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? Immer lässt sich der Tölpel altgebacknes in die Hand stecken. – Keiner wagte zu äussern, dass das Brodt nicht alt sei. Warum tut denn Niemand den Mund auf? zu sagen, dass es nicht alt ist. – Ich glaube, das grosse Mädchen da verstehts nicht einmal. Es ist zu hart gebacken, und es zu zerarbeiten, gehört ein Hundsgebiss dazuIndess war die Suppe herumgegeben. – Immer und ewig Rindssuppe! weisst du denn gar nichts anders anzugeben, Louischen? – Ich meinte, Sie ässen sie am liebsten, entgegnete meine sanftmütige Mutter. – Nun schlang er die Suppe kochend herunter. Die Suppe ist versalzen; oder nein! – indem er sie aus dem mund auf den Teller zurücksprudeltesie ist nicht genug gesalzen. Der Teufel! wo so eine grosse Tochter im haus ist, sollte dergleichen nicht vorkommen. – Erlauben Sie, meine liebe Mutter hat selbst – – Husch! schüttete er das wasser aus seinem Glase über den Tisch weg, mir ins Gesicht. Da sass ich, wie eine Flussgöttin, mit herabströmender der Flut von Kopf und Brust. Meine arme Mutter sass daneben, blass und zitternd, und wagte es nicht ein Wort für mich einzulegen; und doch entging sie nicht dem Vorwurfe: 'Das arme Töchterchen jammert Dich wohl?'

Ausbrüche so pöbelhafter Laune entwischten dem sonst klugen mann sehr oft, und wurden, oft noch acht Tage nachher, durchgeknetet, bis ich nich mit verbissnem Ingrimm herabliess, wie er es verlangte, mich zu d e m ü t h i g e n , und k n i e n d Abbitte zu tun. Dies gab dann meiner armen Mutter den Frieden wieder; wenn es dem Haustyrannen nicht gefiel, mich zu verstossen und kniend liegen zu lassen. Aber ich wende mich von den empörenden Scenen hinweg, deren ich auch im Greisen Alter nie ruhig werde gedenken können.

Was in dem durchaus versäumten charakter dieses Mannes Andacht und Religion war, kann man sich leicht vorstellen. Als mein Vater sie uns durch sein Beispiel, nicht in Worten, sondern im W e s e n lehrte, war die Gottesverehrung in unserm haus eine erweckende, freudenvolle Sache, woran jeder gern teil nahm, weil er sich durch sie froher und glücklicher fühlte, und einer noch froheren Zukunft entgegen zu leben glaubte. Auch meiner Mutter Gottesfurcht war heiter, und unsern kindischen Begriffen mit grosser Klugheit angepasst. So aber nicht mein Stiefvater. Sein Frommsein mussten alle Hausgenossen entgelten, denn sie sollten's nach seiner überspannten Weise sein. Am liebsten schreckte er uns mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Missetat der Väter an den Kindern bis ins vierte Glied heimsucht. Diese altjüdischen Begriffe waren wie für das Schrekkenssystem, womit er über uns herrschte, ausdrükklich ausgesprochen. Eben so die schwermütige Vorstellungsart der alten Teologie, von der Busse. Bei jeder Kommunionsfeier sollte Reue, Wehklagen und Zerknirschung über unsre Sünden auf jedem Gesicht bemerkbar sein. Bei meiner ersten Kommunion sollte ich mich aller, im alten Kommunionbuche hergerechneten, Sünden anklagen, von welchen ich dazumal kaum den Sinn erriet. Sonntags las er viele Predigten, wenn wir vorher, höchst misstönig und verstimmt, Lieder gesungen hatten, wobei jeder Vers neu intonirt werden musste, weil wir wenigstens um eine Quinte tiefer fielen, und uns zuletzt in den tiefsten Bass verloren. Die Predigten wurden zwar aus den neueren berühmten Rednern ausgesucht; allein unser häusliche Gottesdienst begann erst, wenn längst der öffentliche vorbei war, und jedermann schon zu seiner Sonntagserholung eilte. Wir jüngern Zuhörer hatten dann wenig Ohr und Herz dafür, wenn alles im Ort fröhlich umherschwirrte, wir noch immer leise umhertrippelten, und verdrossen den Augenblick erwarteten, wo es dem H e r r n gefallen würde, seine profane Lektüre abzubrechen.

Durch diese Behandlung war es ihm gelungen, die Religion, welche bis dahin die freundliche Führerin meiner Kindheit und ersten Jugend gewesen war, in das traurigste und peinigendste Ding, das dem Menschen zu seiner Qual gegeben ist, zu verwandeln. Der Gott, den ich, wenn gleich unter höchst verworrenen Begriffen, als meinen eigentlichen Vater geehrt und geliebt hatte, war mir jetzt ein immer strenger und zürnender Herrscher, der ganz menschlicher Weise, immer im Zorn aufzulodern pflegte, und nur dann vom Schelten abliess, wenn das arme ohnmächtige geschöpf tief zerknirscht und gedemütigt vor ihm im Staube kroch. Diesen Jehovah, wie mein Stiefvater ihn am liebsten nannte, fürchtete ich so sehr, dass ich gewiss nichts versäumte, was die Menschen sehr menschlicher Weise seinen Dienst nennen. Sonntags wagte ich nicht eher ein profanes Buch in die Hand zu nehmen, bis ich das mürrische zänkische Wesen, welches ich G o t t nannte, durch das Lesen einer Predigt, oder mit sonst etwas Geistlichem, abgefunden hatte.

Wer darf sich wundern, wenn eine solche Religion dem Menschen etwas ganz von ihm isolirtes ist? Denn wo ist eine Freude, ein Genuss, der sich mit dem Begrif eines immer finstern und scheltenden Wesens vereinigen liess, eines Wesens, das im seinem Grimm endlich nur durch Blut zu besänftigen war. Es ist schrecklich, dem Menschen zu verbittern, was ihn beglücken soll! – O, ich wurde so fromm, wahrlich! aus Angst so fromm, dass ich beinahe den Teufel mit angebetet hätte. Ich quälte mich ganz matt, wenn an Kommuniontagen mein jugendliches Herz nichts von jener geforderten Zerknirschung empfand, von jener Scheu, und dem