifen dem andern gegenüberstehend, eine possierliche Gruppe; er, auf den Fusstritt seiner Schwester lauschend, ich, in mich gekehrt, meine Kolombine im Arm, den blick vom gegenüberhängenden Spiegel abwendend, aus Furcht, die Figur zu erblicken, die im haus schon lachen erregt hatte.

Nach einer halben Stunde erschien zuerst Herr Brennfeld, ein Mann von mittlern Alter, dem Frieden und Vollgenuss im angenehmen Gesicht sass. Er hiess uns liebreich willkommen, und entschuldigte die Abwesenheit seiner Frau, so gut es anging. Der Ton seiner Unterhaltung war ungekünstelt, treuherzig und Zutrauen einflössend; ich glaubte meinen seligen Vater zu hören. Der gütige Mann gab mir gelegenheit zu sprechen, und hob dadurch ein Gewicht von meinem Herzen, welches in seiner stummen Verschlossenheit zum Zersprengen voll war.

Um Sie durch Weitläuftigkeiten nicht zu ermüden, eile ich zur Zuhausekunft der Frau Nätin, die erst nach einer guten Stunde erfolgte. Mir schlug das Herz, als ich auf der Treppe eine hohltönende weibliche stimme fragen, oder vielmehr schreien hörte: "Wo ist mein Bruder? wo ist er?" Die Tür flog auf, und eine hagre Gestalt stürzte mit teatralischem Anstande dem Bruder in die arme. Statt der Rührung empfand ich Widerwillen gegen diese Art, Freude auszudrücken; denn der Ton ihrer stimme war nicht der Ton der Freude und schwesterlichen Liebe, er war rauh und unbiegsam, und es schien mir eine Lieblingsmelodie, der ein fremdartiger (h e t e r o g e n e r , würde Madame Brennfeld sagen) Text untergelegt wird. Nach dieser geräuschvollen Bewillkommung eilte sie mit offnen Armen auf mich zu: "Tochter meines Bruders, – schrie sie, – mein Herz heisst Dich willkommen!" Sie sagte noch mehr, was herzlich sein sollte, an meinem Herzen aber eiskalt hinstreifte; denn ich hatte diese Wendungen erst ganz kürzlich irgendwo gelesen. Meine Antwort bestand in einigen unvernehmlichen Worten, und wohl einem Dutzend blöder Knikse, die ich in ehrerbietiger Ferne rasch hinter einander machte, und die zu nichts dienten, als meine Verlegenheit anzudeuten, welche durch den entsetzlichsten Verstoss meiner Kolombine gegen alle Lebensart, aufs höchste getrieben wurde. Sie hatte sich den Bewillkommungstumult zu Nutzen gemacht, und, trotz des frischgescheuerten Fussbodens, getan als ob sie zu haus wäre. Ich war erstarrt vor Schrekken, und kam aus aller Fassung, als die Dame mit fürchterlichem Kreischen schrie: "O pfui! was ist das für ein Hund?" – Sie erklärte kurz und rund heraus: Hunde dulde sie in ihrem haus nicht, öffnete die Tür, und scheuchte die widerbellende Kolombine mit dem Schnupftuche hinaus. Ich stammelte etwas zur Entschuldigung, aber kein Mensch verstand es. Der gütige Hausherr bemitleidete meine Verlegenheit, öffnete leise die Tür, das kleine Tier schlüpfte ungesehn herein, und schmiegte sich reumütig an meine Füsse.

Mein Stiefvater hatte versichert, dass seine Schwester das unnütze geschöpf loswerden solle, weil er mir befehlen würde, es sogleich abzuschaffen. Ich seufzte tief. So unbedeutend an sich dieser Vorfall ist, so war er mir ein klarer Beweis, wie wenig Nachsicht und Schonung die kleinen unschuldigen Neigungen meines Herzens in dieser Familie zu erwarten hatten.

Madame Brennfeld war hagerer Gestalt, mit schlangenartiger Biegsamkeit begabt; in der Sprache der feinen Welt nannte man sie degagirt. In ihrem damals noch jugendlichen gesicht lag eine Härte, die mir gleich gar nicht zusagte. Sie galt im Ganzen für hübsch; bei genauerer Untersuchung fand man aber, dass es der feine, überlegt gewählte Putz war, der jeden teil des Gesichts und der Gestalt in sein vorteilhaftestes Licht setzte. Ich habe dagegen nichts einzuwenden, auch nicht gegen das wenige Rot, welches sie auflegte, die bleichste Gesichtsfarbe zu heben; denn in meinen Augen hat Rotauflegen und Puder in die Haare streuen eine Absicht, und beides ist als Verschönerungsmittel gleichgültig, in so fern die Gesundheit nicht darunter leidet. In ihrer Unterhaltung zeigte sie bald die Gelehrte,