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arme, von Grund aus verwahrlosete geschöpf war den jammervollen Tod gestorben, der die unausbleibliche Folge schwankender Begriffe über die Zukunft, und eines tief verletzten Gewissens ist. In den Augenblicken, wo sie sich mit der Rückkehr ins Leben geschmeichelt hatte, waren ihre guten Entschlüsse und ihre Reue über die Torheiten ihres Lebens wieder in phantastische Träume eines bunten Welttaumels übergegangen, worauf sie noch rechnete. Der redliche Prediger, ihr Beistand, wurde hart angelassen, weil seine Gegenwart sie an den Tod erinnerte. Als sie aber fühlte dass ihr Herz brechen würde, rief sie ihn mit aller Kraft, deren sie noch fähig war, und umklammerte seine hände, als ob er sie retten und für sie sprechen sollte. So starb die Unglückliche, mit Verzweiflung ringend; und Julchen hatte von diesem warnenden Sterbeauftritte weiter keinen Nutzen, als dass sie ihre Briefe an die Verstorbene zurückerhielt, eine Woche weinte, und dann wieder abreisete, um sich bei Madame Brennfeld so lange aufzuhalten, bis der Wohlstand verstatten würde, die unselige Verbindung zu vollziehen.

Madame Brennfeld nahm ihre ehemalige Untergebene triumphirend und mit offnen Armen auf. Falk hatte sie schon von der anstössigen geschichte unterrichtet, und sie hatte sich selbst erboten, die Demoiselle aufzunehmen, damit die D e h o r s gerettet würden; denn im grund (glaubte sie) käme doch alles nur auf die Meinung der Welt an, und ständen wir bei dieser gut, so sei unsre Wohlfahrt fest genug gegründet. übrigens könne man es einem so liebenswürdigen mann nicht verdenken, wenn er sich von der Himmelsstürmerin (Karolinen) lossagte. Diese Heiligen, die bei jedem Schritte zusähen, ob sie auch nicht fallen würden, wären ihr in der Seele zuwider. Julchen habe ausserordentliche Fortschritte in dem Gebrauch ihrer Vernunft gemacht, und sie sei doch nun endlich ein selbstständiges Wesen geworden, das die traurige anhänglichkeit an verjährte Vorurteile glücklich abgeschüttelt habe. – So ungefähr urteilten auch die feinen Gesellschaften und Kliken. In andern tadelte man Karolinens Nachgiebigkeit, als strafwürdige Schwäche, die ein böses Beispiel gäbe. Nur der würdige E i c h e und einige ganz vertraute Freunde bewunderten die Grösse ihres Entschlusses, und ihre edle Beharrlichkeit, die um so rühmlicher war, da sie, ihres Mannes und ihrer Nebenbuhlerin zu schonen, alle diese schiefen Urteile hinnahm, ohne ein Wort zu ihrer Rechtfertigung zu verlieren. In dieser unglücklichen Zeit erhielt ich viele Briefe von E i c h e n , in welchen er, bei dem redlichen Bestreben, mich zu trösten, mit grosser Delikatesse über die traurige Angelegenheit sprach, die er freilich ohne Affektation nicht ganz mit Stillschweigen übergehn konnte; aber aus der Heiterkeit, die er vorgab und mir mitzuteilen suchte, blickte ein tief angegriffenes Herz hervor. Ich fühlte es immer schmerzlicher, dass dieser Vortreffliche nicht mein Schwiegersohn geworden war.

Die Heirat, die ich mehr als den Tod verabscheute, ward durch einen Vorfall beschleunigt. Madame Brennfeld hatte in einem schwachen Augenblicke vergessen, dass ihr an der Meinung der Welt alles liegen müsse. Jetzt wurde sie von einem Vorfalle überrascht, der, so klein er war, doch gewaltig viel Lärmen machte. – Unverblümt: – sie genas eines kleinen Weltbürgers, den sie, zufolge ihres hellen vorurteilfreien Geistes, der sich über die Fesseln hergebrachter Konvenienzen zu erheben wusste, mit herzlicher Freude aufnahm. – Nur der Umstand störte ihre Mutterfreude, dass der Ritter sich durchaus nicht zur Vaterschaft verstand, sondern sie einem jungen Israeliten zuschob, welcher der Dame Logik und Anfangsgründe der Matematik beigebracht hatte. Doch, auch über diese Verlegenheit schwang ihr fesselfreier Geist sich hinweg; war die Vaterschaft streitig, so war doch ihre Mutterschaft keinem Zweifel unterworfen. Sie freute sich der Frucht ihrer gelehrten Vorlesungen, erzog sie selbst ganz öffentlich, und liess das Problem unaufgelöset.

Indess war die Welt weniger tolerant, als die Dame vermutet hatte. Sie, die für jedes Laster, jede Abweichung von dem Wege des Guten einen toleranten Spruch hatte, wurde jetzt mit unerbittlicher Härte verdammt, und die Eltern nahmen in möglichster Eile ihre Kinder zurück. Auch Falk, diesem tugendhaften mann, gab dies einen erwünschten Vorwand; er eilte, sein Julchen zu holen, und, um den Wohlstand zu retten, liess er sich, in Gegenwart einiger Zeugen, sogleich mit ihr trauen, welches ihm gegen Erlegung einer namhaften Summe nicht verweigert wurde. Nun sollte ich hinterher meinen väterlichen Segen schikken. – Ach Gott! durft' ich ihnen denn fluchen? – Karoline hatte mit einer ehrwürdigen Seelengrösse ihren Vorsatz ausgeführt; sie kam aber nicht zu mir, aus Besorgniss, dies würde nur unsern gemeinschaftlichen Gram nähren. Ich selbst wurde, ungeachtet des inneren Kummers, den ich in keiner Stunde meines Lebens ganz vergass, nach und nach wieder hergestellt. Meine Söhne, die trefflichen Jungen, taten alles, um mir Ersatz für die verwahrlosete Tochter zu sein; auch nahm ich mir ganz im Ernste vor, nun weiter nicht eigensinnig auf Freuden von der Seite her zu bestehen, sondern meine Söhne desto inniger an mich zu schliessen. In meiner häuslichen Verfassung fanden sich auch mancherlei Zerstreuungen. Eine von der Regierung niedergesetzte Kommission, die Ämter und Pachtungen zu untersuchen, nahm mir viel Zeit weg. Es vergingen andertalb Jahre, in welchen ich bloss durch einen seltnen Briefwechsel Nachricht von den Turteltäubchen aus der Stadt bekam. Ein bei der Kommisson befindlicher Rat hatte mir zwar zu verstehn gegeben, dass Falk's Umstände die besten nicht wären; – – aber