1784_Unger_099_68.txt

mit Keinem sich auch nur ins Gespräch einzulassen. Wie stumm, wie steif und kalt diese Lustbarkeiten ausfielen, wie scharf die Abstandslinie zwischen Adlichen und Bürgerlichen gezogen war, können sich nur die vorstellen, welche die Anmassungen des Provinzadels, und die elende Kriecherei der Kleinstädter mit Augen gesehen haben. Die adlichen Herren Lieutenants und Fähndriche hielten sich in grosser Ferne, und liessen sich nur dann erst herab, uns bürgerliche Töchter zum Tanz zu fordern, wenn auch das adliche Mädchen im Schnürkleidchen nicht mehr tanzen mochte.

Mich verdross und störte das weiter nicht in meiner überirdischen Freude an diesen Festen; ich nahm, ohne sie zu bemerken, jede Demütigung des aroganten Dorf- und Regimentsadels unbekümmert hin. Wenn ich nur gelegenheit hatte, meine Anzahl Menuets und Polonoisen abzutanzen, so war ich übrigens ganz unbekümmert, wie? und mit wem? dies geschah.

Den Genuss meiner jugendlichen Freuden unterbrach aber der Tod meines vortreflichen Vaters. Ich fühlte diesen Verlust so tief, als man so etwas im eilften Jahre zu fühlen im stand ist, das heisst: ich weinte ungestüm, und wurde im Herzen halb getröstet, wenn ich mir die prunkenden Trauerkleider, die mich zur erwachsenen person in meinen Augen erhoben, recht lebhaft dachte. Dann weinte ich wieder, wenn die gute Mutter weinte, und rührend über ihren Wittwen- und unsern Waisenstand sprach. Wenn ich aber hörte, dass wir nun unser Haus und unsre Gärten, Felder und Wiesen verlieren würden, heulte ich, und war nur durch hartes Zureden zu beruhigen.

Aber es kam gar anders; diese schönen Dinge, an denen mein Herz hing, wurden nicht verkauft. Es ereignete sich etwas, das, wie ich es damals verstand, besser, in der Tat aber schlimmer war, als Gartenund Feldverlust, – ich bekam einen Stiefvater, der an Witz und übler Laune seines gleichen suchte. Doch das muss ich in der Ordnung erzählen.

Herr Moorheim, ein Rechtsgelehrter, folgte meinem Vater in der Justizbürgermeisterstelle. Er war ein treflicher Kopf; aber sein Herz? – nicht ein Schatten von dem Herzen meines Vaters. So bald er von Berlin im Städtchen angekommen war, erschien er bei uns. Meine Mutter war immer noch eine Frau, die gefallen konnte; in ihrem lieblichen gesicht wohnte ein Geist, der nicht veraltern lässt, und Friede und Wohlwollen auf der weissen ebnen Stirn. Sie gefiel ihm; er war galant, und hatte in der feinern Welt gelebt; er machte ihr förmlich den Hof; sie gab seiner Anwerbung Gehör, und, andertalb Jahr nach meines armen Vaters tod, wurde Moorheim mein Stiefvater.

Es fehlte wenig, dass mein Herz sich nicht von meiner Mutter abgewandt hätte. Ich war in meines Vaters Seele eifersüchtig; aber ich tat ihr Unrecht. Sie hatte ihren Gatten nicht vergessen; es fehlte ihrem ruhigen Sinne nur an dem Grad von Wärme und lebhafter Vorstellungsgabe, die uns auch für nicht mehr anwesende Gegenstände befeuern. Sie war an einen gewissen Wirtschaftsschlendrian gewöhnt, in welchen sie, weil sie nun Leere fühlte, wieder einzutreten wünschte. Doch wer fragt denn nach Gründen zu der alltäglichsten Sache von der Welt? Warum sollten die Wittwen sich ewigem Harm weihen, wenn die Wittwer schon in der tiefen Trauer den zweiten Bräutigams Ring tragen?

Da ich mir aber vorstellte, dass es meiner Mutter im Herzen bald gereuen würde, so söhnte ich mich wieder mit ihr aus, und mein Mitleid sowohl, als gemeinschaftliche Leiden, gaben meiner Liebe zu ihr neue Schwingen. Ach, Ida! was erfuhren wir von diesem herrischen mann, diesem Hausdespoten! Es hiess bald an allen Orten: Herr Moorheim sei sehr h y p o c h o n d r i s c h ! Dies pflegt eine Rubrik zu sein, die jede Ungezogenheit, jede Verwahrlosung des Herzens, jede Grobheit aufnehmen muss. Hat einer sich gewöhnt, den Eindrücken übler Laune nachzugeben, plagt er seine Hausgenossen bis aufs Blut, so heist er hypochondrisch. Ist er übel gelaunt, und schämt sich die unbedeutende ursache dazu anzugeben, so sagt er: 'ach! ich bin heute so hypochondrisch!' – So mein Stiefvater, der im haus nie mit einem Zutrauen erweckenden Nahmen genannt wurde, sondern immer der H e r r hiess. Nie ist der süsse Vaternahmen gegen ihn über meine Lippen gekommen; wie denn auch er mich gegen meine Mutter nie anders als D e i n e T o c h t e r zu nennen pflegte.

Ein übellauniger Hausgenosse gehört wahrlich zu den grösseren Trübsalen des Hausstandes. Wenn ihm aber noch der beissendste Witz zu Gebote steht, so ist kein Hauskreuz diesem zu vergleichen. Mein Stiefvater hatte Verstand wie ein Engel, und dieser gab ihm die Gewalt alle Herzen zu gewinnen. Aber er handelte unwandelbar nach dem Despoten Grundsatz: die Untergebnen müssen nie wissen, wie sie mit ihrem O b e r h e r r n daran sind. Diesem zu Folge, war kein Wetterhahn veränderlicher als er in seinem Betragen gegen uns. Abends scherzte er, und man widerstand der Annehmlichkeit seines Umganges mit Mühe. Am folgenden Morgen erschien er steif, feierlich, auffahrend bei Kleinigkeiten; alles an ihm verkündigte einen nahen Orkan. Zu Mittage schlich jedes still und ängstlich zu Tische, und stand ehrerbietig, bis der H e r r uns mit kalter Höflichkeit gegrüsst hatte. Herr Moorheim schnitt Brodt; das Messer glitt von der harten Rinde ab: – Wo hat der Schurke Johann das Brodt geholt