'Sie haben sich schwer vergangen; aber ich verzeihe Ihnen. Sie haben mit der Ehre Ihrer Familie ein schändliches Spiel getrieben; aber Ihrem Unverstande verzeihe ich es. Wenn Sie schon jetzt so beschämt vor uns sich zeigen, wie werden Sie einst vor dem Richterstuhle des Weltrichters in Ihrer Armut und Schande da stehen! Wie werden Sie zittern, wenn es heissen wird: Gehet hin zu meiner Linken! – Statt dass Sie sollten schaffen, selig zu werden mit Furcht und Zittern, bereiten Sie sich ihre eigene Hölle. Tun Sie Busse, und legen Sie Ihr böses Wesen von sich.' – Ich knieete in der Angst mechanisch vor ihm hin, während er in demselben Tone fortfuhr. Endlich sagte er: 'Steh' auf, meine Tochter, Deine Sünden sind Dir vergeben!' – So pflegte er in alles, was er sprach und tat, Schriftstellen einzumischen, und unschicklicher Weise seine widrige person an die Stelle des höchsten Lehrers der Menschen zu setzen.
Als er dies gesagt hatte, glaubt' ich mich absolvirt, aber nein, er hatte nur diese, ihm passend scheinende Stelle anbringen wollen; denn nun wendete er sich zur Mutter, und sagte: 'Was meinst Du, Louischen, das wir tun?' Sie stand verlegen da, und liess es auf ihn ankommen. 'Andere Eltern,' – fuhr er in einem rauhen Tone fort, – 'würden so ein ungeratnes Kind verstossen; aber ich bin entschlossen, sie nach Berlin zu meiner Schwester, der Rätin B r e n n f e l d , zu geben.'" "B r e n n f e l d ?" unterbrach Ida ihre Freundin. "B r e n n f e l d ? doch nicht die Erzieherin?" – "Eben die; das ist sie aber erst geworden, als ihr Mann sich von ihr schied." Minna bemerkte nicht, wie sehr Ida bei diesem Namen erblasste, und fuhr in ihrer Erzählung fort.
"Wie, mein Lieber?" – sagte meine kluge Mutter, – "Sie werden doch meine arme Minna nicht aus dem haus stossen, und gelegenheit zu allerlei Gerüchten geben?" – "Nennst Du das verstossen, Louischen, wenn sie die Ehre hat, Gesellschafterin meiner Schwester zu sein, die ein treffliches und geehrtes Weib ist?" – "Das bestreite ich nicht, lieber Moorheim," – erwiderte meine Mutter mit ihrer süssen, reinen stimme; – "aber ich dächte, Minna verdiente jetzt auf ihr freiwilliges, edles geständnis den Lohn des unbedingten Zutrauens. Von jetzt an stehe ich für meine Tochter; und nun kein Wort mehr von ängstlicher Beschränkung. Das väterliche Haus sei ihr kein Jungfernzwinger. Zwang gebiert List. Ihr Herz mag wählen. Wir halten nach alter Art die Töchter, als würden sie zum strengsten Cö@bat erzogen. Weiss ich doch aus eigner Erfahrung, was Liebe zu einem edlen mann der Moralität des Mädchens ist. Die Stunde, in der Minna's Herz sich einem würdigen Gatten ergiebt soll mir gesegnet sein." – "Du siehst sehr weit, Louischen; indess bin ich in so fern Deiner Meinung, dass es zur Erleichterung ihrer Wahl gut sein wird, wenn sie in meiner Schwester haus mehrere Männer sieht. Wen soll sie hier im Städtchen wählen? Den Meister Böttcher, oder den Meister Fleischer? Es geht nicht; das siehst Du selbst, Überdem möchte ich einen zweiten Anfall verliebter Laune, den das Mädchen etwa haben könnte, nicht so geduldig hinnehmen. Minna, Sie bereiten sich zur Reise, in acht Tagen bring' ich Sie hin."
Was er in diesem Tone sprach, war unwiderruflich. Das wusste meine Mutter so gut als ich; Tränen drängten sich aus den Augen der Schweigenden, und sie winkte mir zu, nicht weiter mit fruchtlosen Bitten in ihn zu dringen. Es wäre auch vergeblich gewesen; denn er entliess uns, um auf der Stelle an seine Schwester zu schreiben.
Von diesem Augenblicke an war der Frohsinn meines Jugendlebens dahin; selbst in Gegenwart meiner so geliebten Mutter fühlte ich mich gedrückt. Zufälliger Ernst schien mir Strenge, und die sanfteste Zurechtweisung ein Vorwurf. Ich versagte mir jeden Genuss, um ihr Misstrauen nicht zu erregen. O, Bewusstsein, wie unläugbar bist Du der Tod aller Lebensfreude! – "Minna!" rief hier Ida, "Minna, wozu diese Bemerkung? Sie machen mich elend, ohne es zu ahnen." – Fällt meine Erzählung Ihnen schmerzlich, meine Ida? so breche ich ab; ich werde sie nicht unaufgefordert fortsetzen. Wohl, wohl, für heute denn: gute Nacht! – Die Freundinnen trennten sich, und gönnten einander die Ruhe, die auch dem Leser hier vielleicht nicht unwillkommen sein wird. Ida war am folgenden Abend heiter genug, ihre Freundin mit dem Scherz zur Fortsetzung ihrer Erzählung aufzufordern, dass sie dieselbe ihre S c h e h e r a z a d e nannte. Minna wusste genau, wo sie abgebrochen hatte, und fing folgendermassen an: – Die auserlesenste Güte meiner Mutter vermochte nichts über meinen Trübsinn; denn nach meines Stiefvaters schwermütiger Vorstellungsart war die Unschuld und Reinheit meines Herzens unwiederbringlich verloren. Ich war jeder Wohltat des christentum unwert; nur durch eine Zerknirschung, die ich immer nicht hinreichend für die Grösse meines Fehlers hielt, sollte ich können gereinigt werden. Mein Sinnen, wie ich diese hervorbringen wollte, gränzte