lieber Ihr Versprechen; denn noch frag' ich mich oft: wer ist sie? warum ruht auf dem lieben Gesicht so oft ein Zug stiller Trauer? warum ist, wenn stiller Gram bei mir sich in unwillkührliche Tränen auflöst, die sympatetische Träne sogleich bereit, aus ihrem klaren Auge hervorzuquellen? Minna, länger dulde ich Ihr Schweigen nicht; denn auch ich suche ein Herz, in welchem ich meinen Kummer niederlegen kann. Minna wurde unruhig; schweigend drückte sie der Freundin Hand. jetzt nicht, jetzt nicht, Liebe; was ich zu sagen habe, verträgt nicht dieses Licht. Wenn die grauere Dämmerung mich schützt, dann – – Ida lenkte klug das Gespräch auf die grosse Heerstrasse des Alltagslebens hin, und erst als der Mond an den Gipfeln der Bäume dämmerte, begann Minna mit einem aus beklommener Brust hervorbrechenden Seufzer:
"Der liebenswürdige Sonderling von Genf schrieb seine Confessions, vermochte aber nicht ihre Bekanntwerdung bei seinem Leben zu ertragen. Ich stehe im Begrif weit beschämendere Bekenntnisse abzulegen: zwar nicht vor dem Publikum, aber die beichte ist demohnerachtet immer ein Punkt, der grosse Ueberwindung kostet. Wo werde' ich stimme, wo Kraft hernehmen, sie, selbst gegen eine liebende Freundin, auszusprechen? wo die Ehrlichkeit, da ohne Schminke zu erscheinen, wo die scheue Weiblichkeit sich gern in sich selbst zurückschmiegt. Aber in einer heiligen einsamen Stunde habe ich es mir zur Pflicht gemacht, Ihnen mein Herz mit allen seinen Verirrungen darzulegen. Wie stark muss Ihre Liebe sein, wenn sie mich dann noch ferner erträgt.
Sie wird, ja sie ist entschlossen zur entschiedensten Nachsicht! Ach, wem sollt' i c h nicht nachsehen müssen! seufzte Ida gerührt, und legte ihre Hand auf Minna's gefaltete hände. Diese trocknete einige Tränen, und begann:
Ich bin die Tochter des Bürgermeister Rosenau, in der angenehmen Provinzstadt A. Mein Vater war ein Mann von Kopf und Herz, und seine Berufsgeschäfte liessen ihn Musse genug, sich oft Tage hindurch seinem Lieblingsstudium, der geschichte und den alten Klassikern, vorzüglich aber der neuen schönen Litteratur zu widmen. Diese stand damals in ihrer schönsten Blüte, und, wenn ich so sagen darf, im reinsten schäferlichen Schmucke; die Lesewelt war noch nicht so ekel aus Uebersättigung, und das Rezensionswesen machte noch nicht ein eigenes, so überflüssig angebauetes Feld deutscher Schriftstellerei aus. Mein Vater sah mich gern meine Feierstunden mit Gesners Hirten vertändeln, und freute sich, wenn er mich mit Zacharia's Tageszeiten in die Gartenlaube eilen sah. Auch meine Mutter, die von ihrem Vater, dem Rektor B. in S., eine Art von gelehrter Erziehung, nach damaliger Weise, erhalten hatte, teilte meines Vaters Hang zu den Wissenschaften, und war innig froh, wenn er ihr nach vollendetem Tagwerke vorlas, wobei ich arbeitend zugegen war. Dadurch gewann ich unvermerkt an Geistesbildung, und zeichnete mich vor den andern jungen Mädchen des Orts aus. Diese geistigen Unterhaltungen entzogen mich aber auf keine Weise unsrer stillen Häuslichkeit; ich arbeitete, so jung ich war; spann, nähere und strickte für meine Ältern und jüngere Geschwister, mit so innigem Behagen, als obs kein Buch in der Welt gegeben hätte; sah, wenn der Winter vorüber war, mit Verlangen nach den ersten Schwalben aus; weil dann die Gartenarbeiten anfingen, denen ich vorstehen sollte, wenn ich würde grösser sein. Und über den Spass in der Erndte ging mir nichts, wenn der mit blanken Bändern und Blumen geputzte Schnitter ins Haus trat, und nach Ortssitte von den Mägden mit wasser überschüttet wurde. – –
Hieraus können Sie schliessen, dass die Lebensweise im älterlichen haus höchst einfach und patriarchalisch war; – und noch blicke ich, mit herzlichem Wohlgefallen, in diesen meinen ungetrübten Lebensfrühling zurück. Diese Einförmigkeit ist wohltätig für junge unverwöhnte Herzen; sie bildet zum ausharrenden Wohlgefallen an den stillen Freuden des künftigen Hausstandes. Bei uns herrschte sie unverrückt; und nur an den Vorabenden solcher Tage, an welchen etwa der General des dort in Garnison stehenden Regimentes den Geburtstag des Königes, oder seiner Gemahlin feierte, fand eine Ausnahme statt. – Er pflegte die Notablen des Orts einzuladen. Das Vorlesen, Strikken und Spinnen fiel dann aus; und statt dessen kräuselte Mütterchen sich und ihrem ältesten Mädchen die Haare; schwefelte Flor, färbte alte Bänder, wusch seidne Strümpfe, lüftete die seidnen Kleider, oder stickte der Tochter ihres an, wenn sie herausgewachsen war. So gings in allen Häusern wo junge Mädchen waren; denn an einem solchen Tage, von dem das ganze Jahr hindurch gesprochen wurde, da galts! Wir wähnten uns in unserm zusammengestoppelten staat sehr geputzt, besonders wenn es uns gelungen war, irgend einen Modeschnitt zu erhaschen. Das fest selbst regte, trotz der grossen Zurüstungen, nur die kleinlichsten Leidenschaften, der Eifersucht und des Kleiderneides auf. Man erboste, man hasste und verfolgte sich Jahre lang, wenn der General beim Auffordern zur ersten Menuet, nicht die strengste Rangordnung beobachtet hatte; die Vorgezogne brüstete sich so kindisch, als die Zurückgesetzte sich gedemütigt fühlte. –
Eine solche Stimmung der Gemüter machte sie, schon ihrer natur nach, für die Eindrücke zärtlicher Gefühle unempfänglich. Ob schon eine Menge junger Personen beiderlei Geschlechts zusammen kamen, hatte doch nie die Liebe sich ins Spiel gemischt. Wort und Sache standen unter dem strengsten Bannfluch; denn die jungen Männer waren Edelleute, und die Mütter führten ihre Töchter mit der strengsten Warnung dahin: um die Welt,