d e r Schlag war mir nichts desto weniger höchst unerwartet und betäubend, da ich das Ehepaar in den öffentlichen Blättern als Verschwender bekannt gemacht fand. Dieser Umstand entflammte meinen ganzen väterlichen Zorn aufs neue. Nun, (dachte' ich) wenn ich denn züchtigen soll, so sei es; ich will den Elenden sehen, und meine Vorwürfe sollen ihn bis aufs Blut martern. Ich warf mich aufs Pferd, ohne meiner Frau Bescheid über mein Vorhaben zu geben. Ich trieb mein Tier bis zum Stürzen, eilte zur Stadt, und lief dann mit schwankenden Knieen und bebenden Lippen nach Falk's wohnung. Auf dem Wege dahin ordnete ich die Vorwürfe, die ich dem schändlichen Menschen der Reihe nach machen wollte: Julchens zerstörtes Glück, meinen Frieden, alles, alles! – Ich fand alles verschlossen und versiegelt; es war niemand da, der mir Bescheid gegeben hätte. Schon wollt' ich wieder fort, als aus einer Hintertür eine Matrone hervorkroch, und mich bat, in ihre stube einzutreten. Ich hütete mich zu sagen, dass ich der Vater wäre; und so hörte ich denn Nachrichten, die den Kältesten und Gefühllosesten bis aufs Mark erschüttert haben müssten. Von der Hochzeit an war es ein Jubiliren; heute Ball, morgen Konzert, den dritten Tag Konversation, und die Zwischenzeiten wurden in den Ressourçen vertrödelt. Die junge Madame war immer tiefer in diese Lebensart verwikkelt worden. Herr Falk äusserte Missbilligung und Eifersucht; der Hausfriede war gebrochen und das Übel ärger geworden. Darauf habe Herr Falk ein schönes junges Mädchen ins Haus genommen, unter dem Vorwande: seine Frau brauche bei ihrer vornehmen Lebensart eine Kammerjungfer. Diese habe er gar prächtig gehalten. Dagegen habe Madame, um sich zu rächen, Besuche von einen vornehmen Russen angenommen, von diesem grosse Geschenke erhalten, wie denn überhaupt dessen Freigebigkeit die Wirtschaft noch eine Zeitlang zusammengehalten habe. Mit einemmale sei es aber stiller geworden; Falk verbrannte Schriften, die Madame hielt sich inne und weinte; es habe verlauten wollen, der Herr werde arretirt werden; indess sei er in der Nacht mit der hübschen Kammerjungfer verschwunden. Die Madame habe nicht viel Wesens daraus gemacht. Den Abend darnach, als schon alles versiegelt gewesen, und man stark vermutete, die Dame werde mit ihrer person für den Mann haften müssen, sei sie in einer Reisekutsche mit sechs Extrapostpferden weggefahren. Wohin? wisse niemand; doch wollten einige Nachbarn den Kammerdiener des Russen im Wagen gesehen haben.
Nur die Furcht, mich zu verraten, hielt mich bei Anhörung dieser zermalmenden Erzählung aufrecht. Gott! Gott! meine arme tief gesunkene Tochter! – O, der heillosen Leichtgläubigkeit, die sich durch schwache und kurzsichtige Freunde hinhalten liess, bis das Übel zu dieser fürchterlichen Grösse anwuchs! Unerfahrner Eiche! Leichtgläubige Karoline! Doch Ihr meintet es gut; i c h , i c h allein war der Narr, der von seinem Schoosskinde gern das Beste glaubte! Aber diese fürchterliche, diese alle meine Kräfte übersteigende Strafe verdiente der arme, schwache und liebevolle Vater doch nicht! O, mein Herz! mein Herz! – –
Aus der Alten, die mir diese Nachrichten mitteilte, brachte ich noch Tag und Stunde ihrer Abfahrt heraus. Ich lief, ich flog auf die Post, und erfuhr, dass um die bezeichnete Stunde der russische Fürst *** abgereiset war. Ich ging nicht lange mit mir zu Rate, schrieb meiner Frau kurz weg: meine Angelegenheiten erforderten eine weite Reise; dann aber nahm ich Extrapost, und verfolgte ihre Spur bis in Liefland. Der Fürst hatte sich einige Tage bei einem Verwandten aufgehalten, und in Riga war ich ihnen schon nahe auf der Ferse. Durch einen zurückgelassnen Jäger hatten sie erfahren, dass ihnen jemand nachsetze, und aus der Beschreibung, die der Mensch von mir machte, musste meine Tochter mich erkannt haben. In Riga ward mir im Postause folgender Brief eingehändigt: – doch, lesen Sie ihn selbst, lieber Seelmann; er bricht mir immer noch das Herz.
Seelmann und seine Frau lasen den Brief stillschweigend. Grüntal verbarg indess sein Gesicht, und schluchzte laut.
"Ich weiss, dass mein Vater mich einzuholen sucht. Was soll ihm eine Tochter, die seine Tochter nicht mehr sein kann, da sie so entstellt ist? – Dem mit Recht erzürnten Vater auszuweichen, würde ich bis an's Ende der Welt flüchten. Tief im entferntesten Russland werde ich meine Schande vergraben. – Des Vaters Strafe und seine Güte würden mich in gleichem Grade elend machen. – Ich bin ja nicht mehr wert, von Vateraugen gesehen zu werden. Schande, Elend und Gewissenspein werden die Beleidigung aussöhnen; für mich ist auf ewig alles, alles verloren! – Ich wollte lieber sterben, als je wieder in dem ehemaligen Zirkel meines bessern und schuldlosern Lebens der Demütigung und Verachtung preisgegeben sein. O Lindenau! O du Grab meiner Mutter! – – Für mich ist alles dahin! – Dies ist das letzte Lebewohl, das die zerdrückte, vernichtete Tochter dem – ach! dem unaussprechlich unglücklichen Vater zuruft!
J u l i a n e ."
Nach langer, ängstlicher Pause brach Grüntal, als er sprechen wollte, wieder in einen Strom von Tränen aus. Ich fand ihre Spur nicht wieder; ich habe nie erfahren – – sprach er aus tief beklommener Brust. Leben Sie wohl, meine Freunde. – Er sprang ungestüm auf, und stürzte durch die Tür. Seelmann wollte ihm nach;