Reiz des Ausdrucks in diesem Stücke. – Wechselsweise las Karl und Julchen. Ich hatte vorher noch nie ihren Ton sich so bis zur höchsten leidenschaft erheben hören. Sie sassen auf einem, der Tür gegenüberstehenden, Sopha, sich fest umschlingend. – O, mein Gott, wie wankte ich zurück! wie weh tat dieser Anblick meinem armen Herzen, das den Leichtsinnigen nicht fassen konnte! Sollte ich nun hineindringen, die Falschen beschämen, oder den Ausgang dieses gefährlichen Auftritts abwarten? Ich entschloss mich zum letzteren. 'Wenn Karoline,' sagte der Liebhaber, 'eines solchen Opfers fähig wäre!' – 'Ach,' seufzte das liebetrunkene Mädchen lispelnd, 'das kann sie nicht! wo schlägt ein Herz, das sich zu einer solchen Selbstverläugnung gross genug fühlte?' – Sie schmiegte sich enger an ihn, ich sah's in einem verräterischen Spiegel; und nun eine Stille, in der für mich Todesqual lag. 'Wenn ich nun Karolinen meine ganze Kälte, meine Abneigung mit ihr zu leben, meine glühende Liebe für mein göttliches Mädchen, etc. blicken liesse, auch dann sollte sie mich nicht loslassen können? glauben Sie es nicht, L i e b s t e ?' – 'Nein, nein, sie wird, sie kann es nicht!' – 'O, glauben Sie mir, Teuerste, das gute Weib liebt mich zu innig, als dass sie sich meinem wahren Glückke in den Weg stellen sollte. Ihre Begriffe von Edelmut und Heldentugend sind zu romantisch gespannt, als dass sie sich nicht zu dieser Höhe sollte erheben können.' – 'Ja, besonders wenn sie erst ein paarmal Betstunde gehalten hat!' sagte Julchen höchst bitter. – O, wahrlich, dies, dies verdiente ich nicht um sie! mein Onkel, dies verwundete mein Herz in seinem edelsten Teile! Ich erlag fast, und wie in weiter Ferne tönten mir die Versicherungen ihrer strafbaren Liebe ins Ohr. Ich vergoss die bittersten Tränen, die ich in meinem Leben geweint habe.
Es wird Sie in Erstaunen setzen, lieber Onkel, dass
ich Mut genug hatte, einen solchen Auftritt auszuhalten. – Ungewöhnliche Vorfälle geben der Seele ungewöhnliche Kräfte, so wie auch die physischen Kräfte bei gewaltsamen Zumutungen des Schicksals sich auf einen wirkenden Punkt konzentriren, und oft wundervolle Stärke äussern. Ich würde aber schwerlich im stand sein, Ihnen die wild durch einanderlaufenden Vorstellungen und Entschlüsse dieses Momentes auseinanderzusetzen. Leidenschaften, stark, wie ich sie zuvor nie in mir bemerkt hatte, erhoben sich in meinem Innersten, und wurden von ganz entgegengesetzten verdrängt. Jetzt, da ich die ganze schmerzliche Szene noch einmal durchempfunden habe, fühl' ich hell und bestimmt, was zu der Zeit dunkel in mir aufstieg: dass ich mir weiter kein Glück in der Verbindung mit einem mann versprechen dürfe, dessen Herz mich entschieden aufgegeben habe, und für eine Andere schlüge. Überraschung der Sinnlichkeit hätte ich der schwachen Menschlichkeit verziehen; aber einen durchdachten Plan! Ich sah eine Zukunft voll der bittersten Leiden und anhaltender Kämpfe voraus, wenn ich mich seinen Absichten widersetzte; also e i n Kampf, für t a u s e n d , die ich vielleicht in der Folge nicht immer bestehn würde. Oder sollt' ich ruhig seiner Wiederkehr warten? zufrieden sein mit dem Teile seines Herzens, welcher der Hausfrau bliebe, wenn irgend Krankheit oder Unfall ihn der Geliebten gleichgültig gemacht hätte? – Sein Glück ist mir teurer als mein eigenes; ich will ihm das Opfer ruhig und freiwillig bringen. Er gehöre der Geliebteren. Ich wagte aber nicht, den im Tumulte so mannichfacher Leidenschaften gefassten Entschluss auszuführen, bis er durch öfteres Beschauen und kaltes Betrachten zu besserer Reife gediehen war. Doch, er siegte in allen Prüfungen, und jetzt erwartete ich nur eine schickliche gelegenheit, um ihn den Hauptpersonen mitzuteilen. Sie ereignete sich einige Wochen nach Julchens Abreise.
Mein Mann war nicht zu haus, als ein Brief von Julchen an ihn ankam. Ich unterlag der Versuchung, ihn zu lesen, nicht; denn nun stand es deutlich vor mir, dass ich ihn zur Ausführung des Plans nützen könne, der bis zum Erkranken meiner physischen Kräfte in mir arbeitete. Nach Tische pflegte mein Mann in seinem Zimmer zu arbeiten; ich ging zu ihm, gab ihm den Brief, und beobachtete ihn dabei so ruhig als möglich. Er ward über und über rot; es versetzte ihm den Atem, er zitterte, besah das Siegel, und legte ihn hin. 'Nun? es ist schon gut, Frauchen;' sagte er, und tat als wolle er fortarbeiten. – Ich ging zur Tür, und blieb stehen. Er sah sich, gebückt wie er sass, nach mir um, und sagte etwas ungeduldig: 'Nun?' Ich sagte in einem vielleicht wankenden Tone, – denn seine Betroffenheit richtete meinen sinkenden Mut auf: – ich dachte, der Brief sei von Julchen, und da wüsst' ich doch gern, wie's ihr geht. 'Von Julchen sollt' er sein?' sagt' er, den Kopf schüttelnd, als hätt' er's nicht gleich gesehen; 'hm!' – – Erbrich ihn doch, lieber Karl, er ist gewiss von ihr. – Nun musst' er wohl, aber nur mit flüchtigen Blicken durchlief er ihn; ich bin gewiss, er fasste kein Wort von dem Inhalte. Die hände zitterten ihm; er