überlas ich unzählichemal den unortographischen, gekleksten und schwülstigen Unsinn, ohne mich an die unschickliche Form des Äusseren, das grobe unbeschnittene Papier, die blasse ausgelaufne Tinte, so wenig, als an die Überschrift 's c h ö n s t e r E n g e l !' zu stossen. – Nichts, nichts von diesem allen vermochte meine Freude an dem einzigen, nie wiederkehrenden Moment meiner Rosenzeit zu schwächen. Verargen Sie mir's nicht, meine Ida, dass ich, bei aller Missbilligung der Sache an sich, jetzt noch mit frohklopfendem Herzen auf diesen Punkt meiner Existenz sehe, wo eine süsse ahnungsvolle Dämmerung die Seele umfliesst, wo rosige Gemälde lächelnd im Hintergrunde stehen, und zu hochgestimmten Phantasieen bezaubern. Gott! welche Seligkeit, wenn das junge weibliche Herz sein Dasein zu ahnen beginnt, und sich, jungfräulich verschämt, vor sich selbst verbirgt! –
Dieser extasirte Zustand dauerte nicht länger, als bis ich eine Zusammenkunft mit meinem Amoroso gehabt hatte. Diese war Abends vor der Tür. Ich wusste sie nicht einzuleiten, und benahm mich so linkisch dabei, dass es ein Wunder war, wenn mein Roman nicht das Mährchen der Stadt wurde.
Die Zusammenkunft war dem poetischen Schwunge meiner Imagination sehr ungünstig; denn es gab wahrlich! in der ganzen Provinz keinen prosaischern Junker, als den Lieutenant von Sonnenstern. Der einzige Brief, den ich ihm geschrieben hatte, wimmelte von Amor'n und Zephyretten, die damals nach der Lektüre von Gleim's und Jakobi's Briefen in meinem Gehirn noch obenauf schwammen. Sein herber bäurischer Styl stach seltsam dagegen ab. Die erste Anrede geschah mit 'm e i n E n g e l !'; sie wurde von einem schallenden Kusse, den er sich unterstand meinen Lippen aufzudrücken, und von einem quetschenden Händedrucke begleitet. Mein zartes Gefühl empörte sich; dies war keins von den Idealen Gessners, die sich meinem Herzen eingeprägt hatten. Ich brachte die Nacht schlaflos und mit Tränen zu. Durch ernstafte Überlegungen stärkte ich mich in dem Entschlusse, diesen herabwürdigenden Handel abzubrechen, und mich meiner Mutter zu entdecken.
Zu eben der Zeit wurde ich in der Religion unterrichtet. Zufällig – nein, wohl nicht bloss zufällig, – sprach der Geistliche in einer bald darauf folgenden Stunde über Reinheit des Herzens und Sinnes, und der bestimmte Ausdruck: 's e l i g s i n d , d i e r e i n e s H e r z e n s s i n d !' ergriff mich. Ich las damals gerade die Schriften der Frau le Prince de Beaumont, die, bei allen ihren papistischen grundsätzen, dennoch unendlich schätzbar sind. Sie bestärkten mich in dem Vorsatze, rechtschaffen zu sein. Tiefer als alles Vorhergegangene beugte mich ein unverdienter Lobspruch, welchen meine nichts argwöhnende Mutter meiner jungfräulichen Sittsamkeit gab, Bei mehr Verhärtung im Unrecht hätte er mir wohl getan; so aber fiel er mir, die ich nur Neulingin war, mit zermalmender Gewalt aufs Herz. Meine redliche Mutter sah mich leidend, hielt es für körperliche Unbehaglichkeit, redete mir freundlich zu, und schenkte mir zur Erheiterung eine ihrer Stickereien. Diese Güte brach mir das Herz, und ich klagte mich als die undankbarste aller Töchter an. Dieser Gemütszustand lastete so entsetzlich auf mir, dass ich, trotz der Furcht vor dem Stiefvater, dennoch beschloss, mein Elend von mir zu werfen, und meiner Mutter alles zu entdekken.
Sie erschrak zum Hinsinken, als ich, verstört und laut schluchzend, zu ihr kam, und erblasste, als ich die Tür abschloss. – Zu ihren Füssen legte ich das demütigende Bekenntniss ab. Noch sehe' ich die Treffliche, Himmlischsanfte ihre hände, die ich küssen wollte, zurückziehn, dann sie mir wieder entgegenreichen und auf meine Schultern stüzzen. Ihre Tränen flossen über meine Stirn. Sie vergab mir, die Unvergessliche! Vielleicht hatte sie ein noch entehrenderes Bekenntniss gefürchtet. – 'Wie konnte meine gute Tochter, (sagte sie) meine Minna sich so vergessen? wie wird Herr Moorfeld erschrecken! wie soll ich's ihm nur vorbringen?' – Ach, freilich war das schrecklich; deutlich hatte ich mir die Folgen meines Geständnisses nicht gedacht, – und an den Stiefvater eigentlich gar nicht. – Jetzt schauderte ich, und fast reuete mich der Schritt. Aber die gute Mutter wollte ja alles auf sich nehmen, alles ebnen und wieder gut machen. Sie befahl mir, mich ruhig zu verhalten, und den andern Morgen nicht eher zu erscheinen, bis sie ihren Gatten vorbereitet haben würde. Voll dieser bängsten aller Erwartungen schickte sie mich zu Bette. Im Herzen war ich leichter; durch das offene, freiwillige geständnis hatte ich mich wieder bei mir selbst in einige achtung gesetzt. Nun war ich mutig entschlossen, alles still hinzunehmen, wie auch immer der Ausgang sein möchte. Diese Art, meinen Fehler zu büssen, schien mir Grösse zu sein. Meine Eitelkeit mischte sich ins Spiel.
Doch war's ein saurer gang, als mich am folgenden Morgen meine Mutter nach stundenlangem Harren abrief. Gütig und Trost einsprechend unterstützte mich die fromme, vor innerer Angst und Beklemmung schwankende Mutter. Als die Tür zu meines Stiefvaters Studierzimmer aufging, war ich ohne Atem. Ich sah sein strenges, strafendes Gesicht. Von Scham unwillkührlich getrieben floh ich hinter einen Vorhang, und verdeckte das Gesicht. 'Minna!' – sagte er mit leidlich gemilderter stimme, –