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nahe an Verstandeszerrüttung. Auch meine arme Mutter litt viel. Ihre stille, harmlose Seele erlag unter der Qual meines inneren Gemütszustandes, der ihr nicht entging. Der heftige, excentrische Moorfeld haranguirte bei allen Gelegenheiten mit einer an Verzückung gränzenden Spannung. Sie war von Herzen fromm; aber ihre feine, liebende Seele schätzte und verehrte Tugend und Rechtschaffenheit, ohne das Laster mit leidenschaft hassen zu können. Ihr Herz fasste keinen Hass, und ihre Religion war das Einfachste und Zweckmässigste, was je eine menschliche Seele zur strengen Erfüllung aller Pflichten antrieb. Sie litt sichtlich, wenn ihr Gatte mit erschütternder stimme und Gebehrde über religiöse Gegenstände sprach; und als er uns einst in dieser Manier eine Passionspredigt vom seligen Kramer vorgelesen hatte, klagte sie über Schwindel und Nervenschwäche.

Jetzt traf diese Heftigkeit ein geliebtes Kind, den lebendigen Abdruck eines, in ihrem stillen Herzen noch lebenden, geliebten Gatten. Unser verhältnis wurde mit jedem Tage gespannter, so, dass es uns allen Wohltat war, als ein Brief von der Rätin Brennfeld ankam, der mir Aufnahme in ihrem haus zusicherte.

Meine kleine Reiseequipage war bald zusammengebracht. Die gute Mutter besorgte alles; ich war ganz untätig und wie betäubt. Noch einmal wagte die arme mir das Wort zu reden, indem sie ihrem Gatten vorstellte, dass durch mein Verschwinden der Verläumdung freies Spiel gegeben würde. Dadurch erhielt sie so viel, dass er dem jungen Nachbar Lieutenant, der an dem ganzen Unwesen Schuld war, einen Besuch abstattete, ihm meine edle Offenheit rühmte, des Herrn Lieutenants Edelmut ebenfalls in Anspruch nahm, und sich die Briefe ausbat, die er von mir erhalten hatte. Es war nur ein einziger, mit Lalage unterschrieben. Mein Stiefvater war redlich genug, ihn ungelesen in's Feuer zu werfen; im Herzen wünschte meine Eitelkeit aber, er möchte ihn lesen, denn ich war überzeugt, er würde über das Talent der Briefstellerin in Bewunderung ausbrechen.

Ich war ohne Fassung, als die Stunde der Abreise schlug. Wer es kennt, was es heisst sich von geliebten Personen, von lieben Gewohnheiten loszureissen! – "Ach, wohl kenne ich das! O, es ist das Schmerzlichste! unbeschreiblich schmerzlich! Ja, Minna, ich kenne es, und denke mit zerrissnem Herzen zurück!" – sagte Ida, mit nassen Augen. Es war ein schöner Maitag, – fuhr Minna fort. Als ich zögerte und zitterte, und immer nicht vermochte, gab mir ein blick meines Stiefvaters, der zu fragen schien, was daraus werden sollte? Kraft, mich loszureissen. Er setzte sich zu mir in den Wagen, und entriss mich einem Städtchen, das der Reisende kalt betritt und verlässt, mir aber eine Welt voll Seligkeit gewesen war.

Der Frühling hatte sich eben in seiner ganzen verherrlichten Gestalt entfaltet. Über die Fluren wallte ein mildes Grün; an allen Wegen war Blütenduft und Vogelgesang. Meinem armen, fast gebrochnen Herzen wäre eine freudenleere Einöde lieber gewesen, denn die mich umgebenden Schönheiten liessen mich eiskalt. Mein herrschendes Gefühl war Trennung von der Mutter, und Abscheu gegen den Ort meines künftigen Anfentaltes. Mein Stiefvater fühlte menschlich genug, um mich einige Stunden mir selbst zu überlassen; sobald er aber bemerkte, dass die äussern Gegenstände wieder bei mir Eingang fanden, fing er ein Gespräch an, worin er mir hunderterlei Erinnerungen gab, wie ich mich nun in Zukunft zu betragen hätte; wie sehr meine kleinstädtischen Sitten abstechen würden; wie erbärmlich wenig ich gelernt hätte; – mein bischen Musik wäre dort kaum Geklimper; meinem Französisch fehle es an der rechten Aussprache; welche ungemeine Ehre es für mich sei, in den Kreis seiner Familie versetzt zu werden; wie tiefe Ehrfurcht ich seiner Schwester, die eine v o r n e h m e und g e e h r t e person sei, erweisen müsse, wobei der Handkuss nicht vergessen wurde. Durch alle diese Vorspiegelungen suchte er in mir das demütige Gefühl meiner Unbedeutsamkeit zu erwecken, und es gelang ihm nur zu gut. – Mein kleiner Ehrgeiz war empört; ich hasste im Voraus die Menschen, die mich so zu nichts machen würden, und verwünschte von ganzer Seele meinen künftigen Wohnort, als er sich mir unerwartet von einer Anhöhe darstellte. So nahe waren wir ihm schon.

Da lag nun vor mir, von der Abendsonne übergoldet, die schöne Königsstadt mit ihren hohen Türmen und vielen tausend pralenden Dächern. Ich brach in einen Strom von Tränen aus, und machte meinem Herzen durch Äusserungen des heftigsten Widerwillens Luft, die mein Reisegefährte mit leidlicher Geduld anhörte, und mit nur die Weisung gab, meine unverschämte Meinung für mich zu behalten, und ihm nicht den Genuss des ersten Wiedersehens der herrlichen Stadt zu verkümmern. Ich wurde stille, und darüber verwandelte sich selbst mein Unmut in bange Erwartung, aber das ungewohnte Gewühl missfiel mir, ich hatte damals noch keinen Sinn, Freude an dem Erwerbgeiste, dem Bestreben und der Indüstrie der Einwohner zu finden. An allen Ecken versperrten prächtige Equipagen unserm kleinstädtischen Fuhrwerk den Weg; denn unsre drei, mit weissleinenen Decken behangenen, Landtraber gingen gar breit auseinander. Hier gerieten sie zwischen Mehlfuhren, dort zwischen Holzhauer; dann fuhren sie nahe an Hökerbuden, so dass unser arme Christoph beinahe den Kopf verlor, und nun ganz toll und blind hineinsprengte, so schnell die müden Klepper nur vermochten. So kamen wir endlich, nach manchem Zwiste mit Kutschern und Trägern, in der Abenddämmrung vor dem haus des Rat Brennfeld an.