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Zittern, womit man sich dem Heiligtume nahen soll! Wie ich in Tränen zerfloss, und nur mit an mir selbst verzweifelnder Demut die Hand nach den äussern Zeichen ausstreckte, – weil ich mich mit allen hererzählten Lastern behaftet glaubte, und mir die Verdammniss zuzuziehen fürchtete, wenn ich unwürdig genösse.

Glücklicher Weise waren diese Begriffe von der Art, dass man sie gar nicht aufs gewöhnliche Menschenleben übertragen konnte. Wenn dergleichen feierliche Handlungen überstanden waren, legte ich das Ganze, wie eine drückende Last, bei Seite, und dachte nicht daran, bis etwa eine nahe Veranlassung sie mir wieder zu meinem Schrecken ins Gedächtniss brachte. Den Herrn Christum hatte ich lieb, weil ich in ihm einen Unglücksgefährten sah, der, so wie ich, unter dem Zorn des Vaters stand. Den heiligen Geist begriff ich nicht; doch kam er mir untergeordnet vor, und er war mir unter dem Bilde der Taube sehr lieb.

Die Lebensweise in unserm haus war seit meines Vaters tod gar nicht mehr dieselbe. Unsere Lesereien hatten eine andere Wendung bekommen. Herr M o o r h e i m zwang uns s e i n e n Geschmack auf, daher denn ein jeder gern für sich las. Mir waren bei der gelegenheit, dass meines Vaters Bibliotek geordnet wurde, einige Bücher in die hände geraten, die der sorgsame Vater weislich versteckt gehalten hatte. Freilich sollte niemand Gift in seine Vorratskammer legen; – es war aber nun einmal da, und ich sog es mit langsamen Zügen ein. Ich erinnere mich nicht der Titel; es waren aber üppige französische Romane, die auf eine unglaubliche Art auf mich wirkten. – Mein Herz, – meine Sinnlichkeit entwikkelte sich mit Schnellkraft. Noch lange, ich behaupte es, hätte bei meiner nüchternen, arbeitsamen Lebensart jeder Trieb, mich unter den Söhnen des Landes umzusehn, ohne die Dazwischenkunft jener Bücher in mir geschlummert. Ich sah mich um; aber da war keiner dem ich es zutrauen konnte, die Hauptrolle eines Romans zu übernehmen. Die Bürgersöhne waren schlichte, biedere Menschen, still ihrem Berufe nachgehend. Die Offiziere der Garnison standen unter dem mütterlichen Bannstrahl. Es war Todsünde, von einem gegrüsst zu werden; und nur hinter den rohrnen Fensterkörben wagten es die Töchter, sie mit verstohlnen Blicken zu mustern.

Als ein blühendes, schnell herangereiftes Mädchen stand ich nun auf dem schlüpfrigen Scheidewege, und man fing an, mich zu bemerken. Der uns gegenüber wohnende Lieutenant von S o n n e n s t e r n fing an, sein Auge auf mich zu richten, und liess sich herab, um die Langeweile der Garnison zu verkürzen, einen Entwurf zu einem Roman mit des Bürgermeisters Minna zu machen, der mit beständigem Herübersehen und Komplimentiren hinter'm rücken der Mutter begann. Bei dem ersten bedeutenden Blicke flog ich scheu zurück, glühte vor Scham, vielleicht auch vor Freude, die ich mir selbst noch nicht gestand, wie eine Purpurrose, und wagte es nicht, der Mutter ins Auge zu blicken, wenn ich, zitternd vor Schrecken und mit verhaltenem Atem, vor sie hintrat. – Der erfahrne Paladin hatte des Mädchens Zurückziehen sehr richtig zu deuten verstanden; denn auch er spielte nun den scheuen Betroffnen, liess sich seltener sehen, und bliess zärtliche Lieder auf der Flöte, wenn ich des Abends mit meinen jüngern Geschwistern vor der Tür sass. Welch' ein süsses Spiel war dies für meine nun schon aufs höchste gereizte Phantasie! Auch das liebste Buch fesselte mich nicht mehr; mit dem letzten Bissen, bei dem unfreundlichsten Wetter, stand ich zur bestimmten Stunde auf meinem Posten, oft nur, um bei Licht in seinem Zimmer seinen Schatten hin- und herwanken zu sehen. Ich erstaune, dass diese Rastlosigkeit meinen Eltern entging. Mir ist sie bei jedem jungen Mädchen oder weib ein untrügliches Merkmal erregter leidenschaft, oder doch irgend einer leidenschaftlichen Erwartung.

Der junge Nachbar verstand sich auch sehr gut auf diese Kennzeichen. Noch glüht meine Wange bei der Erinnerung an diese jugendliche Unbesonnenheit. Als ich eines Abends mit einem unsrer Dienstmädchen eine häusliche Besorgung hatte, steckte sie mir einen Brief in die Hand. – 'Vom hübschen Nachbar!' – sagte sie. Noch wachte der Keuschheitswächter, j u n g f r ä u l i c h e r S t o l z , über mein Herz. Ich fuhr das Mädchen an, und wies den Brief zurück. Indem liess sich die Mutter hören, und die erfahrne Magd liess den Brief schnell in mein Busentuch schlüpfen.

Im Herzen war ich froh, denn ich glaubte dass der Brief nun ohne mein Zutun mein geworden war. Ihn zu lesen, fand ich den ganzen Abend keinen Augenblick. Aber wie nenn' ich das Gemisch von Empfindungen, die mich bald froh, bald bang durchschauerten? mein Gesicht bald brennend rot, bald todtenblass, meinen gang schwankend, und meine Glieder wie von Fieberfrost durchschüttert, machten? – Meine Mutter fragte: ob ich krank wäre? Ach nein, Krankheit war es nicht; es war der laute Puls der Liebe, der durch alle meine Nerven zuckte.

Die ersehnte Schlafstunde half mir nichts, denn ich schlief mit meinen Geschwistern zusammen. Ich legte den Brief als ich schlafen ging an mein lautklopfendes Herz. Die innere Unruhe verstattete mir keine Minute Schlaf. Mit der frühesten Morgendämmerung schlug ich leise, leise den Brief auseinander, den ich bei ruhigerer, uneingenommener Stimmung ganz unausstehlich schlecht gefunden haben würde; so aber