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tun, diese Liebe zu vergelten? rief sie tief erschüttert. – Ich fuhr wehmütig fort: Hier auf diesem Hügel werde ich stehen, und für meine entfernte Tochter beten; und du, meine fromme Tochter, bete für deinen einsam zurückgelassnen Vater. Ich habe deinem Herzen, so viel in meinen Kräften stand, fromme Gesinnungen und Redlichkeit gegeben; diese lass dich vor der herzlosen Frivolität der Stadtfrauen bewahren. Überlass dich nicht dem Müssiggange der Grossstädterinnen, er gereicht ihnen zum Fall, und gebiert jene unleidliche Rastlosigkeit, der nirgend wohl ist. Als ein vorzüglich gutes Stärkungsmittel empfehl ich dir, alle deine Gedanken und Empfindungen, über die dir auffallenden Gegenstände, in ein Tagbuch aufzufassen. Solltest du gleich dadurch in Ängstlichkeit und Peinlichkeit verfallen, so ist dies deiner Moralität heilbringender, als gedankenleere Sorglosigkeit. Ein solches Tagebuch wird dir die Stelle eines Freundes, wenn ich sagen darf, eines personificirten Gewissens vertreten. Und dann gewähre mir zuweilen den Trost der Mitteilung dieses Tagebuchs. Fürchte nicht den Richter in mir zu finden, mein Herz vertritt das deinige zu nachdrücklich, als dass du zu f ü r c h t e n hättest.

Im Angesicht des allgegenwärtigen Vaters der Menschen, gelobte sie mir Treue und Gehorsam; ich segnete die liebe mit überströmenden Vaterherzen. Ihr blick durchlief noch einmal die Gegend, die sich allmählich im Schatten verlor, und wir kehrten still und ernst zu unsrer wohnung zurück.

Meine gute Frau erzwang eine Heiterkeit, die nicht aus ihrem Herzen kam, und sah nach den überstandenen Schmerzen der Trennung, in eine freudige Zukunft; ihre Augen strahlten wirklich von Vergnügen, wenn sie sich unsre Tochter, mit allen Colifichets der Stadt umgeben, dachte; eine Vorstellung bei der mir die Tränen in die Augen traten, weil sie mir den Gesichtspunkt verrückte, aus welchem ich mit so viel Wohlgefallen auf mein Kind sah.

Es war ausgemacht, dass meine Frau Julchen nach Berlin begleiten sollte, um sie der Erzieherinn selbst zu treuen Händen zu übergeben, und zugleich meinen Fritz auf ein dortiges Gymnasium zu bringen. Sich von zwei so lieben Kindern zugleich trennen zu müssen, tut dem Vaterherzen weh. Der Abschiedsmorgen war schwer; meine Kinder hingen weinend an mir, und als der Knecht vorfuhr, schrie Julchen laut auf. Ich küsste sie und meinen guten Jungen schweigend, und dann trug die Mutter sie halb ohnmächtig in den Wagen. "Bleibt fromm, und haltet euch recht, liebste Kinder! lebe wohl, Weib! mags dich nie gereuen, Julchen von mir gerissen zu haben!" sagte ich, warf mich auf mein Pferd, das schon gesattelt da stand, sah noch den Wagen, worin alles sass was mir auf Erden lieb war, den Hügel herabrollen, und liess dann mein Pferd den Weg einschlagen, den es nehmen wollte; denn begleiten mocht' ich sie nicht, das macht den Abschied zwiefach schwer.

Grüntal fand jetzt, als er nach der Uhr sah, dass er schon einen teil der Nacht verplaudert hatte, wünschte dem geistlichen Ehepaar eine gute Nacht, und versprach die Fortsetzung seiner Erzählung auf den Freitag. – Sie werden, denke ich, den Zweck Ihrer Erzählung wohl bei mir wenigstens erreichen, lieber Amtmann, sagte Seelmann, denn ich habe mich sehr lebhaft in die Trennungsstunde von einem lieben kind versetzt, und möchte diese meinem Herzen schwerlich zumuten. Nein, Lottchen bleibt bei uns. Gut, gut, sagte die Frau Pastorinn, als hätte sie damit gemeint, kommt Zeit, kommt Rat. Erst aber untersuchen wir die Richtigkeit der Vorurteile unsers Freundes. – Vorurteile! Wollte Gott es wäre weiter nichts gewesen! Nun, Sie werden ja hören, erwiderte der Amtmann, empfahl sich und rollte mit seinem Kaleschchen dahin. Grüntal liess sich an dem dazu festgesetzten Abend nicht lange erwarten. Er kam noch vor Abend zu seinen Freunden, und versprach, dass wenn er heute mit seiner Erzählung nicht fertig würde, er künftig alles, was ihm noch auf den Herzen bliebe, aufschreiben wolle, um es seinen Freunden so mitzuteilen. Der Pastor besorgte das gesellige Pfeifchen, die Pastorinn nahm das Strickzeug zur Hand, und Grüntal setzte sich, als er endlich sein Auditorium in Ruhe sah, in den beliebten Armstuhl, und begann seine Erzählung von neuem.

Meine Kinder sind nun abgereist; das wissen Sie. Mein Haus war mir seitdem wie ein Grab, alles öde und überall bei jedem Tritte hohltönender Nachhall. Kein Essen schmeckte mir; ich vermisste meinen ehemaligen glücklichen Hausstand aller Orten. Indess meine Frau in Berlin war, brachte ich meine unbesetzten Stunden mehrenteils bei E i c h e n , unserm Prediger zu. Diesem jungen würdigen mann durfte ich zu ganzen Stunden von meinen Kindern vorschwatzen, ohne zu besorgen dass er es lästig finden würde. Wenn ich trauerte, tröstete er mich damit, dass die Anstalt, worin Julchen getan würde, einen entschiednen guten Ruf habe, dass Männer von Gewicht sie öffentlich empfohlen hätten. Den meisten Nachdruck seiner Beruhigungsgründe legte er darauf, dass zu meiner Tochter Bildung ein so fester Grund gelegt sei, und die Eindrücke der ersten Kinderjahre nie ganz ausgelöscht werden könnten.

Nach vierzehn ewig langen Tagen kam endlich meine Frau wieder. M i r blutete von neuem das Herz, als ich sie ohne unsre Kinder sah; sie aber war fröhlich und guter Dinge, und voll von dem Glanze der Residenz, deren Anblick sie sich schon längst im Stillen gewünscht hatte. Sie hörte nicht auf von