erblasste. Weiter wollt' ich die Rache nicht treiben; ich trat vor ihn hin, und da ich meiner stimme Festigkeit genug zutraute, nahm ich seine Hand mit der wahrsten Gutmütigkeit, und sah ihm mitleidig ins Auge, denn sein Zustand, in welchen ich mich ganz versetzte, ging mir tief zu Herzen. Dann sagt' ich: lieber, lieber Mann, glaubst Du, dass ich Dich mehr wie mein Leben, mehr wie mein irdisches Glück liebe? Ich schlang meinen Arm um ihn. Er sah mich verwundert an; die Frage: 'was das werden sollte?' schwebte auf seinen Lippen, doch fragte nur sein Auge. Jetzt legte ich ihm unser verstimmtes verhältnis rein und deutlich vor; er unterbrach mich nur selten, bewunderte zwischendurch, was er meine Grossmut nannte, verteidigte sich nur schwach wenn ich seiner leidenschaft erwähnte, und widersprach meinem Entschlusse, ihn der geliebtern J u l i a n e abzutreten, grade nur so viel, dass er dann um so schicklicher zu einer Lobeserhebung meiner Seelengrösse, und zu einem Dank, worin sich die glühendste leidenschaft für meine Nebenbuhlerin ergoss, übergehen konnte. Ich läugne nicht, dass ich betroffen und höchst bewegt wurde, da er anfing die Trennung von der juristischen Seite zu betrachten, und unter einigen Punkten, welche sie erleichtern würden, auch den meiner schwächlichen Gesundheit anführte, die mich zur Bestimmung des Weibes, im weitern Umfange, unfähig machte; aber diese Bemerkung diente zugleich, mich in meinem Entschlusse zu bestärken, da ich wohl einsah, dass ich jetzt noch freiwillig geben konnte, was man mir in der Folge herrisch abgefordert haben würde. Ich sah nur zu klar, dass ihm die Vorstellung der Trennung nicht mehr neu war; ich war ihm bloss zuvorgekommen. Ich überliess ihm, der Geliebtern das Resultat dieser peinlichen Unterredung zu melden; und übernahm es, sie zu ihrer Einwilligung zu bewegen. Da Ihre Liebe zu mir, mein Onkel, derselben im Wege stehen könnte, so beteure ich Ihnen heiligst, dass ich auf keinen möglichen Fall bei ihm bleiben werde. Auf Glück und häusliche Freuden müsste ich, bei meiner Art zu empfinden, für immer Verzicht tun. Meine Vermögensumstände lassen es ebenfalls zu. Ich will nicht unnütz in der Welt sein; eine kleine Stadt in Ihrem Kreise soll mich aufnehmen, und ich will junge Mädchen lehren, gute Frauen und Mütter zu werden. Ich will erziehen und bilden.
Unschicklich wär's auf jeden Fall, wenn Julchen jetzt in unserm haus lebte; darum ist beschlossen, dass sie sich bis zur Entscheidung bei ihrer Madame Brennfeld aufhalten soll. Wenn Sie bedenken, dass sie nun mit einemmal den Gefahren entrissen wird, so muss das einen Stein von Ihrem Herzen wälzen. Der arme Eiche! wie wird sein ehrliches Herz von neuem bluten! – Man wird freilich in Gesellschaften diesen seltenen Fall beträtschen; aber irgend ein Wochenbett oder neues Schauspiel wird auch diese neue Mähr verdrängen. Ich füge noch hinzu – denn, erfahren müssen Sie's doch: – mein Mann hat geeilt, die Sache unwiderruflich zu machen. Die Scheidepunkte sind schon eingegeben. Gott stärke uns alle! etc."
Es fällt mir schwer, ja fast unmöglich, Ihnen den Eindruck zu schildern, den diese höchst unerwarteten Nachrichten und Äusserungen meiner Nichte auf mich machten. Gänzliche Betäubung, Stillstand, Hemmung aller meiner Seelenkräfte könnte ich meinen damaligen Zustand am füglichsten nennen. Diesem, und der vom hitzigen Fieber zurückgelassenen Abspannung meiner Nerven muss ich es wohl zuschreiben, dass ich an Falken, an Karolinen und meine Tochter in unbestimmten, der Stärke meiner Missbilligung wenig entsprechenden, Ausdrücken schrieb, und mich leidend verhielt, weil ich nichts mehr abwenden zu können glaubte. Mein, in gesunden Tagen nicht unwirksamer, Geist war ohne Spannkraft, und ich gab es auf, dem immer zunehmenden Leichtsinne meiner Tochter entgegenzustreben. Sie hat Ehr' und Tugend aufgegeben, was wird ihr ferner Kindespflicht sein? – Ich gab stillschweigend zu, was ich nicht hindern konnte, und was sie, ohne mich zu fragen, getan haben würden. Mein Unvermögen, über die verhasste Sache mich deutlich auszulassen, war so gross, dass ich mich in meiner Antwort an Karolinen sogar ganz kurz fasste, und mich in nichts Bestimmtes einliess. Meine sonstige Empfindlichkeit war bis zum Stumpfsinn verhärtet. Das liebende Paar hatte sich auf gewaltigen Sturm meiner Seits gefasst gehalten; nun gerieten beide in unnennbares Entzücken, da sie mich wider Erwarten so bereitwillig fanden, ihre feurigsten Wünsche zu befriedigen. So drückten sie sich in ihren Briefen an mich aus. Julchen hatte im Herzen immer nicht gezweifelt, dass ich aufrichtig ihr Glück wolle. Sie zierte sich unausstehlich, sprach vom u n w i d e r s t e h l i chen Drange gleichgestimmter Seel e n , von erstaunlichem Kummer, vielleicht betrüben z u m ü s s e n , und von der h ö c h s t t r a u r i g e n N o t h w e n d i g k e i t , der besten, edelsten Frau einen geliebten Mann zu rauben. – Meine Freunde, erlassen Sie mir eine zergliederte Erzählung meines Jammers. Ich eile über diesen Zeitpunkt leise hinweg; es ist der schmerzlichste teil meiner Wunde. Diese, meinen Abscheu erregenden, Briefe beantwortete ich gar nicht. Die Scheidung ging bei Zustimmung der Parteien leicht vor sich. Indess war Julchen von Marianen zurückgekommen. Das