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aber er war schon zum hof hinaus, und sein Fusstritt schallte ihnen nur noch aus der Ferne zu. Er eilte in einer finstern regnigten Nacht allein und zu Fuss nach haus.

Zweiter teil

Minna und ihre Freundin genossen nach einem schwülen Tage die Kühle des Abends, unter der Linde vor dem angenehmen Landhause, welches die Freundin bewohnte, und in dessen Nähe Minna ein mässiges Gütchen besass. Schweigend sahen beide in den Mond, der freundlich durch die schöne Akazie blickte, die ihnen gegenüber rauschte. Es wetterleuchtete in fernen grauen Streifwolken. Sie lauschten, ob ein Donner ihnen ein gefürchtetes Gewitter drohe; als plötzlich Minna's Löwenhündchen von ihrem Schoosse stürzte und bellend in die Nachtviolenhecke fuhr. – Eine männliche Gestalt näherte sich, und sagte den beiden Erschreckten mit bescheidner stimme: "meine gütigen Damen, könnte wohl ein wandernder Handwerker hier ein Obdach gegen das heraufziehende Gewitter finden? Die Hitze des Tages hat mich ungewöhnlich ermattet; ich erreiche vor Mitternacht nicht mehr das nächste Städtchen, und das Wetter würde mich in dem wald überfallen." Die stimme des Bittenden nahm für ihn ein, und beide Frauen waren geneigt den Müden zu erquicken. Minna antwortete zuerst: meine Freundin ist hier selbst ein Gast; aber meine eigne wohnung ist nicht fern, diese hat Obdach und bequeme Ruhestätte für jeden Rechtschaffnen. Gehe er dort links, mein Freund; sage er: ich schicke ihn; mein Mann wird ihn gewiss gastfreundlich aufnehmen. Der Wanderer war indess ihnen näher getreten, und der Mond schien ihm eben silberhell ins Gesicht. Ida, Minna's Freundin, sah ihn an, und fuhr, wie vor Entsetzen, von ihrem Sitz auf. Minna erschrak, fasste ihre Hand und fand sie kalt und zitternd. – "Ida! um Gottes Willen! Ida, was ist Ihnen?" Nichts, gar nichts, – sie fasste nach dem vor ihr stehenden Glase voll wasser. – Mir ist schon wieder wohl; – eine entfernte Ähnlichkeit dieses Mannes hat mich erschreckt, weilweil sie mich erinnerte – – "Woran, Liebe, woran?" – rief die lebhafte Minna – O fragen Sie nicht, Teure! es ist vorüber; es war nichts; ein Schattenbild das mich erschreckte. – Der Reisende stand betroffen und in flehender Stellung da; es tat ihm wehe die Frauen erschreckt zu haben. Er sagte nichts, bis Ida ihn fast blöde fragte: ich bitte, lieber Fremdling, wer ist er? – Hat er noch Eltern? – Ich bin, wie ich schon gesagt habe, ein reisender Professionist. Mein Leben und meine Schicksale haben nichts besonders. Von meinen Eltern lebt nur noch mein alter Vater, den der Gram um eine pflichtvergessne Tochter vor der Zeit zum stumpfen Greise machte. jetzt will ich heim gehen, sein Alter zu trösten. Ida war in stumme Wehmut versunken; Minna lobte sein Vorhaben, und gab ihm Anweisung, wie er sich in ihre wohnung einführen sollte, wohin sie bald folgen werde. Er ging; und jetzt erst bemerkte sie, wie ihre Freundin bleich und in Tränen gebadet neben ihr sass. Auf ihre zärtliche Frage erhielt sie bloss zur Antwort: Erinnerungen, Liebe, Erinnerungen, – sie fielen schwer auf mein Herz, als ich die Bildung dieses Menschen sah, der Ton seiner stimme durchdrang mich. Aber nun fragen Sie nicht weiter; ich will verschmerzen und vergessen. – Schlafen Sie wohl, Teure, fuhr sie fort, indem sie aufstand; morgen sehen wir uns wieder. – Nein, nicht so, meine Ida; so lasse ich Sie nicht. Ihr Herz drückt ein ungewöhnlicher Kummer; es ist mir nicht entgangen, wie oft eine Träne unwillkührlich diese schönen Wangen hinabschleicht; verschliessen Sie Ihr Herz nicht; gönnen Sie sich den Trost der Teilnahme, nirgends finden Sie sie wärmer, als in dem Busen Ihrer Minna. Leiden Sie nicht so allein, schöne Seele! – Schöne Seele! wiederholte Ida schmerzlich; ach! ich hätte es sein können; ichich würde sprechen, wenn mir Mut gemacht würde. – Würde es Ihnen Mut geben, wenn ich zuerst spräche? antwortete Minna schmeichelnd. War Ihre frühere Jugend vielleicht nicht ganz tadelfrei? drücken Erinnerungen an die Vergangenheit dies arme Herz: so will ich mit Offenheit vorangehen. Sie sollen mich kennen lernen, damit auch Ihr Herz sich öfne; wir werden ein froheres Dasein neben einander haben, wenn wir jede Falte unsrer Karaktere kennen. Morgen Abend beginnt meine einfache, aber in ihren Folgen für mich sehr bedeutende, geschichte. Für heute leben Sie wohl, Ihr angegrifnes Herz bedarf der Ruhe. – Sie schieden voneinander, und gingen eine jede ihrer wohnung zu. Als am folgenden Tage die Sonne hinter den Wald gesunken war, und die Dämmerung eintrat, fanden sich unsre Freundinnen wieder unter der freundlichen wirtbaren Linde ein. Ida fragte sogleich mit sichtlicher Bewegung, was aus den Wanderer geworden wäre? Gern hätte sie ihn noch einmal gesehen. – Er zog heute früh mit der Sonne seine Strasse, nachdem wir ihm gütlich getan. Ihre Ursachen mögen sein, welche sie wollen, meine Ida, der junge Mann war interessant. Ja ich mögte sagen, ich hätte Züge an ihm entdeckt, in Auge und Mund – – Doch still, still, ihr Gesicht zeigt Besorgniss; kein Wort mehr davon. – Lassen Sie uns davon abbrechen, Minna. Sie bemerken richtig: dies Gespräch quält mich. Halten Sie